Hochschulleben „Wie geht es dir?“ Podiumsdiskussion zur Comic-Ausstellung an der ASH Berlin

Nahostkonflikt: Wie politische Bildung dazu beitragen kann, Sprachlosigkeit zu überwinden und Vorurteile zu hinterfragen

Die Podiumsgäste sitzen nebeneinander in einem Seminarraum der ASH Berlin. Im Hintergrund befindet sich ein großer Bildschirm auf dem das Cover des Buches "Wie geht es dir?" zu sehen ist.
v.l.n.r.: Pierre Asisi, politischer Bildner und Moderator der Veranstaltung, Nathalie Frank, Comic-Künstlerin und Mitinitiatorin des Projekts, Mohamed Ibrahim, deutsch-palästinensischer Trainer für interkulturellen und interreligiösen Dialog, zwei Studierende der ASH Berlin, die die Diskussion in die deutsche Gebärdensprache übersetzt haben, Jan-Hinrich Wagner, Leiter des Bildungsprogramms des New Israel Fund Deutschland, und Vered Berman, Ansprechperson für Antisemitismus an der ASH Berlin.

60 Comics, 60 Perspektiven und eine Frage: „Wie geht es dir?“. Mit dieser scheinbar simplen Einstiegsfrage begannen im Januar 2024 insgesamt 48 Comicautor_innen Gespräche mit 60 Interviewpartner_innen. Im Dialog mit Menschen, die von Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, oder anderen Formen von Diskriminierung betroffen sind, sowie mit Personen, die sich mit menschenfeindlichen Ideologien auseinandersetzen, entstand das außergewöhnliche Comicprojekt „Wie geht es dir? Zeichner_innen gegen Antisemitismus, Hass und Rassismus“.

Aus den Comics entstand eine Wanderausstellung, die seit Ende April an der Alice Salomon Hochschule Berlin zu sehen ist. Am vergangenen Montag fand an der ASH Berlin eine begleitende Podiumsdiskussion statt. Teilnehmende waren Nathalie Frank, Comickünstlerin und Mitinitiatorin des Projekts, Jan-Hinrich Wagner, Leiter des Bildungsprogramms des New Israel Fund Deutschland, Mohamed Ibrahim, deutsch-palästinensischer Trainer für interkulturellen und interreligiösen Dialog, sowie Vered Berman, Ansprechperson für Antisemitismus an der ASH Berlin. Die Moderation übernahm der politische Bildner Pierre Asisi.

Zu Beginn der Veranstaltung wurden drei der insgesamt 60 Comics vorgestellt und vorgelesen. Die gezeichneten Interviews dokumentieren den Schmerz, die Angst und die Hoffnung von Menschen, deren Leben durch den Hamas-Angriff in Israel, die Angriffe der israelischen Armee in Gaza sowie durch Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland geprägt sind. Sie zeigen nicht nur eine Seite des Konflikts, sondern 60 unterschiedliche Perspektiven. Damit versuchen sie, die komplexe Wirklichkeit in einem sensiblen Dialog sichtbar zu machen und der Sprachlosigkeit zu begegnen, die vielerorts seit dem 7. Oktober 2023 entstanden ist.

Die Mitinitiator_innen des Projekts betonten, dass bewusst viele „Alltagsmenschen“ interviewt wurden, während nur wenige Personen des öffentlichen Lebens zu Wort kommen. Dadurch rücken persönliche Erfahrungen und individuelle Sichtweisen in den Mittelpunkt.

Begleitend zur Ausstellung entwickelte das Bildungsprogramm des New Israel Fund Deutschland (NIF) gemeinsam mit den Initiator_innen des Comicprojekts einen Workshop, der eine pädagogische Auseinandersetzung mit den Inhalten der Ausstellung ermöglicht. Im Verlauf der Podiumsdiskussion wurden die Erfahrungen aus den Workshops geteilt und die Herausforderungen politischer Bildungsarbeit dargestellt. Einigkeit bestand darüber, dass diskriminierende oder problematische Äußerungen in Workshops und auch im Unterricht nicht sofort mit einem reflexhaften „Das sagt man nicht!“ abgeblockt werden sollten. Eine solche Reaktion beende zwar die Situation, greife aber zu kurz. Politische Bildung müsse vielmehr danach fragen, woher eine Aussage komme, welche Vorurteile oder Erfahrungen ihr zugrunde liegen und wie diese hinterfragt werden können.

Dabei komme Lehrkräften eine besondere Rolle zu. Ziel politischer Bildung sei es, sie zu stärken und zu Multiplikator_innen zu machen. Dafür müssten sie keine Expert_innen für alle politischen Konflikte der Welt sein. Ihre eigentliche Stärke liege in der langjährigen Beziehungsarbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Sie kennen ihre Schüler_innen oft besser als externe politische Bildner_innen und seien deshalb besonders gut in der Lage, mit ihnen auch über schwierige und emotional aufgeladene Themen zu sprechen.

In diesem Zusammenhang wurde das Konzept des „Braver Space“ vorgestellt. Anders als beim „Safer Space“ geht es dabei nicht darum, jede Irritation zu vermeiden. Vielmehr soll ein Rahmen geschaffen werden, in dem respektvoll miteinander umgegangen wird, gleichzeitig aber auch Nichtwissen, Unsicherheiten und sogar „falsche“ Äußerungen Raum bekommen und diskutiert werden können. Erst dadurch könne ein ehrliches Gespräch entstehen und im besten Fall Vorurteile abgebaut werden.

Die Podiumsgäste stellten zudem verschiedene methodische Ansätze für Workshops vor. Beim metaphorischen Ansatz wird ein Konflikt etwa mit Tieren verglichen: Der Konflikt ist wie eine Ameise, man sieht sie nicht aber plötzlich sind sie überall oder wie ein Löwe, der laut und unüberhörbar brüllt. Der biografische Ansatz wiederum fragt danach, wie zum Beispiel der israelisch-palästinensische Konflikt in das eigene Leben getreten ist und welche persönlichen Bezüge die Teilnehmenden dazu haben.

Gerade im Kontext von Israel und Palästina beobachten die Diskutierenden, dass das Angebot an dringend benötigten Gesprächsräumen kleiner werde. Finanzielle Förderungen gingen zurück, Veranstaltungen würden häufiger infrage gestellt und Organisationen sowie politische Bildner_innen stünden unter einem zunehmenden Druck. Wer heute Bildungsangebote zu diesem Themenfeld mache, müsse sich bewusst dafür entscheiden, solche Räume zu öffnen und bereit sein, den damit verbundenen Gegenwind auszuhalten.

Was politische Bildung leisten kann, wurde im Verlauf der Diskussion mehrfach deutlich: Sie kann helfen, Schwarz-Weiß-Denken aufzubrechen, Vorurteile zu hinterfragen und die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Perspektiven auszuhalten. Immer wieder zeige sich, dass die Sichtweise der jeweils anderen Seite vielen Menschen nahezu unbekannt sei. Politische Bildung könne dazu beitragen, diese Lücken zu schließen.

Einen hoffnungsvollen Ausblick bot zum Ende der Veranstaltung das Beispiel des Parents Circle Families Forum (PCFF). Die israelisch-palästinensische Organisation mit mehr als 850 Mitgliedern vereint Menschen, die durch den anhaltenden gewaltsamen Konflikt nahe Angehörige verloren haben und sich dennoch für Versöhnung, Dialog und Frieden einsetzen. Jahrelang führte das PCFF politische Bildungsarbeit an israelischen Schulen durch. Vor drei Jahren wurde dieses Angebot vom israelischen Bildungsministerium untersagt. Nach einem langjährigen Rechtsstreit erhielt die Organisation jedoch Recht und darf ab dem kommenden Schuljahr wieder Bildungsangebote an Schulen durchführen.

 

Die Ausstellung „Wie geht es Dir? Zeichner_innen gegen Antisemitismus, Hass und Rassismus“ ist bis Ende Juli in der 1. Etage des ASH-Neubaus zu sehen. Alle Hochschulangehörigen sowie interessierte Besucher_innen sind herzlich eingeladen, die Ausstellung zu besuchen.
Das Comicprojekt „Wie geht es dir?“ ist auch als Buch erschienen: https://www.avant-verlag.de/comics/wie-geht-es-dir/

Das Bildungsprogramm des New Israel Fund Deutschland e. V. hat gemeinsam mit den Initiator_innen des Comicprojekts einen Workshop entwickelt, der eine pädagogische Auseinandersetzung mit den Inhalten der Ausstellung ermöglicht. Ziel des Workshops ist es, die Fähigkeit zu erlangen, aktiv mit Lern- und Jugendgruppen Diskursräume zur Vielschichtigkeit von Perspektiven und Emotionen zu gestalten. Die Fortbildung beinhaltet jeweils einen Teil Reflexion, Input und Anwendung von Unterrichtsempfehlungen. In einem ersten Schritt reflektieren die Teilnehmenden ihre Wahrnehmung des Diskurses über Israel/Palästina. Durch die Beschäftigung mit Unterrichtsmaterialien und -vorschlägen, die sich auf das Comicprojekt „Wie geht es dir?” beziehen, erwerben sie konkrete Kompetenzen im Umgang mit der Thematik.
Der Workshop richtet sich an Angehörige der ASH Berlin und findet am 15.7. 2026 von 11-13 Uhr statt. Anmeldung bis zum 14.07.2026 per E-Mail an bildungsprogramm@ avoid-unrequested-mailsnif-deutschland.de