Aufmacher Der Hochschulpolitische Wahlcheck 2026

Podiumsdiskussion zu den SAGE-Wissenschaften im Strukturwandel

Am 24. Juni fand der dritte Hochschulpolitische Wahlcheck an der ASH Berlin statt. Das Thema lautete: „SAGE-Wissenschaften im Strukturwandel“. (Um die Bildergalerie aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Foto.) Edgard Berendsen

Der dritte Hochschulpolitische Wahlcheck (nach 2016 und 2021) fand am 24. Juni an der Alice Salomon Hochschule Berlin statt. Gäste auf dem Podium waren die Fachpolitiker_innen Dr. Maja Lasić, Sprecherin für Wissenschaft und Forschung der SPD-Fraktion, Laura Neugebauer, Sprecherin für Wissenschaft und Forschung der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und Tobias Schulze, Sprecher für Wissenschaft und Forschung der Fraktion Die Linke. Kurzfristig abgesagt hatte MdB Adrian Grasse, Mitglied im Ausschuss für Forschung des Bundestags. 

Die politischen Fachvertreter_innen diskutierten unter der Moderation von Wissenschaftsjournalist Dr. Jan-Martin Wiarda gemeinsam mit ASH-Präsidentin Prof. Dr. Bettina Völter über die SAGE-Wissenschaften im Strukturwandel. Mehr als 80 Gäste nahmen vor Ort oder online an der Veranstaltung teil und verfolgten die spannende Diskussion über die Kernfrage: Welche Hochschulpolitik brauchen die Berliner SAGE-Hochschulen, die für die Bereiche Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege sowie Erziehung und Bildung qualifizieren und forschen?

Fokussiert wurde auf vier Themenfelder, die jeweils mit einem Impuls und Fragen von Mitgliedern der Hochschule eingeleitet wurden: (Voll-)Akademisierung der SAGE-Disziplinen, Durchlässigkeit der Hochschulen, Hochschulübergreifende Zusammenarbeit sowie Nachhaltigkeit und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. 

Nach der kurzen Vorstellungsrunde der Podiumsgäste formulierte Bettina Völter folgende Einstiegsthese: Das Wissenschaftssystem müsse sich grundlegend verändern, weg von einer Institutionenlogik mit Hierarchisierung der Bedeutung von Universitäten, Hochschulen angewandter Wissenschaften und Künstlerischen Hochschulen, hin zu einer Wirkungslogik und mehr Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dabei sollten die Bereiche Soziales, Bildung und Gesundheit klar ins Zentrum des Wissenschaftssystems rücken. Leistung sollte auch daran gemessen werden, welchen Beitrag die Hochschulen in Forschung, Lehre und Transfer zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen in diesen Bereichen leisten. Angesichts drängender Fragen wie dem Umgang mit dem demografischen Wandel, der Sicherheit oder der sozialen Ungleichheit sollten alle Wissenschaftseinrichtungen auf Augenhöhe kooperieren, um gemeinsam wirksame Lösungen für die Gesellschaft und insbesondere für das Land Berlin zu entwickeln.

Auf den demografischen Wandel nahm auch ASH-Student Rudolf Werbach in seinem Impulsvortrag Bezug. Er studiert im 7. Semester Pflege an der ASH Berlin und steht kurz vor der Abgabe seiner Bachelorarbeit zur Qualifikation akademisierter Pflegender. Als angehende Pflegefachperson sprach er sich klar für die Akademisierung der Pflege aus. Angesichts des demografischen Wandels, einer steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen, zunehmender chronischer Erkrankungen und Multimorbidität sowie Versorgungsengpässen, insbesondere in ländlichen Regionen, sieht er darin einen wichtigen Beitrag zur Zukunft des Gesundheitswesens. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass ein höherer Anteil akademisch qualifizierter Pflegekräfte die Versorgungsqualität verbessert und die Patientensterblichkeit senkt. Die ASH Berlin als größte staatliche SAGE-Hochschule Deutschlands qualifiziert (neben der Charité und der Evangelischen Hochschule Berlin) diese Fachkräfte über ein Bachelorstudium. Von der Politik fordert Rudolf Werbach klare gesetzliche Rahmenbedingungen mit verbindlichen Rollen- und Kompetenzprofilen für die verschiedenen Qualifikationsniveaus sowie eine langfristig gesicherte Finanzierung der Akademisierung der Pflege.

Tobias Schulze erinnerte daraufhin an die Veranstaltung „Zukunft des Pflegestudiums in Berlin“ im Januar 2023, zu der die Pflegestudiengänge der ASH Berlin und der EH Berlin in das Audimax eingeladen hatten. Ernüchtert stellte er fest, dass sich seitdem bei der Anerkennung und Honorierung von Pflegekräften mit akademischer Ausbildung kaum etwas verändert habe. Schulze betonte, dass hier vor allem die Bundespolitik gefordert sei, klare Berufsbilder, Stellenprofile und eine angemessene Vergütung zu schaffen. Solange akademisch qualifizierte Pflegekräfte mit Absolvent_innen der grundständigen Ausbildung um dieselben Stellen konkurrierten, bleibe die Akademisierung unattraktiv. Aktuell gehe es jedoch zunächst darum, bestehende Pflegestudiengänge, auch den an der ASH Berlin, vor Kürzungen oder Schließungen zu bewahren.

Laura Neugebauer ergänzte, dass es neben dem Fortbestand des Studiengangs vor allem um die Perspektiven nach dem Studium gehen müsse. Mit dem Bachelor dürfe die akademische Qualifizierung nicht enden, es brauche auch Masterangebote und klare Entwicklungsmöglichkeiten. Gleichzeitig müssten die Rahmenbedingungen verbessert werden, damit ein Pflegestudium gegenüber einer Ausbildung attraktiv bleibe. Diese mangelnde Wertschätzung würde nicht nur die Pflege betreffen, sondern viele Studiengänge, die zentrale Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge übernehmen.

Die Gäste konnten ihre Fragen an die Politiker_innen in ein Online-Tool eintragen und dort auch für Fragen von anderen Gästen voten. Eine Frage aus dem Publikum lautete: „Was soll motivieren, weiter in den Bereichen zu studieren, sich zu professionalisieren, wenn der Arbeitsbereich immer mehr reduziert werden soll?“

Bettina Völter forderte, dass Berlin eine Vorreiterrolle übernehmen und sich beispielsweise verbindlich dazu verpflichten sollte, in den Landeseinrichtungen wie Vivantes oder Charité einen festen Anteil akademisch qualifizierter Pflegekräfte in den Teams vorzusehen. Völter richtete den Blick aber auch auf den Studiengang Physio- und Ergotherapie: „Hier zeigt sich die ganze Dysfunktionalität des Wissenschafts- und Gesundheitssystems! Während mit dem Pflegestudiumsstärkungsgesetz 2023 eine Vergütung für Pflegestudierende eingeführt wurde, was sehr positiv war, wurde gleichzeitig die Modellklausel für die Einführung einer akademischen Qualifikation an Hochschulen für die Physio- und Ergotherapie abgeschafft. Dadurch mussten wir den an unserer Hochschule über 15 Jahre lang erfolgreich etablierten Modellstudiengang einstellen. Es wurde jedoch keine Anschlussfinanzierung für einen primärqualifizierenden Bachelorstudiengang in Physio- und Ergotherapie vom Land Berlin bereitgestellt. Dabei benötigt Deutschland dringend akademisch qualifizierte Physio- und Ergotherapeut_innen und die Alice Salomon Hochschule bietet den einzigen Bachelorstudiengang in Physio- und Ergotherapie im Land Berlin an. Dieser ist einer der ganz wenigen interdisziplinären Studiengänge bundesweit und wurde sehr gut evaluiert. Berlin hängt sich gerade selbst ab“, so Bettina Völter. 

Zum Thema Akademisierung ging aus dem Publikum die Frage an die Politiker_innen: „Was planen Sie konkret, um eigenständige Promotionen an Berliner HAW, wie der ASH Berlin, auch außerhalb von thematisch festgelegten Strukturen wie einzelnen Promotionszentren zu ermöglichen?“. Bereits 2021 wurde das Promotionsrecht an Hochschulen für angewandte Wissenschaften im Berliner Hochschulgesetz verankert. Einigkeit herrschte bei allen Podiumsgästen darin, dass die nun erlassene Verordnung nicht funktional sei und geändert werden müsse. Maja Lasić, die einzige anwesende Vertreterin der aktuellen Berliner Regierungskoalition, sagte: „Wir haben damals im besten Wissen und Gewissen die entsprechenden Paragraphen eingeführt, aber die Praxis zeigt leider, dass die Verordnung nicht funktioniert. Da müssen wir in die Überarbeitung gehen und dafür sorgen, dass die HAW das, was wir zugesichert haben, auch umsetzen können.“ 

Laura Neugebauer fügte hinzu: „Wir haben vor allem an den SAGE-Hochschulen das Problem, dass eine Forschungsstärke gefordert wird, die äquivalent ist zu den Universitäten und den MINT-HAW. Aber gleichzeitig sind die SAGE-Hochschulen in vielen der Förderrichtlinien für Forschung gar nicht abgebildet.“ Dieser strukturelle Nachteil behindere Innovationen und schwäche wichtige Forschungsperspektiven aus den SAGE-Wissenschaften. 

Tobias Schulze ergänzte: „Die Verordnung zur Umsetzung des Promotionsrechts wurde von Leuten gemacht, die das Promotionsrecht an den HAWs nicht wollten. Die Hürden für ein Promotionszentrum sind so hoch, das ist für SAGE-Hochschulen überhaupt nicht machbar.“ Er schlug ein gemeinsames Promotionszentrum für alle drei Berliner SAGE-Hochschulen vor.

Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Hochschulen war auch das Thema des zweiten Impulsvortrags, gehalten von Prof. Dr. Raimund Geene, der an der ASH Berlin und der Berlin School of Public Health zu Gesundheitsförderung und Prävention mit Schwerpunkt auf kommunalen Ansätzen lehrt. Er hob die Bedeutung hochschulübergreifender Zusammenarbeit hervor und verwies auf erfolgreiche Kooperationen wie das Institut für Angewandte Forschung Berlin (IFAF), das den Transfer zwischen Hochschulen und Praxis maßgeblich vorangebracht habe. Durch Kürzungen sei das Institut jedoch auf ein Minimum reduziert worden. Ähnlich kritisch sei die Situation der Berlin School of Public Health (BSPH), eine Kooperation von ASH Berlin, Charité und TU Berlin. Die BSPH leiste wichtige Beiträge in Politikberatung, Forschung und Praxisentwicklung zu gesellschaftlich hochrelevanten Themen wie Familiengesundheit, Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationsgeschichte oder Multimorbidität. Die Zukunft der BSPH ist aber aufgrund der geplanten Einsparungen ungewiss. An die anwesenden Politiker richtete Geene deshalb die Frage, wie diese hochschulübergreifenden Kooperationen institutionell abgesichert werden können, um ihre Zukunftsfähigkeit zu gewährleisten.

Bettina Völter ergänzte, dass das IFAF seit 2009 existiere und mit einem Jahresbudget von etwas mehr als zwei Millionen Euro sowie einer schlanken Verwaltungsstruktur als äußerst effizient gelte. Während Berlin im Strukturprozess des Wissenschaftssystems hochschulübergreifende Kooperationen stärken will, arbeiten die vier Hochschulen für angewandte Wissenschaften im IFAF bereits seit seiner Gründung 2009 erfolgreich zusammen. Die Forschungsprojekte mit kleinen und mittleren Unternehmen, Wohlfahrtsverbänden und sozialen Organisationen schaffen mit ihren innovativen und sofort umsetzbaren Projekten einen hohen Mehrwert im Transfer zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sowie die Grundlage für die Einwerbung von Bundesmitteln; sie entsprechen damit genau den wissenschaftspolitischen Zielen des Landes. Dennoch fehle dem IFAF bis heute eine verlässliche Perspektive. Die Senatsverwaltung für Wissenschaft unterstütze das IFAF inzwischen jeweils nur auf Druck der Parlamentarier_innen, was nicht nachzuvollziehen sei. 

Alle anwesenden Fachpolitiker_innen, insbesondere Maja Lasić, signalisierten daraufhin ihre Unterstützung für eine strukturelle Finanzierung des IFAF. Sie plädierten für dessen Aufnahme in die nächsten Hochschulverträge. 

Den dritten Impuls setzte Johanna Backes, Leiterin des Arbeitsbereichs Diskriminierungskritische Öffnung der Hochschule und Förderung von Bildungsbiografien, zum Thema Durchlässigkeit der Hochschulen. Sie betonte, dass vielfältige Bildungsbiografien das Potenzial von Hochschulen stärken, vorausgesetzt, Studienzugänge und Studienverläufe seien tatsächlich durchlässig. Dazu gehörten unter anderem der Hochschulzugang ohne Abitur, die Anerkennung außerhochschulischer Kompetenzen, Angebote für Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung sowie verlässliche Beratungs-, Schreib- und Unterstützungsangebote. Diese Strukturen seien jedoch durch den aktuellen Kürzungsdruck gefährdet. Programme wie das ASH Pre-Study-Programm oder die Service-Stelle für Schreib- und Studienkompetenzen würden bislang überwiegend über Dritt- und Sondermittel finanziert. Solange zentrale Unterstützungsangebote von befristeten Projektmitteln abhingen, bleibe auch die Durchlässigkeit der Hochschulen nur befristet, so Backes. An die anwesenden Politiker_innen richtete sie die Frage: „Welche konkreten Maßnahmen sehen Sie vor, um die Durchlässigkeit zu stärken und die dahinter liegenden Strukturen auskömmlich und langfristig zu finanzieren?“

Laura Neugebauer lenkte den Blick auf die Durchlässigkeit bereits vor Studienbeginn. Entscheidend sei, dass sich ein Studium in Berlin überhaupt finanzieren lasse. Die Wohnkostenpauschale im BAföG liege mit 380 Euro deutlich unter den tatsächlichen Mietkosten, die für ein Zimmer in Berlin inzwischen häufig bei rund 600 Euro lägen. Für viele Studieninteressierte werde ein Studium damit finanziell unerschwinglich und der Zugang zur Hochschule scheitere bereits an den Lebenshaltungskosten.

Tobias Schulze forderte, den Hochschulzugang ohne Abitur auszubauen und Programme für einen diskriminierungsfreien Zugang dauerhaft zu sichern. Als Beispiel nannte er das Orientierungsstudium, das insbesondere Menschen aus dem Ausland oder mit bereits erworbenen Abschlüssen den Einstieg ins Studium erleichtere. Dessen Wegfall an der FU Berlin infolge der Kürzungen zeige, wie anfällig solche Angebote seien, solange sie überwiegend projektfinanziert sind. Notwendig sei ein grundlegender Perspektivwechsel: Berliner Hochschulen müssten sich stärker für breitere Bevölkerungsschichten öffnen, nicht nur aus Gründen der Chancengerechtigkeit, sondern auch, um den Fachkräftebedarf der Stadt zu decken.

Aus Sicht der Hochschulen braucht es vor allem eine verlässliche Finanzierung erfolgreicher Unterstützungsstrukturen. Bettina Völter betonte, dass die ASH Berlin eine der durchlässigsten Hochschulen Berlins sei und verwies auf die langjährige Erfahrung der ASH Berlin mit Studierenden ohne Abitur und die hohen Studienerfolgsquoten. Angebote wie das Pre-Study-Programm, die Schreibwerkstatt oder psychosoziale Beratungsstellen seien zentrale Bausteine für einen erfolgreichen Studienverlauf und würden von hochqualifizierten Mitarbeitenden getragen, diese könnten jedoch häufig nur über befristete Projektmittel finanziert werden und seien deshalb prekär beschäftigt. Sie kritisierte den Widerspruch, dass Hochschulen mehr Durchlässigkeit schaffen sollen, die dafür notwendigen Strukturen durch die Kürzungen jedoch nicht dauerhaft finanziert werden könnten.

Den vierten und letzten Themenblock „Nachhaltigkeit und Bildung für nachhaltige Entwicklung“ eröffnete Dr. Yannick Liedholz, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Klimagerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Bildung für nachhaltige Entwicklung an der ASH Berlin. Er erinnerte in seinem Impulsvortrag daran, dass sich die Berliner Hochschulen in den Hochschulverträgen verpflichtet haben, bis 2035 klimaneutral zu werden. Mit einer Klimaschutzvereinbarung, die die ASH Berlin mit dem Land Berlin unterzeichnet hat, und einem eigenen Klimagerechtigkeitskonzept habe die ASH Berlin bereits konkrete Maßnahmen auf den Weg gebracht. Liedholz betonte, dass die Folgen der Klimakrise insbesondere weniger privilegierte und marginalisierte Menschen träfen. Deshalb brauche die Nachhaltigkeitstransformation neben technischen Innovationen vor allem soziale und kulturelle Ansätze. „Als SAGE-Hochschule qualifizieren wir Fach- und zukünftige Leitungskräfte im Sozial-, Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitsbereich. Wenn Berlin klimaneutral werden will, dann braucht es hoch qualifizierte Fach- und Leitungskräfte, die in ihren Einrichtungen diese Transformation mitgestalten“, betonte Liedholz. Die anwesenden Fachpolitiker_innen fragte er, wie sie die Bemühungen zur Nachhaltigkeit an den Hochschulen unterstützen und den gesellschaftlichen Wandel hin zur Klimaneutralität in Berlin voranbringen wollen. 

Tobias Schulze forderte einen konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien, zum Beispiel Solaranlagen auf allen Hochschuldächern, eine Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs sowie einen langfristigen Sanierungsplan für die Berliner Hochschulen, bei dem die energetische Modernisierung eine große Rolle spielt. Zugleich betonte er: „Nachhaltigkeit muss sich als Leitthema durch alle Fächer und alle Forschungsthemen ziehen. Die zentrale Frage muss lauten: Wie können wir soziale und ökologische Nachhaltigkeit in Zukunft erreichen? Wenn wir eine Zukunftsperspektive für Berlin im Jahr 2035 aufzeigen, was ja derzeit die Aufgabe der Perspektivkommission ist, dann muss Nachhaltigkeit das zentrale Leitthema für die Hochschulentwicklung sein.“

Mit Blick auf den eklatanten Sanierungsstau bei den Berliner Hochschulen erläuterte Maja Lasić, dass die Entscheidung über den Gesetzentwurf zur Gründung einer Berliner Hochschulbaugesellschaft auf den nächsten Hauptausschuss am 2. September verschoben wurde. Trotz aller Kritik an dem Vorhaben seitens der Hochschulen stehe sie nach wie vor zu dem Vorhaben, denn der Sanierungsstau könne nur mit Hilfe einer kreditfinanzierten Hochschulbaugesellschaft behoben werden. 

Laura Neugebauer kritisierte, dass der Gesetzentwurf das Ziel der Klimaneutralität bislang nicht ausdrücklich verankere. Angesichts des hohen Energieverbrauchs großer Hochschulen sei dies jedoch unverzichtbar, um die Klimaziele des Landes zu erreichen. Zudem warnte sie davor, Studiengänge mit Schwerpunkt Klimaresilienz durch die aktuellen Kürzungen zu schwächen. Gerade diese Fachrichtungen seien entscheidend, um Berlin an die Folgen des Klimawandels anzupassen und die Transformation der Stadt wissenschaftlich zu begleiten.

Bettina Völter plädierte dafür, Nachhaltigkeit umfassend zu verstehen. Neben Klimaschutz müssten auch soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit, Gesundheit und gute Arbeitsbedingungen stärker in den Blick genommen werden, und zwar ganz im Sinne der in den Hochschulverträgen verankerten Sustainable Development Goals. Völter kritisierte die hohe Arbeitsbelastung an den Berliner Hochschulen für angewandte Wissenschaften, die durch Kürzungen und zusätzliche Aufgaben weiter zunehme. Besonders die SAGE-Hochschulen, die mit vielen strukturellen Hürden wie bei der Akademisierung oder bei der Etablierung eines Promotionszentrums zu kämpfen hätten, stünden unter erheblichem Druck. Nachhaltige Hochschulentwicklung bedeute daher auch, Beschäftigte und Studierende dauerhaft zu entlasten und die notwendigen Ressourcen bereitzustellen.

In ihrem Abschlussstatement warb Bettina Völter dafür, den sozialen Zusammenhalt stärker ins Zentrum der Hochschul- und Wissenschaftspolitik zu rücken. Investitionen in Bildung, Gesundheit und Soziale Arbeit seien nicht nur eine Antwort auf den wachsenden Fachkräftemangel, sondern auch eine Voraussetzung für gesellschaftliche Resilienz und eine stabile Demokratie. „Als SAGE-Hochschulen sind wir direkt an der Beantwortung gesellschaftlicher Fragen beteiligt. Deshalb wünschen wir uns strukturelle Hilfe bei einer funktionalen Gestaltung der Rahmenbedingungen für die Akademisierung, deutliche Unterstützung vor allem beim Aufbau eines primärqualifizierenden Bachelorstudiengangs Physio- und Ergotherapie, bei der für die Studierenden hilfreichen Gestaltung der Durchlässigkeit und beim Thema Nachhaltigkeit, Klimagerechtigkeit und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Außerdem wünschen wir uns eine hochschulübergreifende Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen den Universitäten, den HAW und den künstlerischen Hochschulen sowie eine größere Anerkennung der Leistungen, die wir beispielsweise hier – auf Wunsch des Landes Berlin – am Standort Marzahn-Hellersdorf erbringen“, so Bettina Völter.