Tagung Türöffner

Die Projektleitung des Campus-Gemeinwesen-Projekts P.F.o.r.t.E und Mitarbeiterinnen* von P.F.o.r.t.E. und ASH-IQ berichten im Interview von zwei Jahren intensiver Arbeit und der Vorstellung der Ergebnisse heute im Audimax der ASH Berlin

Vergrößern: Eine Grafik mit Gesichtern die sprechen, darunter steht: Wer spricht? Wo entsteht wissen?
© Erik Göngrich

alice online: Wofür steht das Projekt Pforte und was ist dort während der Projektlaufzeit passiert? 

Elène Misbach: P.F.o.r.t.E. - verstanden als offene Pforte oder Türöffner – steht für die gegenseitige Öffnung von Hochschule und Bezirk füreinander, um anstehende gesellschaftliche, bezirkliche und fachliche Herausforderungen und Themen gemeinsam zu erörtern und nach Lösungen zu suchen. P.F.o.r.t.E. steht für Kommunikation und Dialog und eine prozessorientierte und forschende Herangehensweise. P.F.o.r.t.E. heißt ausgesprochen: Partnerschaftliche Förderung organisationaler, regionaler und transparenter Entwicklungszusammenarbeit. Dieser Prozess der partnerschaftlichen Zusammenarbeit ist keine Einbahnstraße, sondern stets ein partizipativer, dialogischer und zunächst auch ergebnisoffener Prozess.

Oliver Fehren: Ja, bereits die Antragstellung für P.F.o.r.t.E erfolgte in einem partizipativen Prozess, an dem von Anfang an sowohl Akteur_innen des lokalen Gemeinwesens – wie das Quartiersmanagement Hellersdorfer Promenade und der damalige Bezirksbürgermeister Stefan Komoß – beteiligt waren als auch eine studiengangsübergreifend arbeitende Arbeitsgruppe, in der Professor_innen der drei Studienbereiche der ASH Berlin, Urte Böhm als Mitarbeiterin des Zentrums für Innovation und Qualität in Studium und Lehre – ASH-IQ sowie Bettina Völter als Prorektorin für Forschung und Kooperationen beteiligt waren. Dieser bereits in der Antragstellung angelegte partizipative und kooperative Ansatz wurde auch konsequent in den Strukturen des auf zwei Jahre angelegten Projektes fest verankert.

Urte Böhm: Konkrete Arbeits- und Kommunikationsstrukturen waren hier die paritätisch mit Akteur_innen aus Gemeinwesen und Hochschule besetzte Lenkungsgruppe, die für die operative Umsetzung der Projektarbeit verantwortlich war. Der Projektbeirat, vorwiegend besetzt mit Akteur_innen des Gemeinwesens sowie mit Vertreter_innen der Leitungsebenen des Bezirksamtes und der Hochschule, hat beratend-strategische Aufgaben wahrgenommen. Als wichtige Schnittstelle mit Koordinierungsfunktion fungierte die wissenschaftliche Mitarbeiterin* des Projektes. In insgesamt sechszehn Sitzungen der Lenkungsgruppe und sechs Sitzungen des Beirats haben wir intensiv und auf Augenhöhe miteinander gearbeitet. Für uns ist dabei einmal mehr deutlich geworden, dass Kooperationen davon leben, gemeinsame fachliche und gesellschaftspolitische Anliegen zu identifizieren und – ein oftmals relevanter „Erfolgsfaktor“ – anlassbezogen im gemeinsamen Machen anzugehen. Das können kleinere zeitlich klar begrenzte Projekte ebenso sein wie informell-formelle und langfristig angelegte Formate und Orte des Dialogs und Austauschs wie das Kooperationsforum Marzahn-Hellersdorf – ASH Berlin, aus dem heraus P.F.o.r.t.E. mit entwickelt wurde.

Oliver Fehren: Während der Projektlaufzeit herausgekommen sind dabei unter anderem zwei sehr produktive Werkstatt-Tage zu „Kooperationen von Hochschule und Gemeinwesen“ mit neuen Kontakten und Impulsen, eine erhöhte Kommunikationsdichte zwischen den beteiligten Akteur_innen, die organisatorische und inhaltliche Beteiligung von P.F.o.r.t.E. an den beiden Hochschultagen „alice solidarisch“. Bei „alice solidarisch“ ist für mich nach wie vor die produktive Dynamik beeindruckend, die sich ergeben kann aus der Mischung informeller und formeller Zusammenarbeit, dem Willen und der Bereitschaft, sich gegenseitig anzuerkennen und zuzuhören sowie der Offenheit, bedarfsorientiert an gemeinsamen Herausforderungen und Themen zu arbeiten. So war das zweite Treffen des Beirats von P.F.o.r.t.E. im Herbst 2015 für die „Initialzündung“ von „alice solidarisch“ durchaus impulsgebend: Anlassbezogen und angeregt durch die Schilderung des damaligen Bezirksbürgermeisters Stefan Komoß bezüglich der Versorgungslage geflüchteter Menschen im Bezirk, hat die Hochschulleitung einen Aufruf auf den Weg gebracht und im weiteren Prozessverlauf mit dem Potential, dem Problembewusstsein und Engagement aller hochschulinternen und -externen Beteiligten weiter entfaltet – bis zur Umsetzung der Fokuswoche im Januar 2016. An sozialen Innovationen mitzuwirken, wie z.B. im Rahmen von „alice solidarisch“, entspricht den im Antrag formulierten Zielen von P.F.o.r.t.E. Dieser Prozess war jedoch kein bis ins Detail vorab geplantes Projekt, sondern konnte nur entstehen durch die beschriebene Offenheit – füreinander, für die Themen Migration, Flucht, (Anti)Rassismus und der notwendigen Professions- und Praxisentwicklung in dem Feld sowie für die Prozesse.

"Kooperation braucht das Vertrauen in die Kompetenz des Anderen"

alice online: Wie kann Kooperation zwischen Bezirk und ASH Berlin unterstützt und verstetigt werden?

Heidi Höppner: Es gibt hier viele Erfahrungen, einige sind in unseren Handlungsempfehlungen zu lesen. Es geht zum Beispiel immer wieder um das Verständnis für die jeweils andere Seite, um Selbstbewusstsein und Offenheit oder auch um gute Kommunikation für das Aushandeln unterschiedlicher Perspektiven. Das heißt, es geht um klare miteinander abgestimmte Ziele, eine realistische Aufgabenstellung, verlässliche Partner_innen und um Verantwortungsübernahme für ein Projekt. Es braucht die Überzeugung, dass das Gemeinsame mehr ist – etwas Neues in die Welt bringt – und es braucht die bereits beschriebene Offenheit für den Prozess. Für die Verstetigung braucht es klare strukturelle Rahmen für Begegnungen bzw. die gemeinsame Arbeit, z.B. in Form von Forschungsprojekten, in Form innovativer gesicherter Lehrkonzepte, in Form von Kooperationsplattformen oder – wünschenswert – als Koordinierungsstelle für Kooperationen zwischen ASH Berlin und Bezirk. Es braucht die Entschiedenheit, es zu wollen und es zu tun. Kooperation braucht das Vertrauen in die Kompetenz des Anderen und immer wieder auch einen Vertrauensvorschuss hinsichtlich eines konkreten Vorhabens. Mehr als 50 Prozent der Energie sollte für das Ermöglichen – nicht für den Widerstand – genutzt werden.

Corinna Schmude: Und dazu gehört unseres Erachtens nach auch, um die innere Logik der Strukturen in Bezirk und Hochschule zu wissen und dieses Wissen für die Gestaltung der Kooperation gewinnbringend zu nutzen.

Oliver Fehren: Genau. Ich stelle mir hier vor, dass ein intermediäres Feld geschaffen werden müsste, das im Sinne eines Transmissionsriemens die Energien und Gelegenheiten für Kooperation in Gemeinwesen und Hochschule in die Logik des jeweils anderen Systems überträgt. Eine weitere Ebene möchte ich noch ergänzen, die wir auch in unseren Handlungsempfehlungen skizzieren: Die für die Initiierung und Entwicklung von Campus-Gemeinwesen-Kooperationen notwendige kluge Bündelung vorhandener Ressourcen, das Aufbauen und Stärken von Netzwerken, das Erkennen und Managen von Gelegenheiten benötigt – das zeigen unsere Erfahrungen – eine erste und möglichst niedrigschwellige Anlaufstelle für Kooperation. Wir schlagen daher vor, eine Schnitt- und Brückenstelle (Matching-Stelle) zu schaffen, die die Funktion der Klärung und Filterung des Kooperationsanliegens, der Beratung, der Projektentwicklung und der projektbezogenen Organisation einer ressort- und studiengangsübergreifenden Vernetzung vergleichsweise unabhängig ausfüllen kann.

"Wir sind hier nicht nur aus der U5 rausgeworfen worden, sondern es gibt auch ein eigenes Gefühl von `Beheimatung´"

alice online: Warum müssen an der ASH Berlin und in Marzahn-Hellersdorf bewusst Kooperationen im Alltag gesucht werden?

Heidi Höppner: Hochschulbildung und Forschung ist nicht losgelöst von Lebenswelten und Alltagsproblemen – von Individuen und von Gruppen innerhalb einer Gesellschaft. Insbesondere als Hochschule mit dem Anspruch eines starken Anwendungsbezuges sind (regionale) Kooperationen wichtig. Es gilt zu verstehen, was warum und wie funktioniert: Was sich wo und wie als Problem zeigt bzw. was wer und wie zur Lösung beitragen kann. Dazu braucht es eine verstehende Perspektive – nah dran – wie die ASH Berlin es ist. Die Lehre kann von dem Kontakt in Kooperationen profitieren, da reale Situationen gute Lehrmeister_innen sind und Studierende viel über das Gelingen (und Scheitern) von Projekten und Innovationen lernen können. Die Forschung findet durch die Kooperationserfahrung sehr gute Wege ins "Feld" und kann die Umsetzbarkeit neuer Strategien direkt untersuchen. Für alle Mitarbeiter_innen und Studierenden an der ASH Berlin zeigt sich, wir sind hier nicht nur aus der U5 rausgeworfen worden, sondern es gibt auch ein eigenes Gefühl von "Beheimatung". Immerhin ist es ein Ort an dem wir einen Großteil unseres Lebens verbringen – unsere Arbeitszeit.

Corinna Schmude: Im Studiengang „Erziehung und Bildung im Kindesalter“ qualifizieren wir zukünftige pädagogische Fachkräfte für ein inzwischen eigenständiges, gesetzlich verankertes und mit staatlicher Anerkennung versehenes Berufsprofil. Ziel des Studiengangs und ein wesentlicher Aspekt des Berufsprofils ist es, reflektierte Kindheitspädagog_innen mit einer forschenden Haltung und grundlegenden Kompetenzen für Praxisforschung auszubilden. Zentral dabei sind Berufsfeldphasen, in denen die bewusste Erfahrung und produktive Verzahnung der Lern- und Bildungsorte Hochschule und Berufsfeld möglich wird. Um dies umsetzen zu können ist z.B. eine ganz besondere Form der Kooperation nötig – Praktika. Praktika eröffnen die Möglichkeit der direkten Interaktion und des direkten Austauschs der Akteur_innen im Berufsfeld und an der Hochschule. Aktuelle Fragen und Themen aus dem pädagogischen Alltag können mit den Lehr- und Forschungsinhalten der Hochschule rückgebunden werden, Fragestellungen präzisiert und im Dialog konkretisiert werden. Nicht zuletzt bieten Praktika die Möglichkeit der Akquise qualifizierten Nachwuchses für die gewinnbringende Weiterentwicklung der Institutionen, Organisationen im Gemeinwesen.

Urte Böhm: Wir haben in der Arbeit im Rahmen von P.F.o.r.t.E. und der damit verbundenen Spurensuche nach Kooperationen im Alltag einmal mehr gelernt, dass es vor Ort (und darüber hinaus) ein unglaublich hohes Engagement, zahlreiche Kooperationsprojekte und Aktivitäten gibt. Gleichzeitig ist zu bemerken, dass bislang die Strukturen noch nicht immer hinreichend förderlich sind für derartige Vorhaben – und dies betrifft sicherlich die verschiedensten Handlungsfelder wie Studium und Lehre, studentische Initiativen, Forschung, Kommunikation ... Gleichzeitig sind die verschiedensten Projekte und Aktivitäten und damit auch potentielle Ansprechpersonen für weitere Kooperationsvorhaben nicht immer ausreichend sichtbar, so dass Zugänge erschwert werden. Im Sinne der Öffnung und Erhöhung der Durchlässigkeit von Hochschule liegt es also nahe, aus den Kooperationserfahrungen im Alltag zu lernen und zu schauen, wo und wie förderliche Strukturen und innovative Konzepte weiterentwickelt und auch miteinander sinnvoll verknüpft werden können. Hier könnte beispielsweise ein Ansatzpunkt sein, Kooperationsprojekte noch stärker mit Studium und Lehre zu verbinden, hierfür entsprechende Formate weiterzuentwickeln und dadurch nicht zuletzt auch die Beteiligung von Student_innen an der Praxisentwicklung zu erhöhen.

Der Blick über den (bezirklichen) „Tellerrand“ 

Elène Misbach: Der Blick über den (bezirklichen) „Tellerrand“ gehörte ebenso zu den Zielen von P.F.o.r.t.E. wie die strategische Ausrichtung und Weiterentwicklung des Profils und Leitbildes der Hochschule: Kooperationen im Lebens- und Praxisalltag von Einrichtungen in der lokalen Gemeinwesenarbeit zu suchen, heißt daher für mich auch das Leitbild der Hochschule mit Leben zu füllen und dem emanzipatorischen Anspruch, eine Hochschule in gesellschaftlicher Verantwortung zu sein, im konkreten Handeln, in interdisziplinären Praxis(forschungs)projekten, in Studium und Lehre und zum Beispiel in Praktika ganz konkret umzusetzen. Das ist ein stetiger Prozess, für den es auch weitere Strategieentwicklung braucht – und hierbei ist die Mitwirkung möglichst aller Hochschulangehörigen, aber eben auch von Kooperations- und Praxispartner_innen aus dem Alltag wichtig. Das sind auch alles Aspekte, die eine wichtige Rolle in der hochschulpolitischen Debatte hinsichtlich Third Mission und Transferstrategien von Hochschulen spielen.

alice online: Das Projekt steht auch für einen neuen Weg innerhalb der ASH Berlin. Was für ein Weg ist das?

Heidi Höppner: Ein Novum für uns als Projektleiter_innen war die Repräsentanz von drei Perspektiven an der ASH Berlin. Auch wenn wir keinen einheitlichen Gesundheitsbereich haben, für den ich zum Beispiel spreche – aber das gilt sicherlich ebenso für die Bereiche Soziale Arbeit und Bildung – kann man sagen, dass die Zusammensetzung der Projektleitung als Dreier-Gespann das Profil der ASH Berlin gut abgebildet hat: Soziale Arbeit, Bildung und Gesundheit. Das ist auch für die Profilbildung der ASH Berlin ein Meilenstein: Solche Projekte würden wir uns für die Zukunft verstärkt wünschen, da auch uns die Verschiedenheit aber auch die Übereinstimmungen der Perspektiven geholfen haben. Für diesen diversen Weg hat sich die ASH Berlin ja entschieden. Wir denken – da ist noch Luft nach oben für weitere Erfahrungen!

Corinna Schmude: Die Herausforderungen, denen sich unsere Gesellschaft stellen muss, erfordern multiprofessionelle Perspektiven und gegenseitige Stärkung durch unterschiedlichste Expertisen. Es ist gewinnbringend und auch sehr sinnvoll, wenn diese studiengangsübergreifende Perspektive bereits an der Hochschule angebahnt beziehungsweise selbstverständlich ist und sich die Fachlichkeit der einzelnen Studiengänge in einem gemeinsamen Engagement gegenseitig ergänzt. Wie bereichernd dies ist, haben wir in der gemeinsamen Leitung des Projektes immer wieder erfahren können.

Urte Böhm: Genau hier, bei der Frage inter- und transdisziplinärer Lehre und Bildung an der Schnittstelle zwischen akademischer Bildung und der Praxis als explizites Bildungsziel (dies ist ja auch im Leitbild der ASH Berlin verankert) schließt P.F.o.r.t.E. ja auch an. Hier stellt sich die Frage: Wie können für Student_innen im Rahmen ihrer jeweiligen Curricula und auch studiengangsübergreifend solche Lernformate zur Verfügung gestellt werden, die sie bestmöglich auf die Lösung komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen in der späteren Berufspraxis vorbereiten. Kooperation und Kenntnis von sowie Auseinandersetzung mit Zugängen anderer Professionen spielt hierbei eine große Rolle. In inter- und transdisziplinären Lehr-Lernsettings kann im Sinne kollektiver Formen der Wissensproduktion auch neues – transformatives – Wissen produziert werden und so Lösungen erzielt werden, die alleine von einer Profession möglicherweise nicht hätten entwickelt werden können. Hierzu kann der explizite Einbezug von (marginalisiertem) Wissen aus der Praxis, von Gemeinwesenakteur_innen, Selbstorganisationen etc. eine wichtige Rolle spielen. Lehren und Lernen in Campus-Gemeinwesen-Partnerschaften, community-based learning, experimential learning, kann also einen wichtigen Beitrag auch zu interdisziplinärem Lehren und Lernen leisten. Ferner lassen sich hier Inter- und Transdisziplinarität und „Third Mission“ sowie Transferaktivitäten von Hochschulen miteinander sinnvoll verknüpfen.

"Was sind denn förderliche Bedingungen für Kooperationen?"

alice online: Welche Kooperationen sind denn bisher gut gelungen und dienen als best practice Beispiele?

Elène Misbach: Ich möchte bei der Frage nach gut gelungenen Beispielen zunächst gerne eine der beteiligten bezirklichen Akteur_innen zu Wort kommen lassen, die in einem Statement in unseren Handlungsempfehlungen sagt: „Helle Oase, Kastanienboulevard, alice solidarisch: Immer dann, wenn sich die ASH Berlin konkret vor Ort in die Praxis eingebracht hat, dann hat das viele Impulse gesetzt, gute Kooperationen und fachlichen Austausch mit sich gebracht, die auch längerfristig wirken. P.F.o.r.t.E. liegt mir am Herzen, weil es genau solche Formen der Zusammenarbeit unterstützt und voranbringt.“ Diese Beispiele, die Sabine Bösch vom SOS-Familienzentrum Berlin und Mitglied in der P.F.o.r.t.E.-Lenkungsgruppe exemplarisch hervorhebt, können als best practice Beispiele dienen aus dem reichen Schatz an Kooperationen in Campus-Gemeinwesen-Partnerschaften in Marzahn-Hellersdorf:

Der Gemeinschaftsgarten Helle Oase gleich hier um die Ecke der Hochschule steht für ein partizipatives, nachhaltiges und gut vernetztes Projekt im Bereich des Community Based Learning, in dem mehrere Ebenen miteinander verknüpft sind: Studium und Lehre und eine partizipative und nachhaltige Stadtentwicklung. Die Student_innen eines viersemestrigen Projektseminars hatten über eine gut betreute Lehre die Gelegenheit an realen Projekten und Herausforderungen – nämlich dem partizipativen Auf- und Ausbau des Gartens – zu lernen und zu arbeiten, Praxisentwicklung zu betreiben und ihr Studienprojekt selbstorganisiert umzusetzen.

Das Café Interfix steht für ein gelungenes Projekt, in dem Lehre, Forschung, Praxis und Stadtentwicklung mit Anwohnerinnen und Anwohnern miteinander verbunden sind. Auf der Grundlage einer Befragung der Anwohner_innen und der Bewohner_innen der Flüchtlingsunterkunft in der Maxie-Wander-Straße durch Student_innen wurde eine partizipative Gestaltung des Kastanienboulevards umgesetzt mit dem Ziel einer sozial und gewerblichen Wiederbelebung des Kastanienboulevards basierend auf den Ideen und Interessen der befragten Anwohner_innen.

„alice solidarisch“ wurde bereits zuvor erwähnt und wird in den Handlungsempfehlungen auch nochmal ausführlicher beschrieben.

Das Kinder- und Jugendforscherzentrum HELLEUM ist ebenfalls ein Beispiel für eine gelungene Kopplung von Forschung, Lehre und Studium sowie Praxisentwicklung im Stadtteil und berlinweit – mit internationaler Anerkennung. 2012 eröffnet, verkörpert es als einmaliges, naturwissenschaftlich ausgerichtetes Forscherzentrum für Kita- und Grundschulkinder, Pädagog_innen sowie Familien einen Ort des forschenden Lernens mit dem konzeptionellen Ansatz, Naturwissenschaften und Technik entdeckend zu erleben.

Oliver Fehren: Wir haben uns im Rahmen der Projektarbeit natürlich auch die Frage gestellt, woran es denn liegt, wenn etwas gut läuft. Was sind denn förderliche Bedingungen für Kooperationen? Und was sind eher Hindernisse oder neuralgische Reibungspunkte? Bei der erwähnten „Hellen Oase“ war und ist zum Beispiel wesentlich für den langfristigen Erfolg dieses Kooperationsprojekts die klare Anbindung an lokale Träger, die den Gemeinschaftsgarten und das Urban Gardening Projekt über das Seminarende hinaus tragen und weiterentwickeln.
Diese und weitere Beispiele werden im Portal „Unsere Wissenschafts-Praxis-Partnerschaften“ systematisch dokumentiert und auch in den Handlungsempfehlungen exemplarisch skizziert. Es ist letztlich nur ein unvollständiger Ausschnitt von all den vielfältigen Aktivitäten und Projekten, die es gibt. Alleine im Bereich der Sozialen Kulturarbeit gibt es ja über die Jahre zahlreiche, teils auch internationale Kooperationsprojekte, die – etwas salopp formuliert – jenseits des „P.F.o.r.t.E.-Radars mit Fokus zunächst auf Marzahn-Hellersdorf“ existieren und laufen. Auch im Bereich der (partizipativen) Gesundheitsförderung gibt es zahlreiche gelungene Kooperationsprojekte mit bezirklichen Partner_innen – und in der internationalen Übersicht sind gerade Projekte der Gesundheitsförderung Vorreiter für Kooperationsprojekte und Campus-Community-Partnerships.

Elène Misbach: Last but not least: Im Rahmen der Arbeit von ASH-IQ – Zentrum für Innovation und Qualität in Studium und Lehre werden seit einiger Zeit studentische Initiativen und studentische Kooperationsprojekte gefördert und unterstützt, die studentische Beteiligung am hochschulpolitischen wie zivilgesellschaftlichen Leben ermöglichen und stärken. Die Erfahrungen aus der Unterstützung studentischer Initiativen im Zusammenhang mit der Präsenz und dem Engagement der ASH Berlin in der Flüchtlingsunterkunft in der Maxie-Wander-Straße in Hellersdorf zeigt: Die extracurriculare Beratung und Begleitung von Student_innen in ihrem Vorhaben (unter anderem auch zur finanziellen und operativen Umsetzung) und, wo möglich, die Verknüpfung mit einer curriularen Anbindung führen zu einer verstärkten Identifizierung mit der Hochschule sowie dem lokalen Gemeinwesen, zu einer besseren und umfangreicheren Vernetzung und zu einer erhöhten hochschulpolitischen Beteiligung. Auch dies sind ganz konkrete best practice Beispiele, bei denen auch individuelle Kompetenzen umfassend erweitert werden. Gleichzeitig geht es hier um eine strukturelle Verankerung der Unterstützung studentischer Initiativen in Campus-Gemeinwesen-Partnerschaften und innovative Ansätze, diese weiterzuentwickeln. Auch das ist für mich ein Beispiel von best practice.

alice online: Was können die Teilnehmer_innen von der kommenden Tagung erwarten?

Corinna Schmude: Die Teilnehmer_innen erwartet ein abwechslungsreiches und interaktives Programm, getragen von dem Miteinander bezirklicher und hochschulischer Akteur_innen. In jedem Programmpunkt kommen – so haben wir uns bemüht – immer beide Perspektiven zum Tragen. Herzstück des Tages ist die Präsentation der Ergebnisse unseres Projektes: Die „Schlüssel für gelingende Partnerschaften zwischen dem Gemeinwesen Marzahn-Hellersdorf und der Alice Salomon Hochschule Berlin - Ergebnisse und Handlungsempfehlungen aus der Arbeit des Campus-und-Gemeinwesen-Projektes P.F.o.r.t.E.“. Hier dürfen sich die Teilnehmer_innen auf eine interaktive Stöber- und Lesestunde in und Gesprächs-/Diskussionsmöglichkeiten mit Akteur_innen aus dem Projekt freuen. Die „Schlüssel und Handlungsempfehlungen“ werden als Broschüre an diesem Tag veröffentlicht und verteilt. Auch zum Abschluss der Tagung wird es in einem „Fishbowl“ für alle Teilnehmer_innen möglich sein, sich aktiv auszutauschen und zu beteiligen. Wir freuen uns auf konstruktiv-kritische Rückmeldungen und weitere Perspektiven auf das Thema. Und natürlich möchten wir an diesem Tag auch die Zeit des Zusammenarbeitens feiern und gemeinsam überlegen, wie wir an das Projekt anknüpfen können und verlässlich und nachhaltig daran arbeiten können, dass die Ergebnisse aus dem Projekt die weitere Kooperation beflügeln.

Elène Misbach: In diesem Sinne verstehen wir die vorliegenden Handlungsempfehlungen auch nicht nur als Abschluss des Projekts, sondern explizit als einen fortlaufenden Arbeitsprozess, als work in progress, als Auftakt für weitere gemeinsame Diskussionen. Hier zu möchten wir alle Interessierten herzlich einladen.

Abschlussveranstaltung P.F.o.r.t.E.
27. Juni 2017, 14-17 Uhr, ASH Berlin Audimax
Programmflyer