...und dann kam Corona Sterben

Physiotherapeutische Versorgung im häuslichen Umfeld während der Pandemie – ein Erfahrungsbericht

Vergrößern: Petra Kühnast vor einer grünen Wand mit einem rosa Hemd
Petra Kühnast begleitete während des ersten Lockdowns einen alten Patienten beim Sterben © privat

Ungewöhnliche Zeiten fordern heraus, neue Wege zu gehen und neue Erfahrungen zu sammeln. So unternahm ich während der Pandemie einen ungewöhnlichen Schritt im Rahmen der häuslichen Versorgung. Die Pandemie hatte Deutschland erreicht, erste einschneidende Lockdown-Maßnahmen wurden umgesetzt, als sich meine physiotherapeutische Arbeit mit meinem 91-jährigen langjährigen Haus-Patienten, Herrn Beck (05.07.1928–16.04.2020), veränderte. Herr Beck litt an Knochen- und Prostatatumor (seit 2010) sowie an den Folgen eines linksseitigen Schlaganfalls (2015). Im Vordergrund der Behandlung standen allgemein mobilisierende und stabilisierende physiotherapeutische Maßnahmen. Sein Ziel war es, so mobil wie möglich zu bleiben. Das gelang Herrn Beck bis zum 27.03.20 relativ gut. Doch ab diesem Tag kippte sein gesundheitlicher Zustand.

In Zeiten von Covid-19 sind jedoch auch die ohnehin enorm geforderten Pflegekräfte am Rande ihrer Möglichkeiten.

Die hausärztliche Versorgung durch seine langjährige Ärztin war sichergestellt. Transfusionen und einige kleinere Änderungen in der Medikation folgten. Dennoch ging es Herrn Beck jeden Tag schlechter und seine Selbstständigkeit nahm kontinuierlich ab. Ich kam in diesen Tagen täglich und verschob meinen Behandlungsschwerpunkt in Richtung Transfer vom Bett zur Toilette und wieder zurück. Frau Beck, selbst 89 Jahre alt, konnte ihrem Mann nur begrenzt helfen. Die Situation war für alle Beteiligten unbefriedigend. Es wurde deutlich, dass eine bessere Lösung gefunden werden musste. Die pflegerischen Anforderungen nahmen deutlich zu. Deshalb wurde Frau Beck aktiv eine Pflegeeinrichtung für die Versorgung im Haus zu organisieren. Der mittlerweile pflegebedürftige Zustand von Herrn Beck erforderte mindestens dreimal täglich eine Pflegekraft. In Zeiten von Covid-19 sind jedoch auch die ohnehin enorm geforderten Pflegekräfte am Rande ihrer Möglichkeiten. Keine Einrichtung konnte zeitnah ihre Unterstützung zusichern. Mindestens 10 Tage Wartezeit, inklusive Wochenende und Osterfeiertage waren zu überbrücken. Auch Tagesbetreuungen in Alteneinrichtungen oder im Krankenhaus standen bei Familie Beck zur Diskussion. Doch auch das war zu dieser Zeit keine hilfreiche und attraktive Option. Zum einen nahmen Alteneinrichtungen aufgrund der Corona-Pandemie keine Patienten auf und ein Platz auf der Warteliste war zu diesem Zeitpunkt nicht hilfreich. Zum anderen waren in den Alteneinrichtungen und Krankenhäusern keine Besuche erlaubt. Keine Besuchsmöglichkeiten sind für ein sechzig Jahre glücklich verheiratetes Ehepaar eine ziemliche Zumutung. Keine Frage, dass dies nicht die erste Wahl für die Becks war. Die Voraussetzungen haben uns ernüchtert und nach einfacheren pragmatischen Lösungen suchen lassen. Vor dem Hintergrund von Covid-19 haben wir zusammen überlegt, was eine gute und tragbare Lösung sein könnte. Die Risikoabwägung spielte dabei eine genauso große Rolle, wie die Abwägung des Nutzens für Herrn und Frau Beck. Da ich in diesen Tagen täglich zu den Becks fuhr, stand ich in sehr engem Kontakt mit ihnen über ihre Situation und unterstützte die Suche nach einer Lösung. Auch die behandelnde Ärztin, mit der ich seit 17 Jahren im Team zusammenarbeite, versuchte für die schwierige Situation eine Lösung zu finden. Gemeinsam entschieden wir, dass vorerst ich die Betreuung umfassend übernehmen würde, bis nach Ostern eine Pflegeeinrichtung Kapazitäten zur Versorgung hätte. Da ich einen relativ langen Anfahrtsweg hatte und die Betreuung von Herrn Beck in meinen Augen mehr als dreimal täglich erfolgen musste, ging ich einen ungewöhnlichen Schritt und zog für voraussichtlich mindestens sieben Tage bei den Becks ein.

"Es war gut, dass sich die Becks mit dem Thema „Wie möchte ich nicht sterben“ auseinandergesetzt hatten und für sich eine konsequente Entscheidung getroffen hatten."


Die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Zum einen konnte und wollte ich die beiden in ihrer Not nicht allein lassen. Zum anderen habe ich Herrn und Frau Beck in den Jahren kennen- und schätzen gelernt. Das gemeinsame Arbeiten an unseren Zielen hat mir immer viel Freude gemacht. Herr Beck war ein gebildeter Ästhet mit Liebe zu Lyrik und Prosa und einer der letzten Zeitzeugen russischer Kriegsgefangenschaft. Frau Beck ist eine wache, hoch engagierte quirlige Frau, die sich jahrelang für die Wiedergutmachung für russische Kinder in deutscher Kriegsgefangenschaft einsetzte.

Herr Beck hatte sich in seiner Patientenverfügung gegen lebensverlängernde Maßnahmen bspw. einer Magensonde ausgesprochen. Es war gut, dass sich die Becks mit dem Thema „Wie möchte ich nicht sterben“ auseinandergesetzt hatten und für sich eine konsequente Entscheidung getroffen hatten. Im weiteren Verlauf erwies sich die Patientenverfügung als sehr hilfreich, denn Herr Beck verschluckte sich bei allem, was er zu sich nahm, war unglaublich erschöpft und immer schwerer ansprechbar. Der Hausärztin waren die Inhalte der Patientenverfügung bekannt. Und so war klar, dass wir dem Ehepaar die Tage – die letzten Tage des Herrn Beck – noch so schön wie möglich machen wollten.

Essenzielle Momente waren Zeiten, in denen intensiver Austausch über Bedürfnisse und Wünsche erfolgte.

Zwar breitete sich Schwermut und große Traurigkeit aus, aber die beiden Becks waren erfahren genug, dass im Leben jeder Moment zählt. So trafen wir gemeinsam Vorbereitungen für die kommenden Tage. Es gab genug zu organisieren. Wir brauchten einen Toilettenstuhl, außerdem Windeln, Creme zur Wundversorgung und später Mundstäbchen für die Mundhygiene. Unterstützung bekamen wir von der berufstätigen Tochter. Das Risiko durch das Covid-19-Virus hatte sich leider auf ihre Besuche erheblich ausgewirkt. Sie kam fast täglich, mit Mund-Nasen-Schutz und Blei im Herzen, weil Nähe und gemeinsame Trauer in Zeiten von Covid-19 unvereinbar waren. Essenzielle Momente waren Zeiten, in denen intensiver Austausch über Bedürfnisse und Wünsche erfolgte. Das Wohlbefinden von Herrn Beck stand im Zentrum unserer Handlungen. Klar hatte ich auch ein Auge auf Frau Beck. Sie war mit der Situation psychisch und physisch überfordert und so flossen meine Ideen zu ihrer Entlastung in unsere Gespräche ein. Z. B. übernahm ich den Telefondienst, damit Frau Beck mehr Zeit und Ruhe hatte, sich zu ihrem Mann zu setzen und ich behandelte abends ihren Nacken, damit sie sich ein klein wenig entspannte und vielleicht sogar ein paar Stunden schlafen konnte. Die letzten Tage mit den Becks werden mir in guter Erinnerung bleiben. Ich blieb neun Tage und acht Nächte bei ihnen. Am 16.04.20 starb Herr Beck friedlich in den Armen seiner Frau, begleitet von der Ärztin und mir, seiner Physiotherapeutin.

"In der Arbeit mit den Becks habe ich Möglichkeiten gesehen, wie Physiotherapie mit neuen Handlungsmöglichkeiten – der pflegerischen Betreuung – in die häusliche Versorgung eingebunden werden könnte."


Das Glück war, dass es die Hausärztin gab, die tatsächlich ins Haus kam. Das ist in unserer gesundheitlichen Versorgung nicht selbstverständlich. Außerdem hat mir meine private Situation die Freiheit gelassen, die Becks zu unterstützen. Grundsätzlich ist eine umfassende Versorgung jedoch nur mit mehreren Kräften und im interdisziplinären Team sicherzustellen. Die Versorgungsstrukturen in unserem Gesundheitssystem sehen vor, dass Physiotherapeut_innen solche und ähnliche Fälle im palliativen Team begleiten können. Der Physiotherapie wird hierin zwar Bedeutung beigemessen, ihr Potenzial bleibt jedoch weit hinter ihren Möglichkeiten. Palliative Teams in der häuslichen Versorgung arbeiten nicht flächendeckend im Bundesgebiet. In der Arbeit mit den Becks habe ich Möglichkeiten gesehen, wie Physiotherapie mit neuen Handlungsmöglichkeiten – der pflegerischen Betreuung – in die häusliche Versorgung eingebunden werden könnte. Das ist zwar noch Zukunftsmusik, aber darüber gemeinsam nachzudenken lohnt allemal. Meine Arbeit bei den Becks nenne ich, verwandt zur aktivierenden Pflege, fürsorgende Therapie. Physiotherapeutische Maßnahmen zur Vermeidung von Komplikationen wurden umgesetzt, parallel wurden im gesamten Prozess sowohl der Patient als auch die Angehörigen über Symptomverschlechterungen aufgeklärt und beraten. Wir realisierten gemeinsam eine größtmögliche Teilhabe am Leben. Außerdem wurden pflegerische Maßnahmen umgesetzt. Darüber hinaus begleitete ich die Becks emotional. Sterben emotional zu begleiten ist nicht nur traurig. Wir haben aktiv und mit enger kommunikativer Abstimmung dafür gesorgt, dass es schöne und befriedigende Momente geben konnte. Herr Beck und seine Bedürfnisse waren im Mittelpunkt all unserer Bemühungen. Diese Art physiotherapeutischer Tätigkeit nenne ich fürsorgende Therapie.

 

Petra Kühnast ist Lehrbeauftragte im primärqualifizierenden Studiengang Physio-/Ergotherapie.