Forschung Hoffnung ist das Leitmotiv – Forschung zu Strukturen im freiwilligen Engagement

Über die Bedeutung und Entwicklungen des freiwilligen Engagements spricht Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé im Interview zu seinem neuen Buch

Prof. Dr. Bettina Völter, Professorin für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit und Präsidentin der ASH Berlin, sprach mit Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé, Professor für Sozialpolitik an der ASH Berlin und Leiter des Europa-Instituts für Sozial- und Gesundheitsforschung, über sein neues Buch „Krise als Chance? Strategien und Handlungspläne zum Aufbau resilienter Strukturen im freiwilligen Engagement“

Prof. Dr. Bettina Völter: Lieber Heinz, hast Du Dich selbst schon einmal ehrenamtlich engagiert?

Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé: In meiner Jugend war ich im Jugendrotkreuz tätig als Sanitätshelfer. Während des Studiums war ich Studierendenvertreter in der akademischen Selbstverwaltung. Schon während eines Ferienjobs bin ich in die Gewerkschaft eingetreten und immer noch bei ver.di. Eine Zeitlang war ich in der SPD parteipolitisch aktiv und seit langer Zeit Mitglied der Arbeiterwohlfahrt.

Das klingt nach sehr viel persönlicher Erfahrung. Was hast Du dabei über die Jahre für Dich gelernt?

Dass es sehr anstrengend sein kann und dass es oft Situationen gibt, in denen es Aufgaben und Ämter zu verteilen gibt, wo es schwer ist, Freiwillige zu finden. In solchen Situationen habe ich mich auch schon der Verantwortung und der Aufgabe gestellt. Aber ich habe auch festgestellt, dass dieses Engagement etwas hat, das einen bei der Stange hält: das Gefühl gebraucht zu werden und etwas in der Gesellschaft verändern, vielleicht sogar verbessern zu können.

Als Leiter des Europa-Instituts für Sozial- und Gesundheitsforschung der ASH Berlin hast Du in Zusammenarbeit mit Kolleg_innen und in Zusammenarbeit mit der Landesfreiwilligenagentur Strategien und Handlungspläne in Bezug auf freiwilliges Engagement erforscht. Der Titel Eures Buches: „Krise als Chance?“ macht angesichts von Dauerkrisen wie der Corona-Pandemie, den weltweiten Kriegen, der Energiekrise oder der Bedrohung unserer Demokratien einerseits neugierig und gibt Hoffnung – könnte er andererseits auch als neoliberale Relativierung gelesen werden? Im Sinne von: Freiwilliges Engagement leidet zwar besonders in all den genannten Krisen, soll sich jetzt aber mit noch besseren Strategien selbst am Schopf aus dem Sumpfe ziehen?

Hoffnung ist das Leitmotiv. Der Grundgedanke am Beginn des Projektes „Krise als Chance? Strategien und Handlungspläne zum Abbau pandemiebedingter Probleme im Zugang zu freiwilligem Engagement“ war: Wir – das Europa-Institut für Sozial und Gesundheitsforschung, ein An-Institut der ASH Berlin - wollten herausfinden, wie sich die Corona-Pandemie auf die Freiwilligen und das Freiwilligenmanagement in den Bereichen Flucht und Migration und Wohnungslosigkeit ausgewirkt hat. Aus den Erfahrungen wollten wir Lehren ziehen, wie das freiwillige Engagement resilienter und krisenfester gemacht werden kann. Als die Förderzusage der Lotto-Stiftung Berlin für den Zeitraum Oktober 2023 bis September 2025 kam, hatte die Fragestellung eine noch viel größere Brisanz. Hinzugekommen waren weitere krisenhafte Entwicklungen wie der Angriffskrieg auf die Ukraine, die daraus folgende Fluchtbewegung, die mit den Sanktionen gegen Russland zusammenhängende Energiekrise und der daraus folgende Inflationsdruck und schließlich die zunehmende Bedrohung der Demokratie durch den Rechtsruck. Und auch die Gegenwart zeigt, dass die Zeit der Multi- und Dauerkrisen weitergeht. Umso wichtiger ist es, die vielen freiwillig Engagierten zu stärken, nicht als Ersatz, aber als wertvolle Ergänzung zu staatlichem und professionellem Handeln.

Nochmal zurück zur Corona-Pandemie: Ein disziplinübergreifender Zusammenschluss von Wissenschaftler_innen der ASH Berlin hat während der Pandemie auf die Verstärkung von Ausschlüssen, sozialen Problemen, diskriminierenden Strukturen u. a. in Organisationen und Handlungsfeldern des Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesens aufmerksam gemacht (vgl. u. a. Voss, Anja et al. (2020): Covid-19 als Brennglas auf prekäre Verhältnisse Ein Zwischenruf von SAGE-Wissenschaftler_innen. In: alice Magazin, S. 19-21; Kasberg, Azize (2021): SAGE-Wissenschaften in gesellschaftlicher Verantwortung in und nach der Pandemie. In: Völter, Bettina et al. 2021): Völter, Bettina et al. (Hrsg.): #systemrelevant. 50 Jahre angewandte SAGE-Wissenschaften an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Soziale Arbeit SPEZIAL – Schriftenreihe zur Theorie und Praxis. Berlin: Eigenverlag DZI 2021, S. 35-41). Hat sich die Lage entspannt – oder ist nach wie vor gültig, was 2020 und 2021 angemahnt wurde?

Leider ist noch keine Entspannung in Sicht, vor allem weil die soziale Schere nach wie vor auseinandergeht, die Integrationsprobleme nicht gelöst sind und der Bildungserfolg weiterhin von der sozialen Lage abhängt. Umso wichtiger ist es, dass die Zielgruppen freiwilligen Engagements nicht mehr nur als Objekte von Engagement begriffen werden. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, wie wichtig es ist, geflüchtete Menschen oder Menschen mit Erfahrung der Wohnungslosigkeit selbst Möglichkeiten des freiwilligen Engagements anzubieten. Das ist einerseits wichtig für die eigene Selbstentfaltung und andererseits für die gesellschaftliche Integration.

Und es hat auch eine gesellschaftliche Dimension, ihr Engagement ist ein wertvoller gesellschaftlicher Beitrag. Welche Bedeutung misst Du freiwilligem Engagement im Rahmen unserer Gesellschaft bei?

Ohne das freiwillige Engagement würde die Gesellschaft nicht funktionieren. Es gibt ja das klassische ehrenamtliche Engagement, ohne das Vereinsvorstände, politische Parteien oder Sportvereine nicht funktionieren würden. Das freiwillige Engagement von vielen Menschen, das insbesondere im sozialen Bereich die professionelle Arbeit unterstützt, vor allem in Feldern, in denen die Tätigkeit viel Zeit beansprucht oder nicht auskömmlich finanziert ist, denkt man bspw. an Telefonseelsorge oder Lesepat_innen in Kitas. Und schließlich gibt es viele Überschneidungen mit dem bürgerschaftlichen Engagement, das häufig entsteht im Einsatz für die Lage der Zielgruppen, für die man sich engagiert, auf dem politischen Feld. Insofern sind diese Formen des Engagements unabdingbar für sozialen Zusammenhalt und das Funktionieren der Demokratie.

Was war Euer Kernanliegen beim Schreiben des Buches?

Neben dem Aspekt der Stärkung freiwilligen Engagements war die Beobachtung handlungsleitend, dass es beim Management der freiwilligen Tätigkeiten eine Professionalisierung gegeben hat. In den letzten ca. 20 Jahren haben sich vor allem zwei Handlungsfelder herausgebildet. Das strategische Freiwilligenmanagement, das auf der Leitungsebene von sozialen Organisationen ausgeübt wird und dafür verantwortlich ist, dass die nötigen Ressourcen bereitgestellt werden. Und die Freiwilligenkoordination, die verantwortlich ist für die Unterstützung der freiwillig tätigen Personen. Wir wollten dies genauer untersuchen und einen Beitrag für mehr professionelles Handeln in diesem Bereich leisten. Auch wenn anzuerkennen ist, dass gerade in krisenhaften Situationen das spontane Engagement wichtig und wertvoll ist. Aber häufig nach einiger Zeit der Steuerung bedarf, um nicht wieder zu versanden.

Ich kann mir vorstellen, dass in all dem viel (implizites) Erfahrungswissen entsteht, das gar nicht ohne Weiteres gehoben, verarbeitet wird und wieder in die Organisationen einfließt. Auf welchen Ebenen war der gewählte methodische Zugang, der Civic-Science-Ansatz, hier erkenntnisleitend?

Auf allen Ebenen des Forschungsprojekts. Die Forschungsfrage haben wir gemeinsam mit der Praxispartnerin, der Landesfreiwilligenagentur Berlin, entworfen und gemeinsam daran gearbeitet, dass der Antrag förderungsreif wurde. Den Leitfaden für die qualitativen Gespräche mit Freiwilligen und ihren Koordinator_innen haben wir in mehreren Gesprächsrunden gemeinsam entworfen. An der Erhebung haben sich auch Koordinator_innen beteiligt, die ihrerseits Interviews durchgeführt haben. Nach der Interpretation der Ergebnisse haben wir mit den Interviewpartner_innen eine Gesprächsrunde zur kommunikativen Validierung vorgenommen und die Ergebnisse in die Auswertung einfließen lassen. Und auch bei der Vermarktung der Schlussfolgerung unterstützen uns das Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement und das Landesnetzwerk Bürgerengagement Berlin. Der Civic-Science-Ansatz hat uns sehr dabei geholfen, eine klare Betroffenenperspektive einzunehmen.

Das verweist auf eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen An-Institut der ASH Berlin, Praxispartner_innen, Koordinator_innen und Freiwilligen. Aber: Inwiefern verstärken sich in Zeiten von Krisen soziale Ungleichheiten beim Zugang zum freiwilligen Engagement?

Hier sprichst Du die zentrale Fragestellung des Vierten Engagementberichts der Bundesregierung an. Nicht alle sozialen Gruppen sind gleichermaßen im Engagement vertreten und der Zugang ist vor allem abhängig von Bildung, Einkommen, Berufsabschluss, Migrationshintergrund, Alter und gesundheitlicher Beeinträchtigung. Diese Faktoren werden in krisenhaften Situationen – steigende Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot etc. – noch verstärkt. Dennoch kann gerade auch in Krisenzeiten freiwilliges Engagement als Brücke in die eigene Handlungsfähigkeit ungemein nützlich sein.

Das klingt wieder nach Verfestigung von Ungleichheit, v. a. in Krisen. Nach weniger Hoffnung. Mit Sicherheit ist Eure Studie auch ein Beitrag dazu, dass langjährige Erkenntnisse sich in einem verändernden Tun auswirken. Welche Learnings sollen in die Berliner Landespolitik einfließen?

Eine ganze Reihe von Empfehlungen konnten wir ableiten, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann. Die wichtigste davon ist: Im Bereich Flucht und Migration hat sich die Einführung und Finanzierung der Tätigkeit von Freiwilligenkoordination bewährt. Dieses Modell sollte unbedingt auf den Bereich der Wohnungslosenhilfe und auch auf andere Tätigkeitsfelder übertragen werden. Schließlich muss die Engagementstrategie des Landes überarbeitet und stärker handlungsleitend als bisher werden. 

In Euerm Buch habe ich gelesen, dass systematisch reflektiertes und weiter entwickeltes Freiwilligenengagement zu einer resilienten Zivilgesellschaft beiträgt. Warum ist das so? Und was gehört zu einem zeitgemäßen und Krise als Chance nutzenden Freiwilligenengagement dazu?

In den unterschiedlichen Phasen im Ablauf einer Krise kommt dem resilienten Management von Engagement eine jeweils spezifische Bedeutung zu. Viel hängt davon ab, ob die Organisationen krisenhafte Entwicklungen gewissermaßen antizipieren können. Zwar sind Krisen schwer vorhersehbar, aber man ist gut vorbereitet, wenn Kontaktlisten und Notfallpläne bereits vorliegen. In der Phase der Abpufferung können Redundanzen helfen in Form von flexibel einsetzbaren Ressourcen und die Möglichkeit, kurzfristige organisatorische Anpassungen vorzunehmen. So unterstützten am Anfang der Corona-Krise junge Freiwillige ältere Engagierte, die der Risikogruppe angehörten, beispielsweise bei den Einkäufen. In der Phase der Anpassung an die neue Situation haben viele Organisationen eine große Kreativität entwickelt. Digitalisierung, die Verlagerung von Aktivitäten ins Freie und der Einsatz in kleineren Gruppen waren die am meisten genutzten. In der Erholungsphase zeigte sich, dass es vielen Organisationen schwerfiel, zum Ausgangszustand zurückzukehren, weil Freiwillige weggeblieben waren oder weiterhin Ansteckungsängste bestanden. Die Phase des Lernens brachte vielfältige Möglichkeiten zum Vorschein, die Verstetigung digitaler Angebote, die Ansprache neuer Zielgruppen oder das Umsetzen organisatorischer Verbesserungen.
Insgesamt lässt sich sagen, dass ein strategisches Freiwilligenmanagement und eine operative Freiwilligenkoordination sich als eine wichtige Voraussetzung für mehr Krisenfestigkeit im Engagement herausgestellt haben.

Mal eine ganz andere Frage, die möglicherweise das eben von Dir Geschilderte konterkarieren könnt: Wie steht für Dich das Freiwilligenengagement, die Arbeit von und mit Ehrenamtlichen, im Verhältnis zur fortschreitenden De-Professionalisierung der sozialen und pädagogischen Berufe?

Es ist im Laufe des Projekts deutlich geworden, dass die Professionalisierung des Freiwilligenmanagements fortschreitet. Es gibt schon seit einiger Zeit eine Diskussion darüber, ob ein eigenes Berufsbild für Freiwilligenkoordination entwickelt werden sollte. Hier sehe ich auch die Hochschulen in Verantwortung, um Studiengänge für Managementaufgaben im sozialen Sektor weiterzuentwickeln und in ihren berufsbezogenen Weiterbildungsangeboten zur weiteren Professionalisierung des Ehrenamtsmanagements beizutragen. Der Bedarf ist enorm, gerade in Feldern wie Selbstschutz, Nähe und Distanz, leichte Sprache, Umgang mit Traumata und Krisen, Diversität, Deeskalation und Krisenmanagement – um nur einige zu nennen. Insofern trägt so verstandenes Freiwilligenmanagement zur Professionalisierung bei. 

Ihr beobachtet also die Etablierung neuer Strukturen und Berufsprofile? Ihr arbeitet zudem in Euerm Buch heraus, dass der Spaßfaktor beim Freiwilligenengagement eine große Rolle spielt. Kannst Du hierauf bitte noch etwas genauer eingehen? Trotzdem scheint es nicht immer leicht, engagierte Freiwillige zu gewinnen? Welche Strategien haben sich im Bereich von Flucht und Migration und im Bereich der Wohnungslosenhilfe im Rahmen der genannten Krisen entwickelt?

Eine wichtige Strategie ist es, sich flexibler auf die Wünsche und Bedarfe der Freiwilligen einzustellen, auch Möglichkeiten für kurzfristiges Engagement vorzusehen, die Freiwilligen gut zu empfangen, zu begleiten und zu verabschieden. Und vor allem: das Engagement wertzuschätzen. Die Organisationen im Feld sind aufgefordert, die Sichtbarkeit des Engagements in der Öffentlichkeit zu erhöhen und bei der Akquise von Freiwilligen eine Vielzahl von Kanälen zu nutzen. Neben traditionellen Mitteln wie Flyern, Plakaten und Pressearbeit haben digitale Instrumente an Bedeutung gewonnen – soziale Medien, digitale Newsletter und Engagement-Plattformen. Für Studierende kann es auch hilfreich sein, Teile der Freiwilligenarbeit auf das Studium anzurechnen. Da künftig verstärkt mit Ausgabenkürzungen im sozialen Bereich zu rechnen ist, muss an dieser Stelle auch betont werden, dass der Dialog mit politischen Entscheidungsträgern intensiv geführt werden muss.
Ein wichtiges Lernen aus der Krise war auch zu sehen, wie wichtig Netzwerkarbeit ist. Viele Organisationen und Einrichtungen haben sich eher aus der Not heraus mit anderen vernetzt, die sie vorher eher als Konkurrenz gesehen haben. Dadurch wurde eine neue Stärke gewonnen.

Ich nehme an, dass Du auch, was Anerkennung von Leistungen für Studierende sowie den Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern angeht, uns Hochschulen in der Verantwortung siehst. Was kannst Du unseren angehenden professionell Helfenden der Sozialen Arbeit, der Gesundheits- und Therapieberufe und Kindheitspädagogik nach dieser Forschung empfehlen? Und was hast Du selbst dabei Neues gelernt?

Seht freiwilliges Engagement nicht als Konkurrenz, sondern als eine reichhaltige Ergänzung der hauptamtlichen Arbeit. Helft bei der Professionalisierung von Freiwilligenmanagement und -koordination; das trägt zur Professionalisierung des ganzen Sektors bei. Aber vergesst nicht, dass freiwilliges Engagement eigenwillig sein kann, ja sogar muss.
Gelernt habe ich vieles, am eindrucksvollsten war, welche persönliche Stärke Freiwillige und ihre Koordinator_innen dadurch gewonnen haben, eine Krise wie Corona, gemeinsam durchgestanden zu haben.

Danke für das Gespräch!

Die Fragen stellte Prof. Dr. Bettina Völter

 

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