Research Housing First wirkt!

Ergebnisse der dreijährigen Evaluation von zwei Berliner Modellprojekten

Ein alter Mann mit schütterem Haar und gebeugtem Kopf hält ein Pappschild in der Hand mit der Aufschrift: Wohnraum ist keine Ware
Mietendemo 2018 in Berlin privat

Im Oktober 2018 starteten zwei Modellprojekte der besonderen Art in Berlin: „Housing First Berlin“ und „Housing First für Frauen Berlin“. Wissenschaftlich begleitet sollte bundesweit erstmalig ein Ansatz ausprobiert werden, der wohnungslosen Menschen mit multiplen Problemlagen bedingungslos eine mietvertraglich abgesicherte Wohnung vermittelt und parallel ein unbefristetes Unterstützungsangebot macht. Das bereits in den 1990er-Jahren in den USA entwickelte Konzept wurde schon in vielen europäischen und nordamerikanischen Staaten umgesetzt und erfolgreich evaluiert. Zu den Kernprinzipien gehören neben der formalen Trennung von Wohnen und Unterstützung u. a. die Wahlmöglichkeit und Steuerung des Unterstützungsprozesses der Nutzer_innen und der akzeptierende Ansatz einer Schadensminimierung (“harm reduction”) bei Suchtproblemen.

Housing First ist somit ein zweifacher Paradigmenwechsel:

  1. Wohnungslose Menschen müssen sich Wohnen nicht erst „verdienen“, sondern ziehen als allererstes, häufig direkt von der Straße, in die eigene Wohnung. Sie haben anschließend dieselben Rechte und Pflichten wie andere Mieter_innen auch. Damit wird das Menschenrecht auf Wohnen umgesetzt.
  2. Das parallele Unterstützungsangebot ist proaktiv, aber ebenso bedingungslos, freiwillig und sanktionsfrei. Es gibt keine Mitwirkungspflicht der Nutzer_innen und keine von den Sozialämtern überprüfte Hilfeplanung wie in der sogenannten Regelhilfe für wohnungslose Menschen nach §§ 67 ff. SGB XII (Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten).

Die Evaluation der beiden Berliner Projekte wurde als Kooperationsprojekt zwischen der ASH Berlin sowie den beiden Projektträgern Sozialdienst katholischer Frauen e. V. Berlin (SkF) sowie Neue Chance gGmbH/Verein für Berliner Stadtmission (NC/BS) gestaltet. Auf Grundlage der (im Wesentlichen übereinstimmenden) Konzeptziele wurde ein identisches Forschungsdesign mit einem Methodenmix aus quantitativen und qualitativen Instrumenten partizipativ mit den Mitarbeiter_innen entwickelt.

Kurz vor Weihnachten 2021 wurden die beiden Abschlussberichte den Projektträgern übergeben. Die Bilanz kann sich – auch im internationalen Vergleich – sehen lassen: Allen Unkenrufen zum Trotz haben beide Modellprojekte die angestrebten Mietvertragsquoten erreicht. So konnten im gemischtgeschlechtlichen Projekt 40 Personen und im Frauen*projekt 38 Frauen sowie eine sich als non-binär verstehende Person in der Modellprojektphase mit Wohnraum versorgt werden (Soll-Ziele: 40 bzw. 30). Mit 97,3 % (NC/BS) sowie 100 % (SkF) über die gesamte Laufzeit wurde zudem eine Wohnstabilitätsquote erreicht, die im internationalen Vergleich an der Spitze liegt – lediglich ein psychisch stark belasteter Mann mit Verfolgungsängsten gab die erste und später auch die zweite im Projekt vermittelte Wohnung wieder auf und ging zurück in die Wohnungslosigkeit. Mit dem Bezug der eigenen Wohnung hat sich bei den Nutzer_innen nicht nur die Zufriedenheit mit ihrer Wohnsituation, sondern auch die mit ihrer Erwerbssituation im Schnitt deutlich verbessert, obwohl die überwältigende Mehrheit weiterhin arbeitslos und abhängig von Sozialleistungen ist. Auch in anderen Lebensbereichen wie Gesundheit und Soziale Kontakte wirkte sich das neue Leben zur Miete überwiegend positiv aus. Typische Aussagen der Interviewten waren in diesem Zusammenhang, sie hätten nun wieder die Möglichkeit ihr eigenes Leben zu gestalten und könnten die Wohnung als Sprungbrett für weitere gewünschte Veränderungen in ihrem Leben nutzen. Allein diese Perspektive hatte offensichtlich zu einer höheren Zufriedenheit auch dort geführt, wo objektiv noch keine Verbesserung der Lebenssituation eingetreten war. Neben vielen positiven Rückmeldungen in den Interviews hat auch die standardisierte Abschlussbefragung aller Nutzer_innen darüber hinaus eine sehr hohe Zufriedenheit mit dem Unterstützungsangebot ergeben: Gut 84 % (SkF) bzw. 85 % (NC/BS) waren damit sehr zufrieden, der Rest zufrieden. Die schlechteren drei Antwortmöglichkeiten wurden von niemandem gewählt.

Die Arbeit der Berliner Modellprojekte hat darüber hinaus die fachliche Debatte über Housing First in ganz Deutschland vorangebracht, so waren bereits durch die Zwischenberichte andere freigemeinnützige Träger in Deutschland motiviert worden, eigene Housing-First-Projekte auf den Weg zu bringen. Auch konnten noch zögernde politisch Verantwortliche von den Erfolgsaussichten des Ansatzes überzeugt werden. Die professionelle Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Projektträger via TV, Radio, Printmedien und Social Media hat zudem viele Vermieter davon überzeugt, den Nutzer_innen der Modellprojekte Wohnungen anzubieten. Bis zum Beschluss des kommenden Berliner Haushalts werden „Housing First Berlin“ und „Housing First für Frauen Berlin“ zwischenfinanziert. Im Koalitionsvertrag ist allerdings schon die Verstetigung und Aufstockung vereinbart, und die neue Sozialsenatorin Katja Kipping ist vom Ansatz so überzeugt wie ihre Vorgängerin Elke Breitenbach. Letztere hat Berlin (gemeinsam mit dem sich weiterhin im Amt befindlichen Staatssekretär Alexander Fischer) einen „Masterplan“ hinterlassen, nach dem das Prinzip „Housing First in Berlin“ etabliert und zur Regel gemacht werden soll. Damit soll das Ziel des Europaparlaments erreicht werden, Obdachlosigkeit (d. h. Straßenwohnungslosigkeit) bis 2030 zu beenden. Denn es konnte festgestellt werden: Housing First wirkt – auch in Berlin!

 

Projektberichte online:
Link zum Endbericht von Housing First Berlin
Link zum Endbericht von Housing First für Frauen Berlin