Erinnern und Gedenken Erinnern heißt verändern

Kiezspaziergänge zu Stolpersteinen und für eine würdige Erinnerungskultur

Zwei Stolpertsteine im Pflaster, dahinter eine rote Friedhofskerze
Anna Gold

„Es darf kein Vergessen geben! Ein einfacher Satz. Es ist ein Satz, der uns verbindet. Hinter seiner Einfachheit verbergen sich die Geschichten und Erfahrungen Unzähliger. Er ist die Lösung antifaschistischer Kämpfe, die eine Linie der Kontinuität aufzeigt, die von Hanau im Jahr 2020, nach Mölln im Jahr 1992, bis hin zur nationalsozialistischen Gewalt der 1930er und 1940er Jahre reicht. Dieser Satz ist nicht nur das verbindende Element unserer Kämpfe, er ist auch die Bedingung für ein würdiges Erinnern. Ein würdiges Erinnern, das wir gewillt sind zu erkämpfen.“[1]

Mit diesem einfachen Satz „Es darf kein Vergessen geben!“ leiten Newroz Duman[2] und İbrahim Arslan[3] ihre Denkschrift für eine würdige Erinnerungskultur unter dem Titel „Von Mölln bis nach Hanau: Erinnern heißt verändern“ ein, die sie am 19. Februar 2021, dem Jahrestag des rassistischen Anschlags in Hanau veröffentlicht haben. Eine würdige Erinnerungskultur müsse die Kontinuität rechter Gewalt und auch die Erfahrungen der migrantischen Selbstorganisation in den Blick nehmen sowie entsprechende Konsequenzen für die Praxis des Erinnerns ziehen. Diese Aufgabe und Herausforderung nehmen wir in verschiedenen Kontexten auch mit für die eigene Praxis an der ASH Berlin – ob als Lehrende, Studierende oder Mitarbeiter_innen in der Verwaltung. Das zeigen  in Ansätzen die verschiedenen Kiezspaziergänge in 2020 zu Stolpersteinen im Bezirk Marzahn-Hellersdorf sowie zu weiteren exemplarischen Orten antirassistischen und antifaschistischen Erinnerns und Handelns, die wir in diesem Beitrag vorstellen möchten.

Raus aus der Hochschule – rein in die Kieze: Solidarische Praxen und Kieze vor Ort gestalten

Lehren und Lernen aus der Geschichte und mit Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Themen findet nicht nur in Seminarräumen statt. So stellen unter anderem die bereits seit 2009 über das Kooperationsforum initiierten „Spazierblicke“ ein niedrigschwelliges Format dar, das auch für kleinere Gruppen geeignet ist, den eigenen oder einen noch unbekannten Stadtteil mit thematischem Bezug – bei unseren Beispielen – zu verschiedenen solidarischen Praxen zu erkunden und „laufend“ Orte und Projekte widerständiger demokratischer Alltagskultur kennenzulernen. In Exkursionen als Teil von Seminaren haben wir uns mit Fragen solidarischen und würdigen Gedenkens und Erinnerns auseinandergesetzt. So haben wir an Kiezspaziergängen und Spazierblicken teilgenommen und/oder diese selbst (mit)entwickelt.

Stolpersteine: „Putzen wider das Vergessen - Erinnerung pflegen“

Stolpersteine – das sind zehnmal zehn Zentimeter große, mit einer Messingplatte besetzte Pflastersteine. Sie erinnern an Menschen, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten verfolgt, entrechtet, vertrieben und ermordet wurden. Auf der Messingplatte an der Oberseite sind der Name und das Schicksal des Menschen, an den erinnert wird, zu lesen. Die kleinen Betonquader werden von dem Künstler Gunter Demnig vor den letzten frei gewählten Wohnorten der Opfer in den Boden eingelassen.

2020 fand gemeinsam mit dem Bündnis für Demokratie und Toleranz ein Spazierblick zu ausgewählten Stolpersteinen in Kaulsdorf und Mahlsdorf statt [4]. Wir waren begeistert von dem großen Interesse an diesem Spazierblick und zugleich beeindruckt von den für uns recht „versteckten“ Orten der Stolpersteine in den Ein- und Mehrfamilienhaus-Wohngebieten in Kaulsdorf und Mahlsdorf: Wir „stolperten“ hier wirklich nur über die Gedenksteine, weil wir sie bewusst und geführt aufsuchten. Manche Nachbar_innen pflegen regelmäßig und liebevoll „ihre“ Stolpersteine vor der eigenen Haustür und beschäftigen sich mit den Lebensgeschichten der Menschen, an die erinnert wird. Andere Nachbar_innen waren nicht erfreut, als „ausgerechnet vor ihrer Haustür“ Stolpersteine verlegt werden sollten – und wurden. Das sind ernüchternde Berichte bei unserer ersten Tour, aber eben auch sehr schöne und Mut machende, bewegende Begegnungen, die wir zum Beispiel bei unserer zweiten Tour erlebt haben: Einem Putzspaziergang im September 2020, den wir im Rahmen der Berliner Freiwilligentage als Aktion und Angebot der Kampagne Solidarische Kieze angeboten haben. Unser Putz-Spaziergang führte uns zur Lohengrinstraße 2 zu den Gedenksteinen von Heinrich Lange, Rosa Lange, Manfred Lichtenstein, Max Lange, Salo Lange und Denny Lange, zur Hannsdorfer Straße 8, wo an Emil Roth, Emilie Roth und an Hedwig Mentzen erinnert wird sowie zur Nentwigstraße 10, wo wir auch den Stolperstein für Eva Wolff von Straßenschmutz und Patina befreiten.

Erinnern und Organisieren! – Solidarische Kieze entwickeln

Ein weiterer Spazierblick führte die Teilnehmenden zu ausgewählten Orten antirassistischen und antifaschistischen Erinnerns und Handelns in Hellersdorf-Nord und -Ost. Dieser Kiezspaziergang unter dem Motto "Erinnern und Organisieren! – Solidarische Kieze entwickeln" wurde entwickelt vom Register zur Erfassung rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle Marzahn-Hellersdorf, dem AK gegen Rechte Gewalt und der antirassistischen Registerstelle an der Alice Salomon Hochschule – und ebenfalls im Rahmen der Freiwilligentage und der Spazierblicke-Reihe als Beitrag zur Kampagne Solidarische Kieze angeboten.

Start war am Alice-Salomon-Platz. Dort findet seit 2009 jährlich das Demokratiefest „Schöner leben ohne Nazis“ statt, und der Platz war in der Vergangenheit schon häufig Start- und Endpunkt extrem rechter Aufmärsche. Weiter ging es zunächst zur Schule am Rosenheim, in deren Hof am 9. Juli 2013 eine Informationsveranstaltung des Bezirks über die damals geplante Notunterkunft für Geflüchtete im ehemaligen Max-Reinhardt-Gymnasium in der benachbarten Carola-Neher-Straße eskalierte und als „Brauner Dienstag“ in die Geschichte des Bezirks weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt wurde: Extrem Rechte tarnten sich als „Bürgerinitiative/Bürgerbewegung Marzahn-Hellersdorf“, mobilisierten gegen die Unterkunft und die Menschen, die dort einziehen sollen und kaperten damals die Veranstaltung. Danach ging es zu antirassistisch und antifaschistisch motivierten Praxen und Orten: zur Gemeinschaftsunterkunft in der Maxie-Wander-Straße, dem Ladenlokal „LaLoKa“ und dem Café Interfix im Kastanienboulevard über das „Café auf Rädern“ der evangelischen Kirchgemeinde Hellersdorf und zum Schluss, den „Place Internationale“ passierend, zum Cottbusser Platz, in dessen Umfeld immer wieder extrem rechts motivierte Angriffe und Bedrohungen dokumentiert werden.

Aus- und Lichtblick

Inspiriert von der Teilnahme an dem Kiezspaziergang „Erinnern und Solidarisieren“ entwickeln aktuell Studierende unterschiedlicher Seminare im Bachelor Soziale Arbeit als Vertiefung zu den Themen Solidarität und Antirassismus, antifaschistische Gemeinwesenarbeit und würdige Erinnerungskultur nun eigene Projektideen, die sie mit der Arbeit von Akteuren vor Ort verknüpfen bzw. diesen für eine Weiterentwicklung zur Verfügung stellen möchten. Wir werden auch zukünftig diese und weitere Formen der aktiven und solidarischen Erinnerungsarbeit pflegen – ob bei Aktivitäten in Marzahn-Hellersdorf, in anderen Kiezen, in anderen Städten, mit Bezug zur nationalsozialistischen Gewalt der 1930er und 1940er Jahre ebenso wie zu aktuellem rechten Terror. Denn: "Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst" – Um mit den Worten des in Hanau ermordeten Ferhat Unvar abzuschliessen.

 


[1]

    Duman, Newroz/Arslan, İbrahim (2021): Von Mölln bis nach Hanau: Erinnern heißt verändern, abrufbar unter: www.boell.de/de/2021/02/19/von-moelln-bis-nach-hanau-erinnern-heisst-veraendern

[2]    Newroz Duman kämpft in der Initiative 19. Februar um Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen der rassistischen Anschläge in Hanau. Sie ist als Referentin in der politischen Bildungsarbeit tätig und als Aktivistin für Selbstorganisierung, Flucht, Empowerment und Antirassismus seit 2008 bei „Jugendliche ohne Grenzen“ und seit 2017 bei "We'll come United" aktiv. Newroz Duman ist 2002 über das Mittelmeer nach Deutschland geflüchtet und lebt in Hanau.

[3]    İbrahim Arslan überlebte als siebenjähriger Junge die rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992. Seine Großmutter Bahide Arslan, seine Schwester Yeliz Arslan und seine Cousine Ayşe Yılmaz verloren bei dem Anschlag ihr Leben. Er engagiert sich seit vielen Jahren vor allem in Schulen als Politischer Bildungsreferent und stärkt die Perspektive der Betroffenen.

[4]    Zum initiierten Stolpersteine-Spazierblick siehe auch: Elène Misbach (2020): Solidarität – Kooperationen zwischen ASH Berlin und Marzahn-Hellersdorf. In: alice 39, S. 88-92.

 


Zum Weiterlesen:
Gabriele Fischer (2018): Verwerfungen der Betrauerbarkeit - Aushandlungen des Gedenkens. Dynamiken des Erinnerns an Opfer rechter Gewalt seit der Selbstenttarnung des NSU, in: Dimbath, Oliver/Kinzler Anja/Meyer Katinka (Hg.): Vergangene Vertrautheit. Soziale Gedächtnisse des Ankommens, Aufnehmens und Abweisens. Wiesbaden, S. 75 – 92.
Vera Henßler (2020): Umkämpfte Erinnerung, in: apabiz (Hrsg): monitor 88, S. 1-3.
Lydia Lierke, Massimo Perinelli (Hg.) (2020): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive, Berlin.


Kampagne Solidarische Kieze in Marzahn-Hellersdorf
Solidarische Kieze ist eine Kampagne für alle, die sich aktiv für offene, solidarische, vielfältige und demokratische Nachbarschaften einsetzen. Initiiert von verschiedenen Akteur_innen aus dem Kooperationsforum ASH – Bezirk sowie dem Bündnis für Demokratie und Toleranz ist die Kampagne im März 2020 gestartet. Vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordnetenversammlungen im Herbst 2021 haben die beteiligten Akteur_innen auf bezirklicher Ebene mit der Kampagne an ähnliche Ansätze angeknüpft – wie zum Beispiel dem zivilgesellschaftlich breit angelegten, bundesweit agierenden Bündnis #unteilbar – und vor Ort  in die Entwicklungen zunehmender gesellschaftlicher Polarisierungen eingegriffen. Dazu gehören auch Interventionen im öffentlichen Raum und konkrete solidarische Unterstützung von Opfern rechter und rassistischer Gewalt, von Geflüchteten und Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus sowie anderen marginalisierten Gruppen.
Interesse mitzumachen oder eine eigene Aktion zu teilen?
Kontakt: koordinierungsstelle-mh@ pad-berlin.de oder solidarische_kieze@ash-berlin.eu
Website: https://buendnis.demokratie-mh.de/was-wir-tun/kampagne-solidarische-kieze-in-marzahn-hellersdorf/

 

 

Redaktionelle Anmerkung:
Dieser Beitrag wurde im Frühjahr 2021 veröffentlicht in der 6. Ausgabe der Broschüre Dunkelziffer unbekannt und ist in einer redaktionell überarbeiteten Version als Bericht der Kampagne Solidarische Kieze im Demokratiebericht 2020 der Koordinierungsstelle für Demokratieentwicklung Marzahn-Hellersdorf erschienen.
Jeden 19. des Monats organisieren die Angehörigen und die Initiative 19. Februar zur Erinnerung an die Menschen, die bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ermordet wurden, Gedenkaktionen mit Kerzen und Blumen auf dem Hanauer Hauptfriedhof sowie an den beiden Tatorten. Mit der Veröffentlichung des Beitrags im alice online Magazin am 19. November 2021 möchten auch wir erinnern und gedenken sowie unsere Solidarität mit den Angehörigen, Überlebenden und Freund_innen der Opfer zum Ausdruck bringen.