Pre-Study Programm Wie erfahren Menschen mit Fluchterfahrung ihr Studium an der ASH Berlin?

Studieneingangsphase und Prüfungsleistungen – Erfahrungen und Tipps von Absolvent_innen des ASH Pre-Study Programms

Emilia schreibt etwas auf
Afsaneh und Emilia

Wie erfahren Menschen mit Fluchterfahrung ihr Studium an der ASH? Was sind strukturelle und persönliche Herausforderungen? Die Fragen habe ich, weiße studentische Mitarbeiterin des Refugee Offices, mir im Rahmen der Gestaltung der Broschüre Trotzdem studiere ich hier gestellt und bei einigen Studierenden mit Fluchterfahrungen nachgefragt. Da an der Hochschule oft wenig auf die spezifischen Bedürfnisse von Studierenden mit Zweitsprache Deutsch eingegangen wird, entsteht oft ein enormer Druck und eine große Überforderung, durch das Studium zu kommen und Prüfungsleistungen zu absolvieren. Um diesen Druck mit der Anfrage nach einem ausformulierten Text für die Broschüre nicht zu erhöhen, habe ich entschieden, verschiedene Studierende zu diesem Thema zu interviewen und dann einen Text aus den Berichten zu erarbeiten. In diesem Rahmen habe ich mit Sandy, Roza, Hakam und Ashti gesprochen, den folgenden Text verfasst und im Nachgang wieder mit ihnen abgestimmt. Ich bedanke mich herzlich für das Vertrauen der vier Studierenden mir gegenüber, diesen Text über ihre Erfahrungen schreiben zu dürfen.

Die Teilnehmer_innen, die das Pre-Study Programm erfolgreich durchlaufen und dann in das reguläre Studium übergehen, aber auch andere Studierende mit Fluchterfahrung oder Newcomer_innen, die ohne das Programm in einen Studiengang starten, stehen im Studium erneut vor etlichen Herausforderungen.

Hakam, Sandy und Roza sind nach dem ersten Semester noch überforderter von den Anforderungen und einem akademischen System, das oft keine Rücksicht auf spezifische Bedürfnisse nimmt. Roza sagt: „Für mich ist es schwer. Sehr, sehr schwer. Also manchmal denke ich, dass ich aufgeben muss. Ich kann nicht mehr. Aber dann denke ich: Nein, ich muss weiter machen!“ Für die drei, die alle schon erfolgreich Studien in ihren Herkunftsländern durchlaufen und teilweise abgeschlossen haben, ist vor allem die Sprachbarriere eine große Herausforderung; „Also, die Sprache ist der generelle Grund [für unsere Schwierigkeiten], weil ich mich nicht traue, langsam zu sprechen oder weniger spezialisierte Wörter zu benutzen. Es geht dabei auch um Selbstvertrauen“, sagt Hakam. Und obwohl sie großes Interesse an den Themen des Studiums haben, erhalten sie wenig Unterstützung, dieses Selbstvertrauen in dem ihnen neuen Bildungssystem aufzubauen.

Das zeigt sich vor allem beim Erstellen von Prüfungsleistungen: „Prüfungsleistungen zu machen, macht nie Spaß oder sehr selten“, meint Ashti. Er hat bisher fast ausschließlich Referate als Prüfungsleistungen gemacht. Das habe recht gut funktioniert für ihn, meinte Ashti, vor allem in kleinen Gruppen. Roza dagegen hat sich immer für Hausarbeiten entschieden, auch wieder wegen der Sprache; vor der Seminargruppe zu reden kann sie sich noch nicht vorstellen. Zuhause etwas zu schreiben und dann in Ruhe zu korrigieren, das geht eher. Aber Zeit für Prüfungsleistungen ist für alle knapp, zusätzlich zu Arbeit oder der Betreuung von Kindern. Durch die sprachliche Herausforderung ist noch mehr Zeit notwendig, um Prüfungsleistungen fertigzustellen, das wird leider von Lehrkräften selten berücksichtigt. Manchmal scheitert es auch an ganz praktischen Dingen, wie zum Beispiel fehlender Information darüber, in welchen Seminaren und Semestern welche Prüfungsleistungen erbracht werden müssen und wo diese dann angemeldet werden können.

Hausarbeiten

Für Ashti ist eine permanente Sorge, dass er bisher noch keine Hausarbeit geschrieben hat. Strukturiert zu recherchieren, eine Fragestellung zu formulieren, einen Anfang zu finden und ins Schreiben zu kommen werde im Rahmen von Lehrveranstaltungen nicht in kleinen Schritten erlernt, sondern es komme alles auf einmal. Ashti sagt, die Wahrscheinlichkeit dann zu scheitern sei viel höher. Roza hat einen Monat in Panik verbracht mit der Frage: „Wie kann ich anfangen?“ Dazu komme die Anforderung, von Anfang an wissenschaftliches Schreiben in einer Zweitsprache zu beherrschen und es gebe extrem wenig Zeit für all das.

„Ich hab' mich mehrere Male dazu entschieden [eine Hausarbeit zu schreiben] und oft war die Zeit zu kurz“, sagt Ashti und rät: „Was da am besten hilft, ist einfach los schreiben.“ Auch wenn es nur darum gehe, eine Idee zu verschriftlichen, weil man dann etwas habe, an dem man sich weiter entlanghangeln könne. Außerdem empfiehlt er, alle Angebote in Seminaren wahrzunehmen, bei denen erstmal ein kleiner Teil einer schriftlichen Arbeit ausprobiert werden kann; „mal nur eine Einleitung schreiben, nur eine Literatursuche machen.“

Sandy und Roza fanden es dagegen hilfreich, sich andere Personen zu suchen, mit denen sie an der Hausarbeit arbeiten können. Für beide waren es ihre kleinen Geschwister, die momentan ihr Abitur machen und somit besser mit dem deutschen Bildungssystem vertraut waren. „Wenn wir zusammensaßen, habe ich meine Ideen formuliert, manchmal auch auf meiner Muttersprache und sie hat es verstanden und dann haben wir zusammen formuliert. Also, ich war nicht alleine. Es gibt da jemanden, der dir hilft und versteht, was du willst.“ Sandy fügt auch noch hinzu: „Also, meine Wörter sind sehr einfach, weil ich nicht Muttersprachlerin bin. Ich schreibe wie ich rede. Und ich dachte das passt gar nicht zu einer Hausarbeit (…), aber eigentlich geht es ja um den Inhalt.“ Außerdem empfiehlt sie, nicht alles auf die Semesterferien zu verschieben, sondern zu versuchen, schon parallel zu Seminaren mit Prüfungsleistungen anzufangen. So sei der Druck am Ende nicht so hoch und die Themenfindung könne sich im Zusammenspiel mit dem Inhalt des Seminars und der Unterstützung der Dozierenden entwickeln.

Präsentationen in Gruppen

Das Arbeiten an Referaten wurde von den Studierenden unterschiedlich wahrgenommen. Für einige war es die Angst davor, vor der Seminargruppe sprachliche Fehler zu machen, die sie davon abgehalten hat, es auszuprobieren. Ashti hat mehrmals Referate gehalten: „Es war jetzt nicht, dass ich Referate lieber mag. Es war ein Ausprobieren von Anfang an – das eine hat funktioniert [Referate], das andere [Hausarbeiten] noch nicht. Das, was funktioniert benutze ich jetzt öfter.“

Für die anderen spielte auch noch ein weiterer Aspekt eine wichtige Rolle, sich gegen ein Referat zu entscheiden; Referate werden meist in Gruppen gehalten und die Gruppenfindung stellt oft eine weitere Herausforderung dar. Roza hatte das Gefühl, dass die meisten Studierenden im ersten Semester überfordert waren und meint deswegen: „Und wenn jetzt die, die nicht so gut sprechen, noch dazukommen – also, ich hatte das Gefühl, das wollten die nicht so gerne“ – hier bezieht sich Roza auf Deutsch-Erstsprachler_innen. Hakam hat auch oft das Gefühl, nicht in die sich schnell formenden Gruppen von Deutsch-Erstsprachler_innen hinein zu können oder zu dürfen. Obwohl er auch betont, er könne das an keinen konkreten Handlungen festmachen, sondern es sei nur „so ein Gefühl“, scheint dies nicht von ungefähr zu kommen. Vielmehr berichten viele Absolvent_innen des Programms von der gleichen Situation. Auch Roza sagt: „Das war so ein Gefühl, ich weiß nicht, ob das ein Missverständnis war. Weil in Gruppenarbeiten während der Lehrveranstaltung haben sie immer Verständnis für uns gezeigt.“

Immer wieder von Teilnehmer_innen des Programms ähnliche Berichte von Ausschlüssen an der ASH Berlin zu erfahren, betrifft uns alle. Meiner Meinung nach ist es ein unmissverständlicher Appell an uns alle, die das Privileg haben in unserer Erstsprache zu studieren, unsere Scheuklappen abzunehmen und uns zu überlegen, in was für einer Hochschule und in was für Seminargruppen wir studieren wollen. In einer, in der alle stur und nur auf sich selbst achtend durch das Studium huschen und Diskriminierung(en) reproduzieren oder in einer, in der ein wirklich offener Austausch, von dem wir alle gleichermaßen profitieren können, möglich ist? Dafür müssten wir mehr auf die achten, die vom gegenwärtigen Bildungssystem außer Acht gelassen werden.

Wünsche und Gedanken zum Studium

Ashti wünscht sich, dass mehr Rücksicht darauf genommen wird, wer in welchem Bildungssystem sozialisiert wurde und auf die daraus resultierenden unterschiedlichen Bedürfnisse. Roza wünscht sich einfachere Texte und mehr Unterstützung durch Dozierende, komplexere Texte sprachlich zu durchsteigen.

Im Nachhinein meint Sandy, sie habe zu Beginn des Studiums zu viel gearbeitet und hätte früher auf 18 Wochenstunden reduzieren sollen. Weniger Seminare, nicht gleich neun oder zehn zusätzlich zu einer halben Stelle, würde Sandy sehr weiterhelfen.

Hakam hätte gern früher generelle Informationen über Prüfungs- und Teilnahmeleistungen gehabt: Was das genau bedeutet und wie man das am besten angeht. Muster für Hausarbeiten und Referate wären auch hilfreich gewesen, meinen die Studierenden, und die Möglichkeit, mal eine Prüfungsleistung auszuprobieren mit Begleitung und Korrektur, bevor es an die benoteten, großen Prüfungsleistungen geht.

Und Hakam wünscht sich einen Weg, um Kunst und insbesondere Musik, die Fächer, die er in seinem Herkunftsland studiert hat, mit seinem neuen Studium der Sozialen Arbeit verbinden zu können. Hakam sagt, da sie genau wissen, wie es ist „in Sorge und mit Leid zu leben“ ist soziale Unterstützung im Sinne von Sozialer Arbeit sehr sinnvoll und wichtig für sie.

Wohin soll es gehen?

Die Berichte von Überforderung und Ausgrenzung von Studierenden mit Fluchterfahrung und Zweitsprachler_innen, sind ein deutlicher Appell an uns alle – Studierende, Mitarbeiter_innen und Lehrende – dass noch sehr viel getan werden muss an der ASH Berlin, um der Verwirklichung von Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit und Emanzipation im Sinne des Leitbilds und der Tradition der Hochschule gerecht zu werden.


Emilia Zimmermann ist Studierende im BA-Soziale Arbeit und Mitarbeiterin im ASH Refugee Office.