Nachruf „Wissen Sie, in meinem Alter plane ich nicht mehr in langen Zeiträumen, aber: Laden Sie mich gern ein!“

Nachruf auf Prof. Dr. Dr. hc. C. Wolfgang Müller

Vergrößern: C.W. Müller mit Hosenträgern vor einem Bücherregal sitzend
© Sarah Zalfen

Am 21. April 2021 ist Prof. Dr. Dr. hc. C. Wolfgang Müller im Alter von 92 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die Soziale Arbeit einen der wichtigsten und bedeutendsten Wegbereiter nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Sein Werk und seine Verdienste für die Soziale Arbeit können nicht oft genug gewürdigt, sie sollten vor allem nicht vergessen werden.

Generationen von Studierenden und Praktiker_innen der Sozialen Arbeit wurden durch Prof. Dr. Dr. hc. C. Wolfgang Müller, oder C.W., wie er schlicht anerkennend genannt wurde, nachhaltig geprägt. Er hat die Professions- und Disziplinentwicklung seit den 60er Jahren maßgeblich vorangebracht und zentrale Themen wie die Geschichte der klassischen Methoden Sozialer Arbeit und überhaupt der Sozialen Arbeit bearbeitet. Er widmete sich der empirischen Erforschung Sozialer Arbeit, vor allem im Verständnis als Handlungs- und Praxisforschung, und Fragen des Kontextes, also des sozialen Feldes, sowie der Biografiearbeit. All dies verband er mit gesellschaftlichen Rahmungen und politischen Botschaften. Er schrieb wegweisende Bücher mit dichten Inhalten, deren Lektüre ein Genuss sind. An erster Stelle stehen natürlich die zwei Bände „Wie Helfen zum Beruf wurde“, die im Jahr 2013 in der 6. Auflage noch einmal überarbeitet und aktualisiert in einem Buch erschienen. Ebenso als ein weiteres Beispiel bedeutsam die Rekonstruktion von Berufsfeldern Sozialer Arbeit in Gestalt von Häusern in der Buchreihe des Beltz Verlages, indem er den 1994 bemerkenswerten Band „JugendAmt. Geschichte und Aufgabe einer reformpädagogischen Einrichtung“ schrieb, der für alle ein ‚muss‘ ist, welche sich in Arbeitsbezügen mit dem Jugendamt heute befinden.

C. W. war einer der Ersten, die auf eine Professur für Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik berufen wurden. An der Pädagogischen Hochschule Berlin und später an der Technischen Universität (TU) Berlin baute er in der akademischen Lehre vor allem die Projektarbeit auf: Projektarbeit mit Studierenden und in/mit der Praxis. Es ging um soziale Innovationen und um professionelles Handeln. Er war bis ins hohe Alter aktiv, interessiert an zentralen Themen und Entwicklungen der Sozialen Arbeit, ein gefragter Redner und Vortragender, der es verstand, sein Publikum zu erreichen, inhaltlich zu begeistern, aber vor allem: eine Beziehung herzustellen. Er wirkte präsent und nachhaltig bei seinen Auftritten, wenn er mit tragender deutlicher Stimme sprach – bis ins hohe Alter.

Als C.W. sich entschied, keine halbjährlichen Lehraufträge mehr anzunehmen, war er 83 und sagte: „Wissen Sie, in meinem Alter plane ich nicht mehr in langen Zeiträumen, aber: Laden Sie mich gern ein!“

Bis dahin hatte er im Masterstudiengang „Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik“ an der ASH Berlin gelehrt. Seine Seminare zum wissenschaftlichen Schreiben waren legendär und prägend. Sie waren lebendig und voller anregender Erzählungen, die fast nebenbei historische und aktuelle Bezüge nicht nur vermittelten, sondern auch zur Aneignung durch die Studierenden einluden. Sie prägten auch zutiefst menschlich in einer unerschütterlichen humanen Art und Weise bei gleichzeitig hohem fachlich-inhaltlichen Anspruch. C.W. machte den Studierenden Mut zu schreiben und auf sich selbst als lernende, forschende und praktisch handelnde Person(en) zu vertrauen – und auf die eigene berufs-biografische Entwicklung – und sich dafür Geduld und Zeit zuzugestehen.

Er kam gern an die ASH Berlin und war dieser in vielfältiger Weise verbunden. Beispielsweise redete er zum Festakt anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Hochschule und ihrer Vorläuferinstitutionen sowie beim ersten Fachtag des Masterstudiengangs „Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik“.

Ich selbst stand mit ihm seitdem ich 2011 die Leitung des Masterstudiengangs „Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik“ übernahm in reger Korrespondenz über aktuelle Entwicklungen der Sozialen Arbeit. Er schrieb kontinuierlich Briefe und Postkarten, letztere manchmal auch aus fernen Ländern, und erstere durchgängig mit der Schreibmaschine. Es entspannte meinen Tag, wenn ich ihm antwortete; natürlich in Briefform, also geschrieben, ausgedruckt, in einen Briefumschlag gesteckt und in den Hausbriefkasten gesteckt. Bei der Durchsicht dieser Korrespondenz fällt mir auf, dass die Zeilen intensiv sind, dass er Kernthemen der Profession und Praxisentwicklung setzte, die aus seiner Sicht längst nicht abgeschlossen sind und dass er durchgängig neugierig war, wie die Entwicklungen weiter gehen. Bei unseren Gesprächen betonte er immer wieder die biografische Seite, die im Studium mit den Studierenden aufgegriffen werden und Raum bekommen sollte. Ich habe es so verstanden, dass es ihm darum ging, dass Absolvent_innen zu Gestalter_innen einer humanen Praxis der Sozialen Arbeit werden und die Bedingungen hierfür häufig zunächst erst einmal herstellen müssen, da sie per se nicht vorhanden sind. Und dafür müssen sie sich zunächst selbst verstehen und sich als handlungsfähig begreifen.

Bei unserer letzten Begegnung im Februar 2020 sagte er: „Lad‘ mich bald mal wieder an die ASH ein!“ … Ich werde es sehr vermissen, dass C. W. nun nicht mehr im Audimax stehen und reden wird! Seine Stimme und seine Worte werden jedoch in und bei mir bleiben.

Regina Rätz

 

Mit Freude Forschen und Schreiben

Meine erste Begegnung mit C.W. hatte ich in der Winterakademie der ASH Berlin im Februar 2009. Ich steckte während meiner Bachelorarbeit in Schreibblockaden und er bot ein Seminar zum wissenschaftlichen Arbeiten an. Im Laufe dieser drei Tage verstand er es nicht nur über seine Ausführungen, seinen Humor und seine Gelassenheit Ängste zu nehmen, sondern auch zu motivieren und Freude am Schreiben zu vermitteln. Die Schreibblockaden waren weggewischt. Ich weiß noch, dass ich damals am letzten Tag nach Hause fuhr und einer Freundin lachend von der vermeintlichen Gehirnwäsche erzählte. Heute versuche ich genau diese Inhalte, diese Atmosphäre, die in seinen Veranstaltungen so einzigartig waren, in meinen Seminaren an die Studierende weiterzugeben.

Nach diesen ersten Erfahrungen freute ich mich sehr, C.W. als Lehrenden im Masterstudiengang wiederzutreffen. Den qualitativen Forschungsprozessen nahm er die Strenge und Starrheit. Geduldig erklärte er uns immer wieder aufs Neue, in der Forschung ginge es nicht um das blinde Befolgen irgendwelcher Regeln, sondern vielmehr um die systematische und auch für Außenstehende nachvollziehbare Reflexion des eigenen methodischen Vorgehens. Und so habe ich ihn auch immer verstanden. Wir sollen uns etwas zutrauen, Neues ausprobieren, unsere Neugier behalten, unseren eigenen Weg finden … unseren Visionen folgen.

Über die Jahre hatten wir immer mal wieder Kontakt. Wir führten Gespräche rund um die Soziale Arbeit, um Biografiearbeit und das Erzählcafé, zu dessen Verbreitung er im deutschsprachigen Raum maßgeblich beitrug. Im Herbst saßen wir noch zusammen und haben das methodische Vorgehen meiner Promotion besprochen – natürlich zum Thema Erzählcafés. Lieber C.W., diesen inspirierenden Austausch werde ich sehr vermissen.

Conny M. Bredereck

 

„Vermittlung von Wissenschaft muss immer auch Entertainment sein“

Es gibt eine Besonderheit, die im Umgang mit C.W. immer gleich geblieben ist und die auf markante Weise seine Lebendigkeit und Beweglichkeit, die er bis ins hohe Alter beibehalten hat, kontrastierten: Seine ganz besonderen, auf der Schreibmaschine geschriebenen Schriftsätze, die zu seinem Markenzeichen wurden und die dem Gegenüber die Möglichkeit gaben, sich ganz entgegen dem Trend zur schnellen Mail auf Texte und Briefe einzulassen. Ähnlich wie dieses Bestehen auf einer langsamen intensiven Form des Austauschs war auch sein Zugang zur Wissenschaft immer fest verankert in historisch wichtigen Wurzeln des Faches – bei aller Kenntnis aktueller Diskurse, die er andererseits jederzeit in die Debatte einbringen konnte.

Ich habe ihn und diese Art der Kommunikation 1990 kennengelernt, als junge Assistentin an der TU Berlin. Als ich im Jahr 2010 angefragt wurde eine Forschungswerkstatt an der ASH Berlin zu machen, habe ich nur unter der Bedingung zugestimmt, diese mit C.W. gestalten zu dürfen um noch einmal mit ihm lehren zu können. Erneut tauchten hier auch seine wunderbar einfachen und dennoch inhaltlich gehaltvollen Texte auf, geschrieben auf der gleichen Schreibmaschine, deren Type und Eigenarten ich sofort auch nach 30 Jahren wiedererkannte.

C.W. hatte diese Fähigkeit schwierige Dinge einfach und klar auszudrücken, er war offen und zugewandt ohne Ansehen von Hierarchien und ohne deswegen seine inhaltliche Position zu verlieren – dies alles auch in kontroversen Diskussionen. Auf diese Weise begann 1990 unsere professionelle Beziehung – mit einer über Briefe ausgetragenen Diskussion über eine Diplomarbeit. Sein Wissen, sein Humor und seine Direktheit haben für mich die Zusammenarbeit zu einem bereichernden Erlebnis gemacht, für das ich dankbar bin. Es war wunderbar, diese Zusammenarbeit nach all den Jahren noch einmal erleben zu dürfen.

Das liegt sicher auch daran, dass ich das Wichtigste für meine Lehre von ihm gelernt habe, dass „Vermittlung von Wissenschaft immer auch Entertainment sein muss", lange bevor dies zu einem neuen Trend wurde. Das bedeutet, dass bei aller Ernsthaftigkeit der Inhalte Humor, Lebendigkeit und Verständlichkeit für ihn immer zur Lehre dazu gehörten, ebenso wie eine bodenständige Orientierung der Forschung an der Praxis. Lieber C.W., lächelnd und traurig werde ich an Dich denken und mich an unsere gemeinsame Arbeit erinnern.

Tamara Musfeld

 

„Lehren und Lernen ist in der Sozialen Arbeit ein ganzheitliches Unternehmen“

Auf einer gemeinsam mit einer Kollegin veranstalteten Kongressveranstaltung der DGFE, noch in Qualifizierungszeiten, sagte diese zu Beginn zu mir: „Schau mal, da hinten sitzt C.W. Müller, was für eine Ehre, dass er bei unserer Veranstaltung ist.“ Er saß dort ganz hinten, verschmitzt und immer wieder aufmunternd lächelnd, kam am Ende zu uns, diskutierte mit uns und bestärkte uns in unseren Forschungsthemen wie in unseren Vortragsweisen. Für C. W. war Vortragen, Lehren und Lernen ein ganzheitliches Unternehmen, mit Kopf und Körper, kognitiven Anstrengungen und „einer Menge Sinnlichkeit“. Diese Begegnung, so selbstverständlich, so bestärkend und gleichzeitlich fachlich bestechend war ein absolutes Highlight auf meinem wissenschaftlichen Weg.

C.W. ist mir dann wieder begegnet im Alice Salomon Archiv der ASH Berlin in Schöneberg, als ausgewiesener Kenner der Geschichte Alice Salomons, der Sozialen Frauenschule, ja überhaupt einer Geschichte der Sozialen Arbeit, als engagierter Vertreter des Wissenschaftlichen Beirats des Archivs und als leidenschaftlicher Berlin-Schöneberger. So beeindruckend, so wissend, so engagiert, immer kritisch betrachtend und dabei immer so freundlich und kollegial entgegenkommend. In einem Gutachten für das Archiv schrieb er: „Zeit meines Lebens bin ich den Pfaden gefolgt, die soziale Bewegungen in der Mitte Europas gebahnt haben, um gesellschaftliche Gleichheit für alle herzustellen, um Abseitsgestellte wieder einzubeziehen und um Soziale Arbeit zu professionalisieren.“ Lieber C.W., Du wirst uns fehlen im Alice Salomon Archiv, und nicht nur dort.

Sabine Toppe