Pflegemanagement und Corona Wir können lernen, mit Pandemien umzugehen

Prof. Dr. Uwe Bettig im Interview über die Lehren aus der Corona-Krise für den Bereich Pflegemanagement

Vergrößern: Pflegekräft im Kranknehaus helfen sich gegenseitig die Schutzanzüge anzuziehen
© Francisco Àvia_Hospital Clínic / flickr.com

Vor welchen Herausforderungen stehen Pflegekräfte aktuell?

Bettig: Ich habe zu Beginn der Pandemie eine Befragung unter Studierenden des Studiengangs Gesundheits- und Pflegemanagement gemacht. Es hat sich gezeigt, dass auf der einen Seite aufgrund des Fachkräftemangels eine Überlastung festzustellen war, auf der anderen Seite aufgrund des Wegfalls elektiver Eingriffe in den Krankenhäusern und des Vorhaltens von Intensivbetten Überstunden abzubauen waren, was gerade bei Studierenden zu Einnahmenausfällen geführt hat.

Auch die Wertschätzung der Pflege wurde sehr problematisch wahrgenommen, so wurde z. T. fehlende Schutzausrüstung bemängelt, ohne dass gezielt dazu informiert wurde. Ebenfalls sehr kritisch wurde wahrgenommen, dass nach Kontakt mit positiv getesteten Patient_innen keine Quarantäne angeordnet wurde, sondern ein Symptomtagebuch zu führen war.

Es hat sich sehr gezeigt, dass wir im Gesundheitssystem Vorhaltekapazitäten benötigen, d. h. Krankenhäuser können nicht permanent voll ausgelastet sein. Das ist im gegenwärtigen DRG-System aber sehr schwer abbildbar. Dieses fördert/fordert ein stetiges Mehr an Fällen in immer kürzerer Behandlungszeit. Grundsätzlich ist zu hinterfragen, ob das Gesundheitswesen marktwirtschaftlichen Gesetzen folgen muss oder ob eine Gemeinwohlorientierung der bessere Weg ist.

 

Bessere Bedingungen für Pflegekräfte wurden bereits vor der Pandemie gefordert. Sehen Sie eine Chance, dass sich jetzt endlich etwas bewegt?

Bettig: Wir sehen aktuell, dass die Pflege aus der DRG-Vergütung herausgelöst wird und so quasi das Selbstkostendeckungsprinzip zumindest für die Pflegekosten eingeführt wird. Das stellt eine Stärkung der Pflege (im Krankenhaus) dar, fraglich ist aber, wie sich das auf die Arbeitsbedingungen insgesamt auswirken wird.

Die Arbeitsbedingungen im Bereich der Stationären Pflege (Langzeitpflege) werden hiervon nicht berührt, ich fürchte auch, dass dieser Bereich durch die Reform der Pflegeausbildung weiter an Attraktivität verlieren wird. Insofern sehe ich hier sehr dringenden Bedarf, die Attraktivität der Arbeitsbedingungen zu stärken. So ist ein kritischer Punkt seit Langem die Verlässlichkeit der Dienstpläne. Pflegekräfte werden an eigentlich freien Wochenenden häufig trotzdem zu Diensten eingesetzt – auch eine Folge des Fachkräftemangels. Das ist mit familienfreundlichen Arbeitszeiten natürlich nicht vereinbar.

Auch die Bezahlung war und ist ein großes Thema, diese muss entsprechend der hohen Verantwortung und Bedeutung der Pflege angepasst werden.
Hier sehe ich großen Handlungsbedarf und habe zumindest Hoffnung, dass sich hier etwas bewegen wird.

 

Was braucht es für eine weitere Akademisierung in der Pflege?

Bettig: Im europäischen Vergleich sind wir ja erst am Anfang der (Teil-)Akademisierung in der Pflege. Das Pflegeberufegesetz formuliert bereits, welche Aufgaben bei akademisierten Pflegefachleuten gesehen werden, so z. B. die Steuerung und Gestaltung hochkomplexer Pflegeprozesse auf der Grundlage wissenschaftsbasierter oder wissenschaftsorientierter Entscheidungen. Erwähnt werden auch das Voranbringen der Pflegeforschung und die Entwicklung von Leitlinien und Expertenstandards. Das sind große Aufgaben, denen eine entsprechend große Zahl an akademisch ausgebildeten Pflegekräften gegenüberstehen muss. Es sind ja viele neue Studiengänge entstanden und ich hoffe auf regen Zuspruch. Leider hat der Gesetzgeber keine Vergütung der Praxisphasen geregelt, was als großes Manko und echte Hürde der Akademisierung gesehen wird. Es wird sich zeigen, wie sich dies z. B. im Vergleich zur Ausbildung auf die Zahl der Bewerber_innen auswirken wird.

"Grundsätzlich ist zu hinterfragen, ob das Gesundheitswesen marktwirtschaftlichen Gesetzen folgen muss oder ob eine Gemeinwohlorientierung der bessere Weg ist."


Inwieweit wird sich das Gesundheitswesen nach der Pandemie verändern/ verändert haben?

Bettig: Es hat sich bereits an der Diskussion um Bonuszahlung für Pflegekräfte (Corona Pflegebonus) gezeigt, dass z. T. der Wille für Veränderungen fehlt bzw. die notwendigen Mittel nicht zur Verfügung gestellt werden. Pflegekräfte im Krankenhaus wurden hier zunächst vom Gesetzgeber nicht bedacht, viele Träger reagieren darauf jedoch mit hausindividuellen Lösungen. Zum Glück wird hier aktuell vom Gesetzgeber nachgebessert.

Auch das Scheitern einer Pflegekammer in Niedersachsen zeigt, dass berufspolitisch noch viel Arbeit geleistet werden muss, auch dieser Aspekt ist für unsere Studiengänge an der ASH Berlin wichtig.

Aktuell wird über die Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland bzw. die aufgestellten Krankenhausbetten diskutiert. Eine 2019 veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung geht von Überkapazitäten aus, aber gerade die Corona-Krise hat gezeigt, dass wir in der Fläche eine gut ausgebaute Versorgung benötigen. Hier wird sich zeigen, welcher Ansatz sich letztlich durchsetzen wird.

 

Glauben Sie, dass es weitere Pandemien geben wird?

Bettig: Ja, ich fürchte, dass wir uns schon aufgrund der Globalisierung auf weitere Pandemien einstellen müssen. Wir können aber lernen, mit Pandemien umzugehen. Deshalb bereiten mir Demonstrationen von Gruppen wie etwa „Querdenken 711“ inhaltlich, aber auch wegen der Nähe zu verfassungsfeindlichen Gruppierungen, große Sorgen. Mehr Solidarität mit vulnerablen Gruppen statt einer Abkehr von den getroffenen Sicherungsmaßnahmen sollte eigentlich das Gebot der Stunde sein. Gerade hier können aus Hochschulen heraus wichtige inhaltliche Impulse gesetzt werden.

 

Wie kann sich das Gesundheitssystem auf weitere Pandemien vorbereiten?

Bettig: Die Corona-Krise hat gezeigt, dass wir Intensivbetten benötigen und vor allem gut geschultes Personal, dass z. B. die Beatmung von Patient_innen gewährleisten kann. Problematisch war die Versorgung der im Gesundheitswesen Tätigen mit Schutzausrüstung. Die Abhängigkeit vom Import dieser Güter sollte zumindest auf EU-Ebene beseitigt werden.

Die Akademisierung ist für mich weiterhin der Schlüssel zur Lösung solcher Herausforderungen. Lag der Fokus zunächst allein auf der Virologie, hat sich doch gezeigt, dass inter- und transdisziplinäre Ansätze notwendig sind, um die Herausforderungen einer Pandemie zu bewältigen. Wann sind Schulen und Kitas zu schließen? Wie lange darf dies andauern? Diese und weitere Fragen lassen sich nicht monodisziplinär lösen, sodass wir gut ausgebildete Kräfte im Gesundheits- und Sozialwesen benötigen – eine spannende Herausforderung auch für die wachsende Alice Salomon Hochschule.

Uwe Bettig ist Professor für Management und Betriebswirtschaft.

Literatur:
Uwe Bettig, Mona Frommelt, Roland Schmidt
Fachkräftemangel in der Pflege: Konzepte, Strategien, Lösungen.
Medhochzwei Verlag 2011
372 S., 54,95 Euro
ISBN 978-3-86216-078-5