Solidarität Türkische Studierende hinter Gittern

Ein Interview mit der studentischen Initiative Solidayan, die auf die Situation inhaftierter Studierender in der Türkei aufmerksam macht

Vergrößern: Screenshot von dem Film von Solidayan wo Mustafa Polat zu sehen ist. Er trägt eine Brille, Bart und eine Lederjacke
Mustafa Polat hat aufgrund seiner Inhaftierung acht Jahre für sein Bachelorstudium gebraucht. Aktuell macht er einen Master an der HU Berlin

alice online: Wie entstand die Idee zu Solidayan?

Solidayan: Im Hinblick auf die Situation in der Türkei war es uns als studentische Initiative ein Anliegen, den Fokus von der Person Erdogan hin zu den widerständigen und von massiven Repressionen betroffenen Menschen zu verschieben. Darunter fallen auch viele Studierende, die kaum Beachtung in der hiesigen Öffentlichkeit finden. Zusammen mit einem Freund, der in der Türkei viel zu dem Thema in verschiedenen Kontexten gearbeitet hatte, überlegten wir gemeinsam, wie wir für die Situation gefangener Studierender in der Türkei sensibilisieren und Möglichkeiten der Solidarität entwickeln können.

alice online: Habt ihr persönliche Kontakte zu inhaftierten Studierenden in der Türkei?

Solidayan: Wir haben keinen persönlichen Kontakt zu den momentan inhaftierten Studierenden, jedoch stehen wir im engen Austausch mit ehemals Inhaftierten und Anwält_innen, die wiederum Kontakt mit zurzeit inhaftierten Studierenden haben. Generell gestaltet sich die Kommunikation aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse und massiven Repressionen schwierig.

alice online: Wie sieht denn die Situation inhaftierter Studierender zur Zeit in der Türkei aus?

Solidayan: Die Situation ist unhaltbar. Die Repressionen haben sich in den letzten Monaten im Rahmen des sogenannten Ausnahmezustandes nochmals verschlechtert, so dass Studierenden ihr Recht auf Bildung genommen wurde. Alle bisherigen Möglichkeiten, ihre Ausbildung auch innerhalb der Haft fortzuführen, beispielweise durch die Ablegung von Prüfungen, wurden eingestellt. Die Inhaftierungen sind meist politisch motiviert und können heute jede_n treffen, die*der nicht dem AKP Regime zustimmt. Gleichzeitig warten Studierende teilweise Monate oder Jahre auf die Anklage oder ihren Prozess bzw. werden irgendwann einfach wieder freigelassen. Auch sind keine fairen Gerichtsverfahren mehr zu erwarten, da es keine unabhängigen Gerichte gibt. Allerdings ist es wichtig zu betonen, dass die Gefangennahme von Studierenden bei weitem kein neues Phänomen ist, sondern seit Jahrzehnten vom türkischen Staat praktiziert wird – besonders kurdischen und linken Studierenden gegenüber.

alice online: Was wollt ihr mit Solidayan erreichen?

Solidayan: Wir wollen zum einen mehr für dieses Thema in der hiesigen Öffentlichkeit sensibilisieren, Hintergründe und globale Verstrickungen aufzeigen und zum anderen unsere Solidarität mit den gefangenen Studierenden direkt ausdrücken.

alice online: Wie wollt ihr dieses Ziel erreichen?

Solidayan: Durch öffentlichkeitswirksame Kampagnenarbeit, die sich vor allem Video- und Onlineartikelformaten und Aktionsformen im öffentlichen Raum bedienen möchte. Dabei spielen die Sozialen Medien für die Verbreitung eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig haben wir eine Solidaritätsbriefaktion gestartet als eine mögliche Form Solidarität mit den gefangenen Studierenden auszudrücken. Ziel ist es, Informationen so zugänglich zu machen, dass Interessierte selber aktiv werden und eigene Aktionen zu dem Thema initiieren können.

"Studierende warten teilweise Monate oder Jahre auf die Anklage oder ihren Prozess"

alice online: Woran arbeitet ihr zurzeit?

Wir haben ein Video fertig gestellt, das Informationen zur Situation gefangener Studierender anhand von Interviews bereitstellt und zur Teilnahme an der Solibriefaktion aufruft, sodass wir nun mit der Verbreitung des Videos, der Zusammenstellung weiterer Informationen für den Blog und Sozialen Medien und dem Aufbau von Netzwerken beschäftigt sind.

alice online: Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Solidayan: Wir organisieren einen Workshop, um an den angesprochenen Zielen zu arbeiten. Fortwährend ist es uns ein Anliegen, die Solidayan Gruppe zu öffnen, weshalb wir verschiedene offene Treffen veranstalten u.a. an der ASH Berlin.

alice online: Ihr habt beim yooweedoo Ideenwettbewerb den Publikumspreis gewonnen. Wie erklärt ihr Euch den hohen Zuspruch?

Solidayan: Einerseits sind wir gut vernetzt, andererseits empört das Thema Personen aus verschiedensten Zusammenhängen aus teils unterschiedlichen Motivationen heraus. Zudem standen während der Abstimmungsphase die Ereignisse in der Türkei in der medialen Öffentlichkeit und lösten teils Empörung aus. Ein Projekt wie Solidayan bietet die Möglichkeit diese Empörung in ein konkretes Projekt zu wandeln, welches die genannten Themen kontinuierlich in den Fokus stellt.

alice online: Welche Rolle spielt die ASH Berlin bei Solidayan?

Solidayan: Das Projekt ist nicht direkt an der ASH Berlin angesiedelt, da wir ein unabhängiges Projekt verschiedener Berliner Studierender sind. Gleichzeitig ist das Projekt im Rahmen einer Initiative von ASH-Studierenden entstanden, die alle einen Teil ihres Studiums der Sozialen Arbeit in der Türkei verbrachten. Uns ist es ein Anliegen, neben der Sichtbarmachung von widerständigen Praktiken und solidarischen Perspektiven in der Türkei mittels verschiedener Formate wie einer öffentlichen Ringvorlesung und einem Wahlseminar an der ASH Berlin, ein praktisches Solidaritätsprojekt zu initiieren. Da die Zusatzqualifikation Bachelor International mit Schwerpunkt Türkei an der ASH Berlin eingestellt wurde, möchten wir neue Impulse für die Ausrichtung eines neuen Türkeischwerpunktes geben, der den solidarischen Aspekt in den Fokus stellt. Diesen halten wir für eine Hochschule in gesellschaftlicher Verantwortung für unabdingbar.

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Solidayan gewinnt Publikumspreis bei yooweedoo!
„Solidayan!“ hat sich beim bundesweiten Ideenwettbewerb yooweedoo in der Ausschreibungsrunde im Frühling 2017 mit einem Antrag durchgesetzt und mit den meisten Stimmen den Publikumspreis gewonnen. Yooweedoo fördert „Solidayan!“ im Rahmen des Publikumspreises mit einer Anschubfinanzierung von 1.000 € und der Möglichkeit, sich mit anderen geförderten Projekten auszutauschen und zu vernetzen.
Yooweedoo unterstützt Zukunftsmacher_innen bei der Gründung von sozial und ökologisch nachhaltigen Projekten, Organisationen und Unternehmen. Das begleitende yooweedoo Lernprogramm – welches auch in die Hochschullehre integriert werden kann – zeigt, wie ein eigenes Changeprojekt Schritt für Schritt professionell geplant werden kann. Das Programm macht mit Strategien von Social Entrepreneurship vertraut und zeigt, wie aus der Beschäftigung mit gesellschaftlichen Herausforderungen engagierte Projekte werden können. Das Programm ist daher besonders für Student_innen in Initiativen und für Projekte im Rahmen von Lehrveranstaltungen interessant.
Weitere Information zu yooweedoo: http://yooweedoo.org
Ansprechperson für Fragen rund um eine mögliche Integration von yooweedoo in Lehrveranstaltungen an der ASH Berlin: Urte Böhm, ASH-IQ, boehm@ avoid-unrequested-mailsash-berlin.eu, Tel. 030-99245-380.