Forscher im Interview „Es tut gut, mal länger nicht in Deutschland zu leben und zu arbeiten.“

ASH-Mitarbeiter Ralf Lottmann geht mit Marie Skłodowska-Curie Fellowship nach England

Vergrößern: Dr. Ralf Lottmann, 2013 bis 2017 an der ASH Berlin, nun in England. Foto: Alexander Rentsch
Dr. Ralf Lottmann, 2013 bis 2017 an der ASH Berlin, nun in England. Foto: Alexander Rentsch

alice online: Sie haben Anfang des Jahres eine gute Nachricht aus Brüssel bekommen. Ihr Antrag auf ein „Marie Skłodowska-Curie Individual Fellowship“ wurde bewilligt. Wie war Ihre Reaktion?
Lottmann: Ich war mit irgendeinem Memo für ein Interview aus unserem Forschungsprojekt GLEPA beschäftigt, als an einem Freitagnachmittag im Januar, kurz vorm Aufbruch ins Wochenende, drei Mails nacheinander aufpoppten. Die Mails waren etwas verschwurbelt, „your proposal has reached the stage of“ irgendwas, sodass ich erst bei der dritten geschnallt habe, dass der Antrag bewilligt worden war. Meine Jubelrufe hörte man vermutlich auch im nächsten Stockwerk.

alice online: Wie kamen Sie auf die Idee, den Antrag zu stellen?
Lottmann: Juliane Jurewicz vom ASH-Forschungsreferat, mit dem wir über das GLEPA-Projekt öfter zu tun haben, hatte mich im Mai 2016 gefragt, „Ralf, wäre das nichts für dich?“. Das Forschungsreferat wusste ja, dass auch das zweite IFAF-Forschungsprojekt bald wieder ausläuft. Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter ist man eigentlich immer gezwungen, mitten in einem Projekt, gleich das nächste zu beantragen. Es ist super, wenn die Hochschule einen da nicht alleine lässt. Ich habe mir das dann angeguckt und es wurde nach und nach klar, dass ein britischer Kollege, Dr. Andrew King vom Centre for Research on Ageing and Gender (CRAG) der University of Surrey, dafür sehr geeignet wäre. Wir hatten bereits über einen anderen Forschungsantrag Kontakt und er war auch bei unserer GLEPA-Tagung zu LGBT*I & Ageing in diesem Jahr. Es gibt nicht so viele Forscher_innen zu diesem Thema in Europa und ich ahnte, dass der Forschungsbedarf dafür auch von der EU anerkannt werden könnte.

alice online: Was ist das Besondere an einem Marie Skłodowska-Curie Fellowship und worauf ist zu achten?
Lottmann: Es gibt mehrere „Marie Skłodowska-Curie Actions“ (MSCA) der REA, der EU-Forschungsbehörde. Neben Promotionsprogrammen gibt es eines für Postdocs, für das ich mich beworben hatte. Es soll der Mobilität von Wissenschaftler_innen in der EU dienen. Neben einer Living Allowance, einem Gehalt, das den deutschen Gehältern für Postdocs ähnelt, gibt es eine zu versteuernde, kleinere Mobility Allowance für Reisen sowie Mittel für Trainings-, Konferenz- und Personalkosten, die direkt an die Universität gehen. Der Antrag ist mühsam und macht den Vorurteilen gegenüber EU-Forschungsprojekten alle Ehre. Von der britischen Universität habe ich irgendwann einen „Survivor’s Guide to MSCA“ bekommen, der bei der Antragstellung half. Der Name ist Programm. Es ist ein Exposé für ein Forschungsprojekt von maximal 24 Monaten nötig, dazu verschiedene Kapitel zu Trainingsmaßnahmen für die wissenschaftliche Karriere, zum Betreuer, zur Universität und zum Risikomanagement. Das MSCA ermöglicht auch ein „Secondment“, das ich für eine zweimonatige sozialarbeiterische Praxisphase bei Stonewall Housing in London nutze, um Forschung und Praxis miteinander zu verbinden.

alice online: Um was wird es in Ihrem Projekt gehen?
Lottmann: Mein Projekt heißt „Ageing & Diversity: LGBT* – Housing and Long-term Care“ und wird sexuelle und geschlechtliche Vielfalt und Altern bzw. die Diversität der älteren Generation mit einem Fokus auf Wohn- und Pflegeprojekte in beiden Ländern untersuchen. Unter anderem werden die beiden ASH-Forschungsprojekte GLESA und GLEPA mit dem britischen Projekt „Secure, Accessible, Friendly and Equal (SAFE) Housing“ verglichen. Es werden auch ausgewählte Expert_inneninterviews zum Thema Trans*- und Inter-Senior_innen und LSBT*I-Senior_innen mit geringfügigem Einkommen durchgeführt, weil es dazu noch weniger Daten als generell zum Thema gibt. Außerdem soll eine computerbasierte Simulation sozialer Systeme ausprobiert werden, für die das CRESS-Institut der University of Surrey gute Grundlagen bietet.

alice online: Warum ist es spannend bzw. hilfreich, hier zwei Länder zu vergleichen?
Lottmann: Da die Themenstellung des Projekts „Ageing & Diversity: LGBT* – Housing and Long-term Care“ kaum in Europa bearbeitet wird und die ASH Berlin und die University of Surrey zu den wenigen Hochschulen gehören, die dazu arbeiten, war es naheliegend unsere bisherigen Forschungsprojekte zu vergleichen. Wir finden es spannend, nach Parallelen und Unterschieden in den beiden vergleichbaren westeuropäischen Ländern zu suchen und voneinander zu lernen, zumal wir darüber die wenigen Ressourcen auch bündeln können. Außerdem bestehen mit dem Center for Research on Ageing and Gender an der englischen Universität gute Bedingungen für ein vernetztes Arbeiten und die Chance, daraus neue Projekte zu entwickeln – vielleicht wieder mit der ASH Berlin.

alice online: Was würden Sie anderen möglichen Kandidat_innen raten, die vielleicht an so einem Fellowship Interesse zeigen?
Lottmann: Ich würde mich zunächst über die Deadline und die Formalien informieren. Dann braucht es eine europäische Universität oder Hochschule mit wissenschaftlicher Betreuung, die für das Forschungsprojekt sehr geeignet ist. Da die Antragsvorlage auch aufgrund der Trainingsaspekte, die MSCA-Projekte immer aufweisen, viel zum Verhältnis von Universität und Forscher*in wissen will, sollte man einen direkten Kontakt zu denen haben. Am besten mal direkt vorbeigucken, wenn das möglich ist. Ich hatte dann das Glück, dass mein Betreuer „native speaker“ ist, so war das mit der Korrektur des Antragsenglisch weniger problematisch.

alice online: Und wie waren die ersten Wochen?
Lottmann: Na ja, ich lebe jetzt seit Ende August in Guildford, im Südwesten von England – einem Land, das aus der EU ausscheiden will. Es ist natürlich eine gravierende Veränderung, für zwei Jahre ins Ausland zu gehen. Trotz der Schwierigkeiten, ein Bankkonto zu eröffnen und der noch etwas unklaren Wohnsituation, überwiegt klar das Positive. Das gemeinsame Büro im CRAG und die Kolleg*innen sind bislang toll. Ich habe schon jetzt viele neue Inhalte und Traditionen kennenlernen dürfen und genieße natürlich die Ausflüge nach London. Es tut gut, mal länger nicht in Deutschland zu leben und zu arbeiten.

Das Marie Skłodowska-Curie Individual Fellowship wird aus dem europäischen Forschungsrahmenprogramm finanziert und zielt darauf ab, das kreative und innovative Potenzial von Forschenden im Rahmen von interdisziplinären und intersektoralen Forschungsprojekten zu entwickeln. Durch die Forschungstätigkeit und ein individuell gestaltetes Ausbildungsprogramm werden die Karriereperspektiven von Nachwuchswissenschaftler_innen gestärkt und erweitert.

Insgesamt wurden im letztjährigen Bewerbungsaufruf 8.829 Anträge eingereicht (7.935 Anträge für ein ‚European Fellowship (IF)‘, inklusive ‚Career Restart (CAR)‘, ‚Reintegration (RI)‘ sowie ‚Society and Enterprise (S&E)‘-Panel, 894 Anträge für ein ‚Global Fellowship (GF)‘). Zur Förderung sind 1.188 Anträge vorgesehen (EF: 925, RI: 67, CAR: 31, S&E: 48, GF: 117). Informationen zu den kommenden Bewerbungsaufrufen gibt die Nationale Kontaktstelle zu den Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen in Bonn.

Dr. Ralf Lottmann, Jahrgang 1971, studierte Soziologie in Berlin und Gerontologie in Amsterdam, er promovierte 2012 an der TU Dresden. Ralf Lottmann lehrt an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und der ASH Berlin. Von 2013 bis 2017 forschte er an der ASH Berlin in den Studien Gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Altern (GLESA) bzw. Pflege (GLEPA).
lottmann@ash-berlin.eu

 (Dieser Beitrag erschien in dieser Version erstmals in der alice 34 im Wintersemester 2017/18.)