Changeover „Das Wunderbare an den Geisteswissenschaften ist, dass der Weg selbst das Ergebnis ist”

Die Wissenschaftlerin Dr. Sara Gallardo ist seit April 2026 zu Gast an der ASH Berlin. Nach drei Gedichtbänden schreibt sie an einem Prosawerk

Portrait von Sara R. Gallardo vor dem Neubau der ASH Berlin
ASH Berlin

Mit einem renommierten Marie-Skłodowska-Curie-Stipendium gehört die gebürtige Spanierin Dr. Sara R. Gallardo zu den ausgewählten Postdoc-Wissenschaftler_innen, die von der Europäischen Union gefördert werden. Die Literaturwissenschaftlerin forscht derzeit an der Universität Wien und beschäftigt sich mit der Frage, wie autobiografische Erzählungen Subjektivität und Erfahrungswissen hervorbringen und welche Wissensformen dabei entstehen. Im Zentrum ihres Projekts „Mad Literature: Own Epistemologies from First-Person Voices“ stehen autobiografische Texte von Menschen mit Psychiatrieerfahrung, die im Rahmen der Mad Studies untersucht werden. Von April bis September 2026 forscht sie als Gastwissenschaftlerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin, wo sie mit ihrer ASH-Mentorin Prof. Dr. Jasna Russo zusammenarbeitet. Im Interview spricht sie über ihren wissenschaftlichen Weg, ihr aktuelles Forschungsprojekt und ihre Erwartungen an die Zeit in Berlin.

Liebe Sara, dein wissenschaftlicher Weg führte dich durch verschiedene Disziplinen und Länder. Gab es einen Schlüsselmoment, der dein Interesse an Fragen von Wissen, Erfahrung und marginalisierten Stimmen geweckt hat?

Mich hat schon immer interessiert, wie gesellschaftlicher Konsens und diskursive Machtverhältnisse entstehen. Während meiner Promotion habe ich die autobiografische Familienliteratur seit der Mitte des 20. Jahrhunderts untersucht – also Texte, in denen Kinder oder Enkelkinder die Geschichte ihrer Angehörigen erforschen und aufschreiben, die verschiedene Formen von Gewalt erfahren hatten: politisch motivierte Ermordung oder Exil, Verfolgung aufgrund ihrer LGTBIQ+-Zugehörigkeit, geschlechtsspezifische Gewalt usw. Dabei wurde mir klar, dass diese Autor_innen für ihre Angehörigen sprachen, weil diese selbst nicht mehr sprechen konnten, dass diese Erfahrung jedoch sowohl durch die vorherrschende Sichtweise als auch durch die eigene Subjektivität der Schreibenden vermittelt wurde. Ich begann damals, Spivak zu lesen, und diese Mechanismen wurden mir dadurch zunehmend verständlicher.

Gleichzeitig begann ich in dieser Zeit, geprägt von großer wirtschaftlicher und emotionaler Prekarität, schwere psychiatrische Krisen zu erleben, die schließlich zu einer Einweisung führten. Das bedeutete, aus erster Hand und auf radikale Weise zu verstehen – viel tiefer als zuvor als junge Frau oder als Person aus der Arbeiterklasse –, dass meine Stimme keine Legitimität besaß und dass meine Erfahrung von dem geprägt war, was mir als Patientin seitens der psychiatrischen Institution abverlangt wurde.

Du wurdest mit einem Marie-Skłodowska-Curie-Stipendium ausgezeichnet. Was bedeutet diese Förderung für dich persönlich und für deine wissenschaftliche Laufbahn?

Persönlich bedeutet die Förderung für mich finanzielle Sicherheit für drei Jahre – zwei Jahre finanziert durch die EU und ein weiteres Jahr durch die Universität Wien. Das mag nicht besonders „fancy“ klingen, aber finanzielle Sicherheit ist nichts, was man als selbstverständlich ansehen kann. Auf akademischer Ebene halte ich es für wichtig, dass die EU ein Projekt im Bereich der Mad Studies fördert – in einer Zeit, in der die Finanzierung all dessen zurückgeht, was nach Inklusion oder nach Sorge um die Umwelt, um Menschen oder andere Lebewesen auf diesem Planeten klingt. Für mich war es eine Überraschung, dass die EU ein so persönliches Projekt wie meines fördert, und ich bin dafür sehr dankbar. Einerseits ermöglicht sie mir, autobiografische Literatur psychiatrisierter Autor_innen zu erforschen, andererseits dieses Wissen mit der Mad- und Aktivist_innen-Community in Spanien zu teilen und außerdem an meinem eigenen Prosawerk zu arbeiten.

Dein Projekt „Mad Literature: Own Epistemologies from First-Person Voices“ steht im Zentrum deiner aktuellen Forschung. Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Mad Literature“ und welche Fragen möchtest du mit deinem Projekt beantworten?

Eine der Kernfragen meiner Forschung ist, warum manche Menschen ihre Erfahrungen in der Ich-Form erzählen und wie diese Entscheidung auf den Mangel an Selbstrepräsentation bestimmter sozialer Gruppen antwortet. Mich interessiert dabei weniger die Autobiografie als Genre als vielmehr die Entscheidung, aus der eigenen Erfahrung heraus zu schreiben, wenn diese bislang von anderen objektiviert wurde.

Ich frage mich, ob es schon vor der Entstehung der Mad Studies Menschen gab, die ihre Erfahrungen der Psychiatrisierung mit ihren eigenen Worten beschrieben haben – also ohne die von der psychiatrischen Institution aufgezwungene Sprache oder deren Verständnis von Wahnsinn zu übernehmen. Mit „Mad Literature“ meine ich weder ein literarisches Genre noch eine Reihe formaler Merkmale, sondern die Literaturgeschichte dieser Texte.

Die meiste Forschung geht noch immer von vorgefassten Vorstellungen über Wahnsinn aus – Vorstellungen, die die Mad Studies gerade infrage stellen, indem sie die von psychiatrisierten Menschen selbst erzählten Erfahrungen in den Mittelpunkt rücken. Ich schlage vor, diese Werke anders zu lesen: als Ausdruck legitimer menschlicher Erfahrungen und als Wissensformen, die der Mad-Community heute viel zu bieten haben. Bislang gibt es keine etablierte Methode, diese Literatur aus der Perspektive der Mad Studies zu untersuchen. Genau daran arbeite ich.

In deiner Forschung beschäftigst du dich mit „eigenen Epistemologien“ und Wissen aus der ersten Person. Was können wir von Erfahrungsberichten psychiatrieerfahrener Menschen lernen, das in anderen Wissensformen häufig übersehen wird?

Die von mir untersuchten Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts mussten sehr komplexe Wege gehen, um überhaupt schreiben zu können. Und trotz des enormen Potenzials ihrer Texte, uns etwas über ihre Mechanismen des Widerstands, des Überlebens und der Emanzipation von der psychiatrischen Praxis zu vermitteln, sollten sie nicht ausschließlich als Erfahrungsberichte verstanden werden. Einige sogenannte „kritische“ Psychiater tun jedoch genau das, wenn sie betonen, von diesen Werken „lernen“ zu wollen.

Das bedeutet jedoch eine erneute Reduktion, die die ästhetischen und medialen Dimensionen der Literatur ausblendet. So wird unsere Erfahrung erneut auf einen bloßen Bericht reduziert. Der Übergang vom Bericht des Psychiaters zu dem von uns selbst verfassten Bericht ist zwar ein grundlegender Fortschritt, aber unser Leben und unsere Kreativität überschreiten die Grenzen, die die Psychiatrie unserer Existenz setzt.

Du forschst seit 2024 an der Universität Wien. Wie hat sich dein Projekt in dieser Zeit entwickelt, und welche Erkenntnisse oder Überraschungen haben deinen Blick auf das Thema verändert?

Das Wunderbare an den Geisteswissenschaften ist, dass der Weg selbst das Ergebnis ist. Nach einer historischen Einteilung der Autorinnen meines Korpus wurde mir klar, dass es lange vor dem Aufkommen des Aktivismus aus der ersten Person und der Mad-Pride-Märsche bereits Menschen gab, die erkannt hatten, dass die Erfahrung der Psychiatrisierung nicht aus individuellen Defiziten resultiert, sondern auf Regeln der Inklusion und Exklusion beruht, die große soziale Gruppen betreffen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass autobiografische Literatur selbst eine ständige Spannung zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven in sich trägt. Literatur als Institution begünstigt zudem bestimmte Subjekte durch Mechanismen der Sichtbarkeit und Privilegierung, weil ihre Diskurse gesellschaftlich lesbar und akzeptabel sind. Es gibt viele psychiatrisch marginalisierte Personen, deren Schweigen die Stimmen derjenigen mitträgt, die wir hören können. Das ist es, was Giorgio Agamben die grundlegende Dualität des Zeugen nennt.

Zudem wurde mir immer deutlicher, dass es für die Analyse dieser Literatur notwendig ist, die Mad Studies als analytische Strömung innerhalb der Cultural Studies zu etablieren – so wie es zuvor bereits die Gender Studies, Black Studies, Postcolonial Studies, Queer Studies oder Crip Studies getan haben. Es handelt sich dabei um einen wissenschaftlichen Ansatz, der sich nicht auf eine einzelne akademische Disziplin oder ein einzelnes Wissensgebiet beschränkt, sondern transversal ist und alle Bereiche der Realität betrifft: soziale, ökonomische, politische, symbolische, diskursive, mediale, affektive, körperliche und materielle. Ich plädiere zudem für eine stärkere Verflechtung der Disziplinen. Nur durch ihre Annäherung können wir strukturelle Gewalt als globales, nicht segmentiertes Phänomen verstehen.

Für deinen Forschungsaufenthalt hast du die ASH Berlin gewählt. Was hat dich an unserer Hochschule und am Forschungsumfeld in Berlin besonders angesprochen?

Die eben erwähnte Verflechtung ist nur möglich, wenn wir uns tatsächlich – auch physisch – anderen Disziplinen annähern. Dass Prof. Dr. Jasna Russo, eine der Gründerinnen und wichtigsten Theoretikerinnen der Mad Studies, hier arbeitet, war für mich entscheidend. Wir sind es an der Universität nicht gewohnt zu sehen, wie Studiengänge anderer Disziplinen funktionieren. Darüber hinaus ist es für mich sehr bereichernd, von Forschungsansätzen zu lernen, die auf Community-Ansätzen psychiatrisierter Personen in der empirischen Forschung basieren. Das vermittelt mir das Gefühl, dass es einen möglichen Raum für uns gibt und dass es Menschen gibt, die sich mit großem Engagement dafür einsetzen, ihn zu schaffen – auch wenn dies manchmal mit einem enormen Aufwand verbunden ist. Genau das finde ich hier an dieser Hochschule.

Du arbeitest nun tatsächlich mit Prof. Dr. Jasna Russo zusammen. Welche Impulse erhoffst du dir von diesem Austausch und welche Berührungspunkte siehst du zwischen euren Forschungsinteressen?

Auch wenn sich Jasnas und meine tägliche Arbeit unterscheidet, gehen wir von derselben Grundauffassung aus, von einer theoretischen Perspektive, in der sie Expertin ist: Erfahrungswissen, marginalisierte Epistemologien, Critical Disability Studies … All dieses theoretische Wissen bringt uns einander näher. Es geht nicht nur um konkrete Fragestellungen, sondern um gemeinsame Analyserahmen für strukturelle Unterdrückung, die sich in verschiedenen Lebensbereichen und auch in der Darstellung von Wahnsinn manifestiert – von der psychosozialen Zugänglichkeit bis hin zu den Massenmedien. Gleichzeitig ist Jasna eine der wichtigsten Theoretikerinnen auf diesem Feld und hat zwei der grundlegenden Bücher der Mad Studies mitherausgegeben. Und es ist wunderbar zu sehen, wie die Studierenden von ihr lernen.

Ihre langjährige Erfahrung als Aktivistin ist für mich ebenfalls von zentraler Bedeutung. Ich teile ihre Kritik an hierarchischen Wissensordnungen, in denen wissenschaftliches beziehungsweise akademisches Wissen als allein maßgeblich gilt und andere Wissensformen nach seinen Maßstäben bewertet werden. Psychiatrisch marginalisierte Menschen verfügen – wie viele andere Gruppen, deren Perspektiven gesellschaftlich wenig Anerkennung finden – über wertvolles Erfahrungswissen. Dieses Wissen ist in ihren gelebten Erfahrungen verankert und entsteht zugleich im Austausch mit anderen, die ähnliche Erfahrungen und Formen der Ausgrenzung teilen. Es wird gemeinsam weiterentwickelt und bildet eine wichtige Grundlage, um die eigene Lebensrealität zu verstehen und gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu reflektieren.

Welche Aspekte deines Projekts möchtest du während deines Aufenthalts in Berlin besonders voranbringen?

In Berlin habe ich vor einigen Jahren gelebt und mein zweites Buch geschrieben. Daher hat die Rückkehr, um ein weiteres Buch zu schreiben, nicht nur eine akademische oder literarische Dimension, sondern ist auch eine persönliche Reise zurück in die Vergangenheit. Mein Hauptziel ist es, ein Manuskript zu verfassen, das diese persönliche und politische Reise widerspiegelt und in dem ich mit den Autor_innen, die mich begleitet haben, in Dialog trete. Außerdem führe ich einen Workshop mit spanischen Aktivist_innen durch, der es mir ermöglicht, meine theoretische Arbeit mit der Praxis zu verbinden. Zudem plane ich eine Reihe von Interviews mit bedeutenden Aktivist_innen aus dem spanischen Kontext, die auf meiner Projektwebseite veröffentlicht werden sollen. Kurz gesagt: An Arbeit mangelt es nicht. Und außerdem steht schon bald die Organisation der nächsten Phase an, wenn mein Aufenthalt hier zu Ende geht. Berlin bildet damit den Abschluss dieser wichtigen Etappe meines Projekts.

Das Interview führte Diana Grothues.