Seitenwechsel „Es zog mich immer zurück zu der Arbeit mit wohnungslosen Menschen."

Fanny Schmitz erzählt von ihrer Arbeit in einer Obdachlosenunterkunft, was die Pandemie mit Obdachlosen macht und warum sie sich entschied, Soziale Arbeit zu studieren

Vergrößern: Ein Fabrikgelände abends
© Fanny Schmitz

Seit 2019 studieren Sie an der ASH Berlin, was haben Sie davor gemacht?

Schmitz: Ich bin nach dem Abitur mit meiner Schwester auf Reisen gegangen und war mit Unterbrechungen fünf Jahre unterwegs, die meiste Zeit mit fast gar keinem Geld. Ich habe in den Staaten  „Food not Bombs“ kennen gelernt und war 2011 in verschiedenen politischen Bewegungen dort und in Australien aktiv. Ich habe viel Zeit auf der Straße verbracht und mit Menschen die außerhalb der Norm leben. Ich habe jegliche Jobs gemacht, von Farmarbeit, Lagerarbeit, Ampel Jonglage, Straßenmusik,Verkaufskraft auf Märkten oder auch im Buchladen, bis hinzu Pflege und Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigungen. Aber es zog es mich immer zurück zu der Arbeit mit wohnungslosen Menschen.

 

Seit fünf Jahren arbeiten Sie bei der Kältehilfeeinrichtung Kubus in Neukölln. Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag für Sie aus?

Schmitz: Um 18.30 Uhr beginnt meine Schicht, ich und eine weitere Person öffnen die Notunterkunft, bereiten das Essen vor, lüften die Räumlichkeiten und lesen das Protokollbuch durch. Um 19.00 Uhr öffnen wir die Tür und empfangen die Gäste. Unten ( es ist 2-etagig) steht eine Person ( meistens wechseln wir uns stündlich ab) die Einlasskontrolle macht. Wir checken die Taschen nach Alkohol, Drogen oder Waffen und machen einen Temperatur Check (Corona Maßnahme). Falls die Gäste ihre Habseligkeiten verstauen wollen nehmen wir sie entgegen. Die andere Person gibt derweil oben Essen aus. Oft kommen unsere Gäste mit kleinen Verletzungen oder Schmerzen durch Stürze, die wir dann so gut es geht verarzten oder ggf. den Krankenwagen rufen. Wir hören ihnen zu, geben Tipps was Beratungsstellen angeht und schlichten Streitereien die aufkommen. Oft helfen wir einigen beim Duschen oder Klamotten wechseln, da viele alkoholkrank sind und sich nicht mehr alleine zu helfen wissen. Um 22.00 Uhr geht die Abendschicht und die Nachtschicht macht die Küche dicht und ist unten im Bereitschaftsraum bis es um 5.00 Uhr wieder ans Frühstück machen und wecken geht. Nachts kommt es öfters vor, dass der Feuermelder ausgelöst wird, weil auf der Toilette heimlich geraucht wurde oder der Kältebus noch Menschen vorbeibringt, die ein Bett brauchen. Um 7:00 Uhr müssen unsere Gäste die Einrichtung verlassen. Dann wird sauber gemacht und Protokoll geführt.

 

Ist es möglich, mit ständig wechselnden Gästen eine Beziehung aufzubauen? 

Schmitz: Unsere Gäste können, wenn sie einmal da waren und am folgendem Tag bis 22.00 Uhr erscheinen, ihr Bett die ganze Saison lang behalten. Die meisten unserer Gäste kommen jedes Jahr wieder, nur wenige schaffen leider den Absprung aus der Armut. Ich kenne die Meisten nun schon recht gut, habe sie begleitet und in jeglichen Situationen erlebt. So etwas verbindet. Unsere Einrichtung befindet sich in Neukölln, die meisten sehe ich auch im Sommer auf der Straße und unterstütze sie wie ich kann.

 

Wie erleben Obdachlose die Pandemie?

Schmitz: Ich kann hier nur aus meiner Perspektive sprechen und sagen, was ich wahrnehme und mir erzählt wird. Für die meisten ist es sehr schwer. Die öffentlichen Räumlichkeiten (Bibliotheken,Einkaufscenter etc.) haben geschlossen, die meiste Zeit sind sie also auf der Straße und können sich nicht unauffällig unter die Menschen mischen. Sie sind einerseits sichtbarer geworden und andererseits hilfloser. Auch die Cafes und Bars haben zu, viele sind auf die Spenden der Menschen angewiesen oder Zeitungsverkauf. Auch haben Viele vorher schwarz auf dem Bau gearbeitet und Renovierungsarbeiten gemacht. Seit der Pandemie haben nur wenige Aufträge bekommen.

 

Welche Vorkehrungen haben Sie im Heim aufgrund der Pandemie getroffen?

Schmitz: Wir haben die Anzahl der Gäste von 25 auf 15 reduziert. Beim Einlass messen wir die Temperatur der Gäste und ab 37,5 lassen wir sie nicht mehr rein, sondern leiten sie weiter, bis jetzt war dies noch nicht der Fall. Wir geben abends Masken aus und Stoßlüften alle 30 Minuten.

"Wohnungslosigkeit immer noch ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft."


Was kann jeder einzelne von uns für Obdachlose tun?

Schmitz: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke dass es Vielen hilft, nicht als dreckig abgestempelt zu werden. Klar, über Geldspenden und Essen freuen sich die Meisten, aber auch ein Lächeln oder ein Gespräch tut den meisten gut. Viele haben Probleme mit ihren Papieren oder eine Suchterkrankung oder Depressionen und sind deshalb auf der Straße gelandet. Ich denke es wäre nötig mehr Räume der Begegnung zu schaffen, an denen alle zusammen kommen können ohne sich als „anders“ markiert zu fühlen. Ansonsten immer nachfragen, was man für die Person tun kann, wenn man sie sieht.

 

Warum haben Sie sich für das Studium der Sozialen Arbeit entschieden?

Schmitz: Ich habe mich entschieden Soziale Arbeit zu studieren, weil ich in der Zeit in der ich unterwegs war viel gesehen habe was mich sehr traurig und wütend gemacht hat. Jedoch fehlte es mir an Kompetenz und Wissen wirklich etwas zu verändern. In den fünf Jahren, in denen ich in der Unterkunft  gearbeitet habe, habe ich gemerkt, dass Wohnungslosigkeit immer noch ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft ist. Die meisten haben schwere Schicksalsschläge hinter sich und rutschen in die Abwärtsspirale hinein, in welcher es den Meisten nicht glückt, aus eigener Kraft wieder heraus zu kommen. Ich erhoffe mir vom Studium, dass ich mehr Möglichkeiten habe, Menschen zu unterstützen

 

Konnte Ihnen das Studium bereits bei der Arbeit behilflich sein?

Schmitz: Bisher habe ich durch das Studium gelernt, mehr professionellen Abstand zu Menschen zu nehmen. Auch rechtlich kenne ich mich nun etwas besser aus.  

 

In dem Fotoseminar "Sozialfotografie" haben Sie sich dazu entschieden, Fotos von der Einrichtung in Neukölln zu machen. Wie kam es zu der Motivauswahl?

Schmitz: Ich bin durch die Räumlichkeiten gegangen und habe versucht, den Ort zu zeigen, ohne Menschen darin abzubilden. Bei den Betten z.B war es mir wichtig, trotzdem die Habseligkeiten zu zeigen, das kleine Zuhause das eben so ein Bett über den Winter bieten kann. Es kam alles sehr organisch, ich musste nicht lange nach Motiven suchen, ich kann es nicht genau erklären, aber ich wusste was ich fotografieren wollte, um das Gefühl der Kältehilfeeinrichtung zu übermitteln.