Seitenwechsel Kreatives Schreiben als perfekte Methode

Interview mit Angelika Weirauch, erste promovierte Absolventin des Masterstudiengangs „BKS“

Vergrößern: Alumna Angelika Weirauch mit ihrer Tochter. Foto: Privat
Alumna Angelika Weirauch mit ihrer Tochter. Foto: Privat

Angelika Weirauch war in der zweiten Studiengruppe des Masterstudiengangs „Biografisches und Kreatives Schreiben“ (BKS) an der ASH Berlin und hat an der Technischen Universität Dresden im Fach „Erziehungswissenschaften“ über Frauen mit Behinderungen promoviert. Als Forschungsmethode hat sie das Kreative Schreiben verwendet.

alice online: Angelika Weirauch, wie ging es für Sie nach dem Master weiter?
Angelika Weirauch: Nach dem Abschluss in 2009 arbeitete ich erst einmal weiter in einem Verein für Frauen mit Behinderungen, in dem ich zu der Zeit bereits mehr als zehn Jahren beschäftigt war. Schreiben war mein Hobby und kam gelegentlich auch dienstlich zum Einsatz, etwa bei der jährlichen Schreibwerkstatt mit den Frauen. Ich bot auch einige wenige Schreibwerkstätten bei anderen Trägern an und hatte als Heilpraktikerin Klientinnen, mit denen ich therapeutisch schrieb. Nebenbei wuchs mein Plan, über die Lebenskunst der Frauen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen zu schreiben, weil ich fand, dass es dazu sehr wenig Literatur aus der Sicht des praktischen Lebens gab. Es fehlte aber noch das „Wie“: Wie wollte ich methodisch vorgehen?

alice online: Worum geht es in Ihrer Dissertation?
Angelika Weirauch: Das Thema meiner Arbeit lautet „Über die Lebenskunst. Frauen mit Behinderung gestalten ihr Leben“. Ich beschäftige mich darin u. a. mit der Frage, was denn mit den Ergebnissen des Kreativen Schreibens passiert. Darüber ist im Studium kaum gesprochen worden: man schreibt für sich oder versucht zu veröffentlichen. Hier habe ich eine Auswertungsmethode für die Texte – in diesem Falle in Bezug auf Lebenskunst – entwickelt. Grundlage dafür war ein Verfahren der Psychologie.

alice online: Warum sind Sie an die TU Dresden gegangen, um zu promovieren?
Angelika Weirauch: Ich wohne in der Nähe von Dresden und dachte, wenn ich die Wege reduziere, kann ich es neben meiner halben Stelle schaffen, die Arbeit zu Ende zu bringen. Vor dem Studium an der ASH Berlin hatte ich schon einen Versuch zur Dissertation im Studiengang „Sozialwesen“ an der HTWS Görlitz gemacht. Das erforderte wegen meines Abschlusses als Diplom-Sozialarbeiterin (FH) ein umständliches kooperierendes Verfahren, das ich mit dem Masterzeugnis der ASH Berlin nun nicht mehr benötigte. Man nahm mich an, es dauerte aber alles sehr lange. Fast gleichzeitig kam mir dabei die Idee, dass das Kreative Schreiben eigentlich die perfekte Methode ist, die ich suchte, um über Lebenskunst in schwierigen Lebensvollzügen zu schreiben.

alice online: Wie war die Akzeptanz für diese Forschungsmethode?
Angelika Weirauch: Im Exposé habe ich mein methodisches Vorgehen dargelegt und war gespannt auf möglichen Widerstand, weil es ja kein etabliertes Verfahren für Dissertationen ist. Aber es gab keinen Widerstand – vielleicht weil Lebenskunst aktuell ein relativ neues Thema ist und es keine klassischen Untersuchungsmethoden gibt. Ab diesem Punkt war es für mich leicht. Ich habe die Methode des „Zirkulären Dekonstruierens“ auf das Kreative Schreiben angewandt. Kreativ geschriebene Texte von Frauen mit Behinderungen hatte ich durch die Schreibwerkstätten, die ich im eigenen Verein angeboten hatte. Diese Texte hatte ich mir zur Verwendung schenken lassen. Dann versuchte ich die Texte zu dekonstruieren – wie Interviews in der Psychologie – mit Erfolg. Ich hatte sowohl in den Studienunterlagen als auch in diversen Büchern zum Kreativen Schreiben nach Auswertungsmethoden gesucht. Aber ich fand nichts Richtiges und bemerkte, dass wir auch im Studium immer nur über die Erzeugung von Texten und über deren Qualität, Inhalt usw. gesprochen und geschrieben haben. An eine weitergehende Verwendung der Texte kann ich mich nicht erinnern. Also habe ich diese geschaffen!

alice online: Was machen Sie aktuell?
Angelika Weirauch: Ich habe meine bezahlte Arbeit in der letzten Schreibphase freiwillig aufgegeben, es ließ sich doch nicht komplett vereinen. Nach 15 Jahren war es die richtige Zeit. Ehrenamtlich bin ich noch im Vorstand des Vereins. Im Mai 2012 habe ich die Dissertation abgegeben und danach begonnen, neue Arbeit zu suchen. Von Oktober 2012 bis Januar 2013 hatte ich eine Honorarstelle an einer privaten Hochschule, an der ich Sozialarbeit unterrichtete. Leider kam im vergangenen Sommersemester keine neue Studiengruppe zustande. Mit den beiden schönen Abschlüssen traue ich mich, mich großräumiger zu bewerben: sowohl außerhalb von Dresden und Umgebung als auch außerhalb der sozialen Arbeit. Ich bin gespannt auf den Fortgang! Ich bin selbstständig als Schreiblehrerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie tätig.