Am 23.Juni 2026 fand unter Beteiligung von über siebzig Personen der Fachtag „Sexualisierter Diskriminierung und Gewalt an Hochschulen durch Schutzkonzepte begegnen“ im Audimax der ASH Berlin statt. Der Fachtag markiert den Übergang der Schutzkonzeptentwicklung an der ASH Berlin in die Umsetzungsphase und auch das Projektende des von 2022 bis 2026 durch das Berliner Chancengleichheitsprogramm geförderten Projekts „Positioniert und sichtbar - Schutzkonzept der ASH Berlin zum Umgang mit sexualisierter Diskriminierung und Gewalt und antifeministischen Angriffen“.
Schutzkonzeptentwicklung an Hochschulen
Der Vormittag war von zwei Vorträgen geprägt, die unterschiedliche Perspektiven auf Schutzkonzepte eröffneten. In ihrem Vortrag „Sexualisierte Gewalt an Hochschulen thematisieren – über eurozentristische Perspektiven hinaus“ zeigte Lina Knorr von der Universität Potsdam auf, dass die Forschung zu sexualisierter Diskriminierung und Gewalt Eurozentrismus und westliche Dominanz reproduziert – etwa dadurch, dass Beiträge in Fachzeitschriften bei US-amerikanischen Studien häufig keine explizite Länderreferenz angeben und die USA so implizit als Standard gesetzt werden. Der Vortrag zeigte akademische und aktivistische Perspektiven im Umgang mit sexualisierter Gewalt an Hochschulen in Indonesien, Indien und Argentinien auf und diskutierte im Anschluss, welche Überlegungen sich daraus für Hochschulen in Deutschland ergeben.
Im Anschluss präsentierte Lea Hinzmann die Ergebnisse ihrer Masterarbeit. Ihr Beitrag „Transformative Potenziale von Schutzkonzepten gegen sexualisierte Gewalt, Sexismus und Antifeminismus“ ging der Frage nach, wie Entwicklungsprozesse von Schutzkonzepten an Hochschulen gestaltet werden, welche Herausforderungen dabei auftreten und welche Potenziale sich entfalten können. Im Zentrum standen dabei die in Fokusgruppeninterviews erhobenen Erfahrungen der Teilnehmenden, die Schutzkonzepte sowohl als Chance als auch als Bedrohung wahrnehmen.
Die anschließenden Workshops widmeten sich vier Themen: der Erfahrungsexpertise von Wissenschaftler_innen, die selbst sexualisierte Gewalt erfahren haben und im Feld lehren und forschen; der Schutzkonzeptentwicklung in der Kinder- und Jugendarbeit; der Thematisierung von sexualisierter und häuslicher Gewalt und gesundheitlicher Versorgung in der Lehre; sowie der Handlungsfähigkeit von Zeug_innen im Rahmen eines Active-Bystander-Trainings.
Strukturell notwendige Entwicklungen
Den Abschluss des Fachtags bildete die Fishbowl-Diskussion „Vom Projekt zum Alltag – Ergebnisse des Fachtags im Hinblick auf die Verstetigung des Schutzkonzepts an der ASH Berlin“. Beteiligt waren Urte Böhm (Leitung Qualitätsmanagement und -entwicklung in Studium und Lehre), Momo Gröbel (dezentrale Frauen*- und Gleichstellungsbeauftragte FB1) und Prof. Dr. Sandra Smykalla (dezentraler Frauen*- und Gleichstellungsrat FB1), die die Schutzkonzeptentwicklung an der ASH Berlin über die letzten Jahre als strategische Projektgruppe begleitet haben.
Zur Ausgangsfrage, was die Arbeit am Schutzkonzept strukturell und persönlich verändert habe, betonte Sandra Smykalla den partizipativen Charakter des Prozesses: Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt (SDG) sei als Thema an der Hochschule verankert worden, konkrete Aufgaben lägen nun vor, und das BCP-Modul für die Lehre habe sich als besonders wirksam erwiesen. Persönlich sei sie im Umgang mit dem Themenfeld kämpferischer geworden.
Im Anschluss an das Active-Bystander-Training diskutierte die Runde die Grenzen individueller Intervention. Verwiesen wurde auf die personellen, zeitlichen und emotionalen Ressourcen, die SDG-Fälle sowohl strukturell als auch bei Einzelnen binden. Gefordert wurde eine neue Kultur kollegialen Feedbacks unter Professor_innen, die Grenzverletzungen anspricht, statt Betroffene – insbesondere Studierende – damit allein zu lassen. Zudem sprach sich die Runde für die Fortführung der Lehrbesuche im Rahmen des Schutzkonzeptprojekts aus, da diese strukturell, didaktisch und auf Mikroebene viel bewirkt hätten.
Zur Frage der Beteiligung Betroffener kritisierte Momo Gröbel die unzureichende Einbindung Studierender. Jeanne Rohleder vom Betroffenennetzwerk mahnte an, dass das Erfahrungswissen Betroffener bislang nicht als Wissenschaft anerkannt werde und mehr Raum für Emotionalität nötig sei.
Zur Wirksamkeit des Schutzkonzepts hob Elène Misbach, Referentin für Transfer und Third Mission, den Transfer in die Lehre hervor, verwies zugleich auf den Ressourcenbedarf für die Nachsorge und regte eine Roadmap für andere Hochschulen an. Studierende machten deutlich, dass Glaubwürdigkeit eine Aufarbeitung vergangener gewaltvoller Diskurse an der ASH voraussetze – ein Bedarf, den bereits die Vorstudie zur Debatte „Missbrauch mit dem Missbrauch" um den ehemaligen Rektor der ASH Berlin, Reinhart Wolff, aufgezeigt hatte. Eine weitere Person aus der Studierendenschaft betonte, dass Ansätze wie Transformative Justice, die innerhalb Schwarzer und rassifizierter Communities zum Umgang mit Gewalt entwickelt worden seien, sich nicht ohne Weiteres auf Institutionen übertragen ließen, zumal die Anerkennung Schwarzen Wissens häufig fehle.
Abschließend forderte die zentrale Diversitäts- und Antidiskriminierungsbeauftragte, Jul Kohlberg, einen Perspektivwechsel: Die Institution müsse sich auch der Arbeit mit Täter_innen stellen, da sichere Räume bislang oft außerhalb der Hochschule entstünden.
Obwohl der Fachtag das Ende des Projekts „Positioniert und sichtbar – Schutzkonzept der ASH Berlin zum Umgang mit sexualisierter Diskriminierung und Gewalt und antifeministischen Angriffen“ markierte, wurde zugleich sichtbar, wie viel dieses Projekt bewegt hat – in Bezug auf Vernetzung, die Öffnung von Debattenräumen und strukturelle Verankerung. Die Fortsetzung dieser Prozesse und die Umsetzung der im Schutzkonzept beschriebenen Maßnahmen liegen nun in der Verantwortung der neu gewählten Hochschulleitung.