...und dann kam Corona Corona-Partys von Jugendlichen

Kritische (Zwischendurch-)Gedanken zum Generationsverhältnis in Zeiten der Pandemie

Vergrößern: EIne Zeichnung mit einer Wiese, Kindern drauf und vorne Jugendliche die Feiern
Corona-Time © pixabay.com und Jennifer Hübner

Am 21.3.2020 titelt „merkur.de“ in dramatischem Duktus: „Gefährlicher Jugendtrend Corona-Partys: Söder schockiert - Polizei in Bayern greift durch“. Im nachfolgenden Artikel wird vermeldet: “Die Polizei hat in Nürnberg und Schwabach zwei sogenannte Corona-Partys beendet. Rund 100 junge Menschen hatten sich am Montagabend (16. März) in einem Nürnberger Stadtpark zum Feiern getroffen. Dabei hatte die Gruppe auch eine mit Generatoren betriebene Musik- und Lichtanlage, wie die Polizei am Dienstag mitteilte. [...] In Schwabach trafen sich 50 Jugendliche in einem Skater-Park und feierten den Angaben nach ebenfalls lautstark mit einer mitgebrachten Musikanlage. Offenbar hatten sich die jungen Leute über soziale Medien zu der Feier verabredet. Beamte stellten die Anlage sicher und erteilten Platzverweise. [...] Auch Bayerns Ministerpräsident appellierte auf einer Pressekonferenz an die Jugendlichen: „Wir haben Nachrichten bekommen, dass es Corona-Partys gibt bei Jugendlichen“, erzählte Markus Söder. Die Polizei würde solche Aktionen beenden, wie er weiter erklärte. Man könne Eltern und Großeltern anstecken, „wer möchte denn dafür verantwortlich sein?“, fragt Söder.

In kürzester Zeit hat sich ein neues Wort verbreitet, das sogar schon einen Eintrag bei Wikipedia hat. Es ist – wie schon die sog. Masernpartys –  mit Blauäugigkeit und Verantwortungslosigkeit assoziiert und mit hohem Aufregungspotential aufgeladen: Während das Land um sein gesundheitliches Überleben ringt und die Bevölkerung in isolierende Klausur geschickt worden ist, gibt es Menschen, die sich den staatlichen Verhaltensauflagen verweigern und gemeinsam eine schöne Zeit machen. Und diese Menschen sind vor allem Jugendliche, glaubt man den Medien. Meldungen zu subversiven Partys kursieren in diversen lokalen Varianten im Netz. Die meisten erzählen von Jugendlichen, die sich nach dem Beginn der allgemeinen Schulschließungen zum fröhlichen Beisammensein an öffentlichen Plätzen trafen, statt wie erwünscht zuhause zu bleiben. In Windeseile formiert sich damit eine Problemfigur als Wahrheit in unser aller Köpfe, die als solche nicht mehr kritisch befragbar ist. Es sind Jugendliche, die erstens den Ernst der Lage nicht erkennen und sich überschätzen, zweitens rebellieren und drittens unser aller Untergang provozieren.

Alle Konstrukte sind vermutlich genau deshalb öffentlich so konsensfähig, weil sie wohlbekannte und uralte Narrative zur jungen Generation mobilisieren. Nicht erst seit der Corona-Krise gibt es schließlich die Klagen der Erwachsenengesellschaft über Jugendliche, die zu einfältig sind und Unterweisung durch wissensüberlegene Erwachsene brauchen – eine Idee, die die Schulpflicht hervorbrachte. Auch das Klagen über jugendliche Rebellion ist ein Kontinuum des Generationsverhältnisses. Schon Sokrates schimpfte in der griechischen Antike: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Aus den aktuellen Meldungen zu den jugendlichen Corona-Partys springen uns alle diese Vorwürfe genau wieder an – ausgenommen die der Tyrannisierung der Lehrkräfte, die angesichts der Schulschließungen ausfällt.   

Was das Bild von den Jugendlichen betrifft, die die Ausbreitung der Seuche durch ihr Verhalten verstärken und damit die gesellschaftliche Zukunft gefährden, so aktualisiert auch dieses ein etabliertes Narrativ – das der Kinder und Jugendlichen, die sich fehlentwickeln, was gesellschaftliche Untergangsszenarien provoziert. Es tritt uns derzeit entgegen in den Alarmmeldungen zu den steigenden Gewichtsraten der Kinder und Jugendlichen, ihrer ungesunden Ernährung, ihren motorischen Kompetenzverschlechterungen, ihrem Medienkonsum, ihrer Handy- und Selfie-Sucht oder ihren Ohrstöpseln, aus denen zu laute Musik kommt. Zu anderen Zeiten war es ihr Sexualverhalten, ihr Drogenkonsum oder ihre, durch Goethes „Werther“ ausgelöste Suizid-Neigung, die Anlass zu gesellschaftlicher Sorge gaben.   

So populär die Bilder der feiernden Jugendlichen sind, so vage ist jedoch ihre empirische Grundlage.  Denn solide Zahlen zu den Corona-Partys werden nie vorgelegt, sondern ausschließlich episodische ‚Beweise‘ von lokalen Ereignissen. Niemand weiß letztlich, wo wie viele Jugendliche wie viele Corona-Partys wie lange gefeiert haben. Und niemand sagt etwas dazu, welche weiteren Verstöße gegen die Kontaktsperre von wem in welchem Umfang im gleichen Zeitraum noch stattgefunden haben. Dass so zahlreich von feiernden Jugendlichen berichtet wird, heißt schließlich noch lange nicht, dass es tatsächlich vor allem diese Altersgruppe ist, die sich über die Auflagen hinwegsetzt. Und es sagt uns auch überhaupt nichts über das tatsächliche quantitative Ausmaß. Es ist nichts Neues: Viel Berichterstattung vergrößert soziale Phänomene automatisch in unseren Köpfen und vernebelt den realistischen Blick.   

Im Netz wird genau dieses stellenweise auch problematisiert. So machten sich Reporter*innen bei zuständigen Behörden auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie viele Corona-Partys es denn nun wirklich gab. Am Ende mussten sie feststellen, dass alles „überraschend unklar“ ist und es viel Hörensagen, aber „wenige dokumentierte Fälle“ gibt: „Dort, wo Partys dokumentiert sind, fanden sie oft [... ] statt [... ] bevor Verfügungen und Verordnungen verkündet wurden und kurz nachdem Schulen geschlossen wurden.“  

Die Berichte zu Corona-Party-feiernden Jugendlichen erzählen uns also genau genommen sehr viel mehr zu sozialen Konstrukten des Generationenverhältnisses als zu den tatsächlichen jugendkulturellen Praktiken. Sie erzählen uns zudem ganz viel dazu, wie Gesellschaften versuchen Krisen zu bewältigen – nämlich offenbar über die Suche nach Schuldigen, die für das Unglück haftbar gemacht werden können. Es ist eine immer wiederkehrende Form, Ängste vor einer wenig greifbaren und unverständlichen Bedrohung zu verarbeiten. Im Mittelalter wurden jüdische Menschen für die Pest verantwortlich gemacht: Ihnen wurde unterstellt, aus die Brunnen vergiftet zu haben, die die Krankheit brachten. Später wurde immer wieder Menschen aus anderen Ländern vorgeworfen, Träger*innen von Krankheiten zu sein, die sie einschleppen würden.

Es ist alltäglich, normal und legitim geworden, Gruppen und sogar einzelne Personen – wenn auch ohne Namen, so doch vermutlich identifizierbar – öffentlich zu benennen, die durch ihr vermeintliches Fehlverhalten für Ansteckungen gesorgt haben. Was zunächst noch vorzugsweise Jugendliche betraf, flottiert als latente oder auch offene Stigmatisierungsmaschinerie weiter. Am Pranger stehen Ski-Tourist*innen aus Tirol, Bar-Betreibende, religiöse Gruppen oder auch einzelne Personen, die Regeln nicht eingehalten haben, und jederzeit können neue dazu kommen. Schon fast vergessen ist, dass es zu Jahresbeginn noch asiatisch gelesene und markierte Menschen traf, von denen man befürchtete, dass sie die Infektion nach Europa bringen würden oder schon längst gebracht hätten. Fest verankert ist auch längst das ‚(Halb-)Wissen‘ um den initialen Ursprungsherd der Pandemie: ein Markt in China, auf dem das Virus von einem Gürteltier auf den Menschen übersprang – ein Narrativ mit rassistischen Zügen, das vom sowieso schon vorhandenen europäischen Ekel vor Kulturen genährt wird, in denen Tiere gegessen werden, die für den europäischen Speiseplan verpönt sind.  

In Zeiten von Corona greifen also Denunziationsreflexe um sich, die längst nicht mehr allein Jugendliche treffen. Voller Begeisterung ist allenthalben von den neuen spontanen Formen gesellschaftlicher Solidarität zu lesen und zu hören, die die Krise hervorbringt. Kollektives oder individuelles Fehlverhalten medial voyeuristisch auszubreiten und ketzerische Stimmungen damit anzufachen, tut das Gegenteil. Es polarisiert und entsolidarisiert – und es hilft bei der Bewältigung der Krise in keinster Weise, außer dass wir eine Zielscheibe für das Abreagieren von Missstimmung und Angst haben. Aber im nächsten Moment können wir selbst zur Zielscheibe werden. 

Der anonyme digitale Raum macht polarisierend-diskriminierenden Sprech‘s dieser Art salonfähig. So kommentiert die digitale Polizeiflotte Nordrhein-Westphalens am 01.04.2020 einen ihrer täglichen Arbeitseinsätze im Twitter-Account: „Noch immer nicht kapiert: Junge Leute trafen sich Dienstagabend auf einem Schulhof […] zu einer sogenannten #Coronaparty. Sechs von ihnen im Alter von 17 b. 20 J. kommt das teuer zu stehen. Sie bekommen eine Strafanzeige. Dem Rest gelang die Flucht.“ Im restriktiv-autoritären Duktus wird hier vom Kampf zwischen Staatsgewalt und Jugendlichen erzählt – Jugendlichen, die dumm sind, Verbotenes tun und sich dann auch noch der legitimen Strafe  durch „Flucht“ entziehen. Dies lädt wiederum ein zu meterlangen Kommentarspalten, in denen junge Menschen zum Sündenbock der Corona-Pandemie verklärt werden. Der Fluchtbegriff bekommt hier eine neue geschmacklose Note. Er vermischt Diskurse, lenkt davon ab, dass menschenfreundliche und kosmopolitische Entscheidungen im Umgang mit Geflüchteten weltweit, insbesondere am Mittelmeerraum, seit Langem ausstehen und eine politische Diskussion um Flucht und Corona nur marginal oder dem Deckmantel der Eigengefährdung stattfindet. Jugendliche mit Fluchtgeschichten spielen in diesem Kontext kaum eine Rolle.

Fragt sich die Mehrheitsgesellschaft eigentlich überhaupt, wie Jugendliche die derzeitigen Entwicklungen unserer Gesellschaft sehen und spricht einer mit ihnen darüber? Medienformate wie die täglichen Seifenopern tun so, als würde die Gesellschaft so weiterlaufen wie bisher. Aber sie tut es ja nicht! Für Erwachsene, aber auch Jugendliche ist alles auf den Kopf gestellt.

Vielleicht rücken die öffentlichen Reden zu den jugendlichen Corona-Partys auch schlicht das Jugend-Narrativ der Erwachsenengesellschaft wieder zurecht, das für kurze Zeit durch Fridays for Future durcheinandergeraten schien. Denn über viele Monate wurde eine junge Schwedin in der Erwachsenenwelt als ökologische Heilsbringerin gefeiert und die Schüler*innen-Protestbewegung als Ausdruck einer neuen politisierten Jugend begrüßt, nachdem über Jahre hinweg immer nur voller Sorge über die unpolitische Jugend lamentiert worden war. Aber auch diese Idealisierung der Jugend blieb gebrochen. Noch gut in Erinnerung sind die süffisanten Sprüche aus der Erwachsenenwelt, Schüler*innen sollten protestieren, wenn keine Schule ist, und die Lösung der ökologischen Probleme besser den Experten überlassen. Besonders tat sich Christian Lindner dabei hervor: So schrieb er am 30. November 2019: „Liebe Luisa Neubauer, sind SIE eigentlich irgendwie legitimiert oder gewählt? Wie läuft das in so einer Bewegung? Welchen Einfluss hat die Schülerin am Freitag auf einer Demo auf das, was sie im Fernsehen sagen? Bei mir ist das klar.“

Solche schulmeisterlichen Bemerkungen stellen die hegemoniale Generationen- und Politikordnung – vielleicht auch Geschlechterordnung – wieder her: Nur die parlamentarischen Politikpraxen der – männlichen – Erwachsenen sind die korrekten. Jugendliches Politik-Engagement wird demgegenüber als überengagiert, selbstsüchtig, formal ungeordnet und damit illegitim abgewertet. Da kommt es diskurspolitisch vielleicht gut zupass, wenn mit den Bildern der Corona-Partys die Verunglimpfung von Jugendlichen weiter geführt werden und die Held*innen der Umweltbewegung, die den Erwachsenen gerade noch die Leviten gelesen haben, zunichte gemacht werden durch die Bilder einer ungehorsamen, exzessiv-genusssüchtigen Jugend.

Wie erfolgreich die generationelle Machthierarchie derzeit (re)stabilisiert wird, dazu legt auch die öffentliche Verhandlung zur bundesweiten Schließung von Schulen ein beredtes Zeugnis ab. Als die Schulen ihre Tore schlossen, gingen die Schüler*innen nicht nach Hause, um dort zu lernen, sondern sie strömten in die Parks um zu feiern – so wird es zumindest kolportiert. Frei nach dem Motto: Wenn Schüler*innen ‚freigelassen‘ werden, führt dies über gähnende Leere zu jugendlichem ‚Bockmist‘ – nämlich Corona-Partys. Junge Menschen bedürfen also doch der streng regulierenden Hand der Erwachsenen!

Abgelenkt wird damit vom gerade stattfindenden ‚Bockmist‘ der Schule: Das schulische Lernen muss weiter gehen, nur eben jetzt zu Hause und ohne Lehrkraft. Damit dies funktioniert, schnüren Lehrkräfte Hausaufgabenpakete für mehrere Wochen, die bestenfalls elektronisch versendet werden, manches Mal aber am Schultor abgeholt werden müssen. Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schüler*innen gibt es nicht mehr oder kaum. Schule mogelt sich wie eh und je in die Lebenswelten der Jugendlichen und verpasst dabei die Reflexion über ihr eigenes Unvermögen, Lernen längst anders als im traditionellen, autoritär strukturierten Unterrichtsformat zu organisieren – nämlich räumlich, zeitlich und individuell flexibel.

Im Gegenteil: Alles wird dafür getan, den herkömmlichen Modus schulischen Lernens trotz der Verlagerung in den häuslichen Raum aufrechtzuerhalten und Eltern zu Ersatzlehrkräften zu machen. Sie sollen feste ‚Schulzeiten‘ im Tagesablauf fixieren, darauf achten, dass die Aufträge der Schule erledigt werden und dabei helfen. Jugendliche können sich vor Homeschooling-Angeboten derzeit nicht retten, weil Erwachsene in ihren neuen Homeoffices in Fingerschnipp-Mentalität Aufgaben verteilen und zur unermüdlichen Leistungsfähigkeit animieren. Zahlreiche Tipps und Tricks zu Hausaufgabenhilfe und Prüfungsvorbereitungen – unter einer vermeintlich defizitären Lebensbewältigungsperspektive – kursieren im Netz und repräsentieren die eigentliche Erwartungshaltung an junge Menschen in Zeiten des heutigen Turbokapitalismus: Zeit muss sinnvoll verwertet werden, freie Zeit gibt es nicht, und selbstbestimmte oder gar sinnfreie Zeit schon gar nicht – auch nicht zu Zeiten von Corona!

Klar ist auch, dass schulisches Abprüfen und Bewerten weiter gehen muss. Ein Abitur darf auch in Zeiten von Corona nicht ohne das stressende Initiationsritual der Abi-Klausuren ‚geschenkt‘ werden, wie dies die Bildungsministerin Schleswig-Holsteins versuchte. Die größte schulische Sorge scheint aktuell zu sein, wie die unterrichtstechnisch anstehenden Klassenarbeiten noch zu schaffen sind, falls der Shutdown noch länger andauert. Die Deutungshoheit der Schule bei der Frage, was junge Menschen wann, wie und wo lernen und können müssen, steht ehern. Es ist also wie immer. Sprechen Erwachsene vom besinnlichen Innehalten und Entschleunigen in der temporeichen globalisierten Welt als Chance der Corona-Krise, werden junge Menschen unter Druck gesetzt, das Tempo zu halten und Unmögliches möglich zu machen. Warum ist es so schwer, endlich damit aufzuhören?!

Während vielfach die Corona-Krise genutzt wird, um Schwächen unseres Gesundheitswesens anzuprangern, bleibt schulische Bildung – auch hochschulische – bislang noch verschont von solcher Kritik. Was aktuell in peinlicher Weise nur zu deutlich wird, ist aber, dass Whiteboards herzlich wenig mit digitalisiertem Lernen zu tun haben, sondern nur Tafeln und Tageslichtprojekttoren modernisiert haben, um unverändert weiter traditionelle Unterrichtskonzepte zu fahren. Für und mit Schüler*innen innovative digitale Lern- und Interaktionsräume zu entwickeln und zu bespielen – und zwar als Standard und nicht als Behelf in Corona-Nöten – dazu gibt es noch keine Routinen. Dabei gibt es hierzu an so vielen Stellen längst Entwicklungen, die faszinierend vormachen, dass es bestens geht: Im Netz selbst wie auch in der Jugendarbeit oder der Arbeitswelt.  

Wir sehen: Die Corona-Pandemie bringt einiges an sozialen Verwerfungen. Sie fördert wie in einem Brennglas Provinzialitäten und Deprivationen einzelner gesellschaftlicher Institutionen zu Tage. Im Zentrum steht dabei aus der Sache heraus das Gesundheitswesen. Aber auch für die Bildungsinstitutionen wird mit einem Schlag als ein echtes Problem sichtbar, wie sehr sie ‚aus der Zeit gefallen‘ sind und den technologischen Entwicklungen hinterherhinken. Die ausgebliebene Digitalisierung des Lernens, die immer nur als nettes Luxus-Anliegen für Schulen verhandelt wurde, fällt ihr jetzt schmerzhaft auf die Füße, und sie schafft für Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte eine unerfreuliche Situation. Dies alles gilt im Prinzip auch für die Hochschulen.

Gleichzeitig sehen wir, dass einige der Polarisierungen und Konfrontationen, die gerade noch akut waren, ihr Zentrum verschoben haben. Gruppen und Protagonist*innen, die bis vor kurzem im Fokus standen, stehen es nicht mehr. Stattdessen gibt es neue relevante Differenzlinien. Im Zuge dessen ist Jugend plötzlich wieder eine triggernde Problemfigur, an der sich abgearbeitet wird. Dies hat wahrscheinlich sehr viel damit zu tun, dass die zentrale Institution zur Bändigung dieser sozialen Gruppe gerade auf existentielle Weise ihrer Gebräuche beraubt ist. Diese Situation ist offenbar dazu angetan, defizitäre und diskriminierende Bilder zu Jugendlichen – aus Angst? – zu beleben. Weil Jugendliche durch den Shutdown institutionellen und pädagogischen Lebens plötzlich losgelassen sind, erscheinen sie als besondere Risikogruppe.

Wir haben es selbst in der Hand, welchen Blick wir auf junge Menschen in unserer Gesellschaft haben (wollen). Schließt man sich den stereotypisierten Karikaturen an und projiziert man gesellschaftliche Ängste auf sie oder wendet man sich ihnen zu als Menschen, die auch Betroffene der Krise sind, sich in ihr arrangieren. Und noch was:  Vielleicht fragt man sie auch einfach mal selbst, wie sie die Sache so sehen!

Jennifer Hübner, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice-Salomon-Hochschule

Lotte Rose, Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences

Der Artikel erschien zuerst auf dem Blog der DGSA.