Flüchtlingsheim Maxie-Wander-Straße „Das war ein wichtiger erster Schritt!“

Ein Interview mit Prof. Dr. Theda Borde, ehemalige Rektorin der ASH Berlin, über die Anfänge des Engagements der Hochschule in einer Hellersdorfer Unterkunft für Geflüchtete und dessen Auswirkungen bis heute

Vergrößern: Prof. Dr. Theda Borde sitzt auf einer weißen Couch.
Prof. Dr. Theda Borde, ehemalige Rektorin der ASH Berlin © David von Becker

alice Online: Frau Borde, seit Oktober 2013 hat die Alice Salomon Hochschule Berlin einen Seminarraum in der Unterkunft für Geflüchtete in der Maxie-Wander-Straße. Sie haben das initiiert. Wie kam es dazu?

Borde: Es begann mit den heftigen Protesten und Anfeindungen gegen die Einrichtung der Unterkunft seitens der in der Nähe lebenden Bevölkerung. Ich war damals Rektorin der ASH Berlin und beobachtete diese bedrohlichen Entwicklungen während der heißen Sommertage mit großer Sorge. An einer für die Anwohner/-innen vorgesehenen Informationsveranstaltung, nahmen fast 1000 Menschen teil. Die Wortführer/-innen brachten die ihren Unmut gegen die Flüchtlingsunterkunft offen rassistisch zum Ausdruck. Dies auch, weil die Veranstaltung und die Proteste der Anwohnerschaft von Anfang an von der NPD begleitet waren, die sich als Bürgerinitiative zu tarnen versuchte. In den folgenden Monaten fanden unter großer medialer Aufmerksamkeit täglich Protestkundgebungen statt. Die in der Unterkunft lebenden Menschen hatten sehr große Angst und trauten sich nicht auf die Straße.

alice Online: Es bildeten sich dann auch viele Initiativen, die sich für die Geflüchteten einsetzten ...

Borde: Es gab in der Zeit eine starke Initiative von geflüchteten Menschen am Oranienplatz in Berlin und auch in Hellersdorf gab es Personen und Initiativen, die sich für die menschenwürdige Aufnahme von geflüchteten Menschen einsetzten. Mit dem Flüchtlingsrat waren wir vernetzt, die ersten Runden Tische fanden bei uns an der ASH Berlin statt, „Hellersdorf hilft e. V.“ wurde gegründet. Eine breite Unterstützung für die Geflüchteten fand auch in großen Solidaritätsdemonstrationen ihren Ausdruck. Unsere Rolle sollte aber weiter gehen und nachhaltig wirken. Und so kam die Idee, die ASH Berlin einerseits für die geflüchteten Menschen zu öffnen und andererseits unsere eigentliche Aufgabe als Hochschule, nämlich Lehre und Forschung, in die Unterkunft für Geflüchtete zu verlagern. Dafür brauchten wir dort einen Unterrichtsraum. Damit sollte Öffentlichkeit in die Flüchtlingsunterkunft gebracht und die Geflüchteten geschützt werden.

alice Online: Wie lief das organisatorisch ab?

Borde: Ich rief Franz Allert, den damaligen Chef des LaGeSo, an und setzte mich mit dem Bezirksbürgermeister in Verbindung. Alle waren von den heftigen Protesten der Anwohnerschaft überrascht. Es gab keine klaren Konzepte, wie damit umgegangen werden sollte. Dem LaGeSo kam das Angebot der ASH Berlin sehr entgegen und im Nu wurde uns ein großer Unterrichtsraum für ca. 50 Studierende eingerichtet. Vor Ort wurden wir auch von der Heimleitung sehr unterstützt und von den Geflüchteten in ihrer Unterkunft willkommen geheißen. Im Wintersemester 2013/14 fanden dort von Montag bis Freitag Seminare statt und etwa 500 Studierende gingen ein und aus. Für alle beteiligten Studierenden und Lehrenden war diese Lernsituation eine ganz besondere Erfahrung und ist es noch. Denn sie erleben die geflüchteten Menschen und ihre Lebenssituation dort ganz nah und nicht nur über Medien vermittelt. Niemand kann in einer Flüchtlingsunterkunft lehren oder studieren, sich mit Themen wie Migration, Geflüchtete, Rassismus, soziale Fragen, Gesundheit und mehr zu beschäftigen. Und natürlich ist es auch zu persönlichen Begegnungen gekommen. Das alles hat dazu beigetragen, dass sich die Studierenden der ASH Berlin in einer ganz bemerkenswerten Weise engagieren.

„Wir stehen noch vor einer sehr großen Aufgabe bei der Unterstützung und Integration der Geflüchteten."

alice Online: Franz Allert ist mittlerweile abgelöst. Denken Sie, ein Kontakt wie damals wäre heute noch möglich?

Borde: Ja, als Hochschule haben wir eine wichtige Position in der Gesellschaft. In dieser Situation waren wir als Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Bildung in besonderer Weise gefordert. Das Landesamt steht für Gesundheit und Soziales – genauso wie unsere Hochschule. Beides sind staatliche Einrichtungen, wir standen und stehen noch vor einer sehr großen Aufgabe bei der Unterstützung und Integration der Geflüchteten und ich halte eine solche Kooperation für selbstverständlich. Natürlich habe ich es sehr geschätzt, dass Herr Allert unseren Vorschlag ohne zu zögern angenommen und sofort umgesetzt hat.

alice Online: Lässt sich die damals durch die NPD hassgeschürte Stimmung mit der von heute vergleichen?

Borde: Das Thema Flüchtlinge ist mittlerweile Anlass für eine Polarisierung der Gesellschaft geworden. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind in breiten Kreisen der Gesellschaft präsent und können offenbar jederzeit mobilisiert werden. Da braucht man sich nur die Wahlerfolge rechter Parteien anzusehen. Vielleicht hat sich die Situation in Hellersdorf etwas beruhigt - aber wir müssen weiter aktiv bleiben und dieser menschenverachtenden Haltung mit Worten und Taten entgegen treten.

alice Online: Wie blicken Sie zurück auf Ihre damaligen Ideen?

Borde: Das war ein sehr wichtiger erster Schritt. Als Rektorin hatte ich die Hochschule als Ganzes im Blick und es war mir sofort klar, dass wir handeln und Gesicht zeigen müssen. Damals ist es mir gelungen, Kolleginnen und Kollegen und Lehrbeauftragte aus allen Studiengängen zu gewinnen, ihre Seminare in die ca. 10 Minuten Fußweg entfernte Unterkunft für Geflüchtete zu verlagern und sich auch thematisch auf die aktuellen Fragen und die besondere Situation einzustellen. An einigen Seminaren nahmen auch Geflüchtete teil und die Studierenden entwickelten ihrerseits Ideen. Sie organisierten eine Hausaufgabenhilfe für Kinder, absolvieren ihre Feldstudienphase in dieser und in anderen Berliner Unterkünften für Geflüchtete und engagieren sich auch politisch z. B. in der Initiative Grenzen_weg. Ich freue mich, dass sich das Engagement der ASH Berlin sehr positiv weiter entwickelt hat, dass die neue Hochschulleitung das weiterführt und sich viele Hochschulangehörige einbringen. Die Fokuswoche war richtig toll!

alice Online: Wie sehen Sie die Rolle der ASH Berlin heute?

Borde: Es ist einiges passiert in den letzten Jahren doch es gibt viele Herausforderungen. Die ASH Berlin hat als Hochschule eine wichtige gesellschaftliche Rolle und muss dieser Rolle auch gerecht werden. Denn eine gute Qualifizierung der Fachkräfte für Soziale Arbeit, Gesundheit und Bildung von morgen kommt ohne gesellschaftliches Engagement nicht aus.

„Die ASH Berlin muss dran bleiben an den zentralen gesellschaftlichen Fragen der Sozialen Gerechtigkeit, die auch Gesundheit und Bildung umfassen."

alice Online: Wie begleiten Sie die Themen derzeit?

Borde: Als Professorin kann ich jetzt in Lehre und Forschung wieder direkt im Feld arbeiten, mit Studierenden sowie Kooperationspartnerinnen und -partnern neue Projekte auf den Weg bringen und in meinen Seminaren aktuelle Fragen zu diskutieren. Im April 2015 habe ich mit Prof. Pinkau und Architekturstudierenden der Hochschule Anhalt das interdisziplinäre Projekt „Interfix“ am Boulevard Kastanienallee gestartet, der mitten in der Großsiedlung zwischen unserer Hochschule und der Unterkunft für Geflüchtete liegt. Studierende der Sozialen Arbeit haben im Rahmen meines Werkstattseminars Interviews mit 185 Anwohnerinnen und Anwohnern und geflüchteten Menschen sowie vertiefende Fokusgruppendiskussionen mit Interessierten durchgeführt, um deren Anliegen, Interessen und Ideen für die Gestaltung der Wohnumgebung in Erfahrung zu bringen und diese dann gemeinsam umzusetzen. Die Wohnungsgesellschaft „Deutsche Wohnen“ stellte uns den Ladenraum in der Stollberger Str. 63 zur Verfügung, der jetzt als Interfix-Café vormittags für die Lehre genutzt wird und nachmittags Studierenden, Anwohner/-innen und Geflüchteten als Begegnungsort zur Verfügung steht. Während der Wintersemesterferien führten Studierende dort zweimal täglich Deutschkurse durch, die sehr gut angenommen wurden.

alice Online: Es gab dann ja auch noch die Aktion mit dem längsten Picknicktisch der Welt ...

Borde: Durch das Interfix-Projekt haben wir gemeinsam mit anderen wie „Hellersdorf hilft“, LaLoKa und „KIDS & CO“ und unseren Dessauer Partnern von der Hochschule Anhalt einiges bewegen können. Im Dezember 2015 haben wir in einer Gemeinschaftsaktion mit dem „längsten Picknicktisch der Welt“ einen Weltrekord erreicht. In einem anderen Seminar entwickeln Studierende mit Kooperationspartnern Projekte zur Gesundheitsförderung von Geflüchteten und von jungen Eltern. Für die Studierenden ist das eine sehr direkte Lernerfahrung, in die sie ihre Potenziale einbringen und weiter entwickeln können. Als Hochschule bringen wir Akteure zusammen, fungieren als Multiplikator in unterschiedliche Gruppen hinein und können auch ein Katalysator sein. Das Interfix-Projekt am Boulevard Kastanienallee geht weiter. Es hat Studierende, Anwohner und Geflüchtete zusammengebracht und die Campus-Community-Partnerschaften deutlich gestärkt.

alice Online: Blicken Sie doch für die alice mal in die Zukunft …

Borde: Es gibt aufgrund der aktuellen Bevölkerungsentwicklung viel zu tun und die ASH Berlin muss dran bleiben an den zentralen gesellschaftlichen Fragen der Sozialen Gerechtigkeit, die auch Gesundheit und Bildung umfassen. Für uns sind das vor allem drei Dinge: 1. Qualifizierung der Studierenden für die Zukunftsaufgaben, 2. Wissen schaffen durch Forschung und 3. Kooperationen mit der Praxis und ein deutlich stärkerer Wissenschaft-Praxis-Transfer in beide Richtungen.