Am 10. Juli 2026 kamen die Beteiligten des seit 2023 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten und am Alice Salomon Archiv verorteten Projekts „Soziale Arbeit als koloniales Wissensarchiv“ (KOL-LAB) im Schloss 19 in Berlin-Charlottenburg zusammen, um die Ergebnisse von 3,5 Jahren gemeinsamer Archiv-, Lehr- und Forschungsarbeit vorzustellen und zu diskutieren. Der Projektabschluss verstand sich als gemeinsamer Reflexions- und Begegnungsraum, der wissenschaftliche Präsentationen, künstlerisch-kreative und archivpädagogische Methoden und den Austausch zwischen Studierenden, Forschenden und Praxispartner_innen miteinander verband.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie koloniale Wissensordnungen die Geschichte Sozialer Arbeit bis heute prägen und wie diese kritisch historisiert, vermittelt und verändert werden können. Entsprechend griff die Veranstaltung zentrale Arbeitsweisen des Projekts auf und machte sie für die Teilnehmenden unmittelbar erfahrbar.
Den Auftakt bildete eine kollektive Web-Aktion, angeleitet von Teresa Fagbohoun (Universität der Künste Berlin). Das gemeinsame Weben diente dabei nicht nur als künstlerischer Einstieg, sondern veranschaulichte die im Projekt entwickelte Arbeitsweise: Unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen wurden miteinander in Beziehung gesetzt und zu gemeinsamen Webstücken verwoben. Das entstandene Gewebe begleitete den gesamten Veranstaltungstag und wurde am Nachmittag gemeinsam abgenommen und verknotet.
Gemeinsam forschen: Die Lehrforschungsstandorte des KOL-LAB
Ein besonderer Schwerpunkt der Abschlussveranstaltung lag auf den studentischen Forschungsarbeiten, die in den vergangenen drei Jahren an den verschiedenen Lehrforschungsstandorten entstanden sind. Vertreten waren drei Gruppen ehemaliger und aktueller Studierender, die das Projekt in unterschiedlichen Phasen mitgestaltet haben. Von der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) nahmen u.a. Studierende des Projektmoduls „Dekoloniale und feministische Perspektiven auf Theorie, Widerstand und Praxis der Sozialen Arbeit“ teil, das seit dem Wintersemester 2025/26 von María Fernanda Sarmiento Castaño und Dr. Dayana Lau geleitet wird. Im Rahmen eines Workshopformats präsentierten sie drei interaktive Beiträge: einen Podcast zum Thema „Jineolojî – Eine Frauenbewegung und Wissenschaft“, die Ausstellung „Von Trauer zu Wut zu Widerstand – feministische Trauerprozesse in Abya Yala und Berlin“ sowie die interaktive Ausstellung „Black Feminism(s) – eine Annäherung an/in Vielstimmigkeit“. Mit diesen Formaten griffen die Studierenden zentrale Fragestellungen des Projekts auf und eröffneten Zugänge zu dekolonialen und feministischen Perspektiven auf Geschichte, Erinnerung und Soziale Arbeit.
Ebenfalls vertreten waren ehemalige Studierende der Hochschule RheinMain Wiesbaden, die unter der Leitung von Prof. Dr. Wiebke Dierkes im Studienjahr 2023/24 ein Projektseminar durchgeführt hatten. Im Rahmen ihrer Lehrforschung entstanden Podcasts und Lehrvideos, eine Ausstellung, eine dekoloniale Stadtkarte und weitere Vermittlungsformate zur kolonialen Geschichte Sozialer Arbeit. Die Ergebnisse sind hier gebündelt abrufbar. Eine dritte Gruppe bildeten ehemalige Studierende der Philipps-Universität Marburg, die im Wintersemester 2023/24 unter der Leitung von Prof. i. R. Dr. Susanne Maurer zum Projekt gearbeitet haben. Mehrere von ihnen verfassten Haus- und Abschlussarbeiten im Projektkontext und setzen ihre wissenschaftliche Arbeit inzwischen an anderen Hochschulen fort. Für viele von ihnen war es bereits das zweite Zusammentreffen im Projekt, nachdem sie bereits am standortübergreifenden Kick-off im November 2023 in Berlin teilgenommen hatten.
Die Studierendengruppen der Universität Hildesheim sowie des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Berlin konnten in diesem Jahr nicht am Abschlussevent teilnehmen. Umso mehr freute sich das Projektteam über die Anwesenheit der langjährigen Projektpartnerinnen Dr. Z. Ece Kaya, die das Projektseminar am Standort Hildesheim leitete, sowie Sabine Sander, Archivarin, und Silke Bauer, Kulturreferentin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Berlin (PFH). Mit ihrer Teilnahme blieb auch die Zusammenarbeit mit diesen beiden Projektstandorten beim Projektabschluss sichtbar.
Neben den Projektpartner_innen aus Berlin, Marburg, Wiesbaden und Hildesheim waren zahlreiche Wegbegleiter_innen, Critical Friends, u.a. Dr. Denise Bergold-Caldwell, Sheila Ragunathan und Serpil Polat, sowie Kooperationspartner_innen eingeladen, die das Projekt in unterschiedlichen Phasen kritisch-solidarisch begleitet und unterstützt hatten.
Forschung, Vermittlung und Care zusammendenken
Neben den studentischen Lehrforschungsprojekten prägten weitere interaktive Formate den Charakter der Abschlussveranstaltung und eröffneten Räume für gemeinsames Lernen, Erinnern und Care.
Im Schreibworkshop „Writing the ‘Other’? – Schreibworkshop zu epistemischer Gewalt in der Erinnerungsarbeit“ lud To Doan die Teilnehmenden dazu ein, die Machtverhältnisse des Schreibens und Archivierens zu reflektieren. Ausgehend von Fragen epistemischer Gewalt wurden Möglichkeiten erprobt, marginalisierte Erfahrungen sichtbar zu machen, ohne sie (erneut) zu vereinnahmen oder zu objektivieren. Ein weiterer Bestandteil der Veranstaltung war der Zeitstrahl der Verflechtungen, den Z. Ece Kaya, Wiebke Dierkes und Dayana Lau vorstellten. Der Zeitstrahl verknüpft die Geschichte Sozialer Arbeit mit kolonialen, eugenischen, rassistischen, antisemitischen und feministischen Auseinandersetzungen und macht historische Kontinuitäten ebenso sichtbar wie Brüche und Widersprüche. Zugleich bot er einen Anlass, die Ergebnisse der verschiedenen Lehrforschungsstandorte miteinander ins Gespräch zu bringen und die Vielschichtigkeit der Projektthemen zu diskutieren.
Den Abschluss bildete die Buchvorstellung „Mosaik der Resilienzen: Diaspora Gespräche über Mental Health, Visionen und Widerstand“, in der Kiana Ghaffarizad und Fallon Tiffany Cabral über die Entstehung des Sammelbandes ins Gespräch kamen. Im Mittelpunkt standen Fragen nach Fürsorge, psychischer Gesundheit, diasporischen Erfahrungen und widerständigen Praktiken. Das Gespräch griff damit Themen auf, die das Gesamtprojekt zentral begleitet haben, und machte deutlich, inwiefern wissenschaftliche Wissensproduktion, Care und politische Handlungsfähigkeit miteinander verwoben sind. Das Buch ist ein kleines Wissensarchiv, das versucht, epistemischer Gewalt entgegenzuwirken. Es ist im Frühling 2026 bei Edition Assemblage erschienen und kann dort bestellt werden.
Publikationen als Ergebnis gemeinsamer Wissensproduktion
Am Nachmittag standen zudem zwei Publikationsprojekte aus dem Forschungsprojekt im Mittelpunkt. Vorgestellt wurde zum einen die vom Projektteam verantwortete Schwerpunktausgabe der Zeitschrift für erziehungswissenschaftliche Migrationsforschung (ZeM), in der zentrale theoretische und empirische Ergebnisse des Projekts veröffentlicht werden. Das Heft wird unter dem Titel „Koloniale Wissensarchive. Zur Auseinandersetzung mit historischen Verflechtungen von Sozialer Arbeit und Pädagogik in der postkolonialen Migrationsgesellschaft“ in den nächsten Wochen als Printversion und teilweise hier im Open Access erscheinen.
Zum anderen feierte die Projektbroschüre „Soziale Arbeit als koloniales Wissensarchiv“ ihren Soft Launch. Die Broschüre richtet sich an Lehrende, Studierende und Fachkräfte und führt niedrigschwellig in die historiographische Arbeit mit kolonialen Quellen ein. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Leerstellen historischer Überlieferung, kolonialen Wissensordnungen und Möglichkeiten, weiße koloniale Meistererzählungen der Geschichte Sozialer Arbeit kritisch zu unterbrechen. Die Broschüre wird online auf der Projektseite verfügbar sein.
Die künstlerische Gestaltung der Broschüre übernimmt die Grafikerin und Illustratorin Akeva Backhus Miko, die die vom Projektteam entwickelte Idee eines kartengestützten Lernformats gestalterisch umsetzt. Im Rahmen der Veranstaltung wurden einzelne Karten und die zugehörigen Texte exemplarisch vorgestellt, unter anderem von Rut-Lina Gonçalves Schenck zu Regina Savi de Tové als hidden figure der Schwarzen Sozialarbeitsgeschichte in Deutschland, von Johara Sarhan zum Einfluss Schwarzer Feministinnen auf die Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte, von María Fernanda Sarmiento Castaño zu dekolonialen feministischen Perspektiven auf die Geschichte der Sozialen Arbeit sowie von Fallon Tiffany Cabral zur Magic Mango als einer weiteren zentralen Vermittlungsmethode im Projekt, die dem gemeinsamen Visionieren von Zukünften dient.
Die Abschlussveranstaltung machte noch einmal die enge Verbindung von Archiv, Forschung, Lehre und Vermittlung sowie die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteur_innen aus Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft sichtbar, die das Projekt ausgezeichnet haben. Zugleich bot sie Gelegenheit, die Ergebnisse der vergangenen dreieinhalb Jahre zusammenzuführen und die große Zahl der Menschen zu würdigen, die das Projekt von Beginn an mitgeprägt und getragen haben. Dazu gehören die verschiedenen Teamkonstellationen am Alice Salomon Archiv der ASH Berlin ebenso wie die Projektpartner_innen an der Hochschule RheinMain Wiesbaden, der Philipps-Universität Marburg, der Universität Hildesheim und dem Pestalozzi-Fröbel-Haus Berlin. Maßgeblich zum Erfolg des Projekts beigetragen haben darüber hinaus die zahlreichen Studierenden, Critical Friends, Wegbegleiter_innen und Kooperationspartner_innen, die die Arbeit des KOL-LAB über die gesamte Projektlaufzeit kritisch begleitet, bereichert und weiterentwickelt haben.
Als Teil des Wissensnetzwerks Rassismusforschung (WinRa) endet das Projekt „Soziale Arbeit als koloniales Wissensarchiv“ mit dem Auslaufen der Förderphase im Dezember 2026.