Was macht eigentlich...? „Wie wir zusammen gearbeitet haben – das war die reine Freude"

Ein Interview mit Hilde von Balluseck über vergangene Zeiten an der ASH Berlin, eine späte Liebe und ihr Engagement bei den Omas gegen Rechts

 

Vergrößern: Hilde von Balluseck in einem blauen Kostüm vor einem Transparent mit der Aufschrift: Menschen aus Moria aufnehmen - Wir haben Platz
Hilde von Balluseck (mitte) bei einer Mahnwache für Moria - eine Aktion von den Omas gegen Rechts © privat

Wann haben Sie die ASH Berlin verlassen?

Balluseck: Ich war seit 1981 Professorin an der ASH Berlin und wurde 2007 pensioniert. Zum Einen wollte ich nicht vor dem 67. Lebensjahr aufhören und zum Anderen hatte ich der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung versprechen müssen, über das 65. Lebensjahr hinaus zu arbeiten. Der Grund war, dass ich einen neuen Studiengang – Erziehung und Bildung im Kindesalter (EBK) – eingerichtet hatte, dessen erste Kohorte ich bis zum Abschluss begleiten sollte. Das entsprach auch meinen eigenen Wünschen.

 

Was ist Ihr eindrücklichstes Erlebnis an der ASH Berlin?

Balluseck: Es gibt mehrere Ereignisse, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Die Tagungen, die ich zum Abschluss meiner Forschungsprojekte strukturiert und durchgeführt habe, waren absolute Highlights – zum Beispiel der Abschluss meines Projekts über minderjährige Flüchtlinge, die noch kein Thema an Hochschulen und in den Medien waren. Ich habe damals palästinensische Musiker organisiert, die die Tagung musikalisch begleiteten.

Ein besonders schönes Erlebnis war auch die Abschlussfeier für die erste Kohorte des Studienganges EBK, bei der Iris Nentwig-Gesemann die Rede hielt und mein Part darin bestand, mit live-Musikbegleitung Arien vorzutragen – ich habe eine Gesangsausbildung. Die letzte Tagung schließlich fand schon nach meiner Pensionierung im Jahr 2010 statt. Es war die erste Tagung zu Systemischen Aufstellungen an einer Hochschule in Deutschland, und ich bereitete sie mit Bettina Völter und Heiko Kleve (FH Potsdam) gemeinsam vor. Wie wir zusammen gearbeitet haben – das war die reine Freude. Die Tagung war dann auch nach Aussagen aller Beteiligten ein großer Erfolg. Und wenigstens einmal im Leben erhielt ich standing ovations.

 

Was macht die ASH Berlin für Sie aus?

Balluseck: Die ASH Berlin galt als „links“ und der Anspruch auf Progressivität gefiel mir sehr gut. Fakt war allerdings, dass unter den Lehrenden mehr Konkurrenz herrschte als Kollegialität. Am deutlichsten wurde das für mich, als ich nach der Geburt meines Sohnes krank und regelrecht gemobbt wurde. Die damalige Rektorin war keine Hilfe, im Gegenteil. Ich war 45 und sie beantragte, mich pensionieren zu lassen. Dabei lagen meine erfolgreichsten Jahre noch vor mir!

 

Was haben Sie nach Ihrer Pensionierung gemacht?

Balluseck: Ich habe mich weiter mit Systemischen Aufstellungen beschäftigt und auch solche Seminare als Lehrbeauftragte an der ASH Berlin durchgeführt. Dann aber erhielt ich das Angebot, eine Website für Erzieherinnen zu leiten, was ich sehr gerne – diesmal eben als Wissenschaftsredakteurin – angenommen habe. Nach sieben Jahren wechselte ich und entwickelte das Portal Frühe Bildung für den Didacta-Verband. Die Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer und dem wissenschaftlichen Leiter Prof. Wassilios Fthenakis war sehr erfreulich. Am schönsten allerdings war die Zusammenarbeit mit meinem Team, dem ich immer noch sehr dankbar bin für die gute Zeit, die wir über drei Jahre lang miteinander hatten.

"Was zieht uns alte Leute zueinander?" 


Sie haben dieses Jahr den Roman „Späte Begegnung. Unterm Pflaster rauscht das Meer“ veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Balluseck: Ich habe mit 75 meinen Mann kennengelernt, dessen Frau ein Jahr zuvor verstorben war. Und dann haben wir doch tatsächlich zwei Jahre später geheiratet – für mich war es die erste Ehe. Mich beschäftigte die Frage: Warum haben wir uns, er ist noch vier Jahre älter als ich, ineinander verliebt? Was zieht uns alte Leute zueinander? Ich wollte es aufschreiben. Am leichtesten fiel mir das, als ich auf mein Leben zurückblickte. Aber ihn musste ich fragen und erzählen lassen. So ist ein Roman entstanden. Mir kamen dabei immer wieder die Erkenntnisse zustatten, die ich als Wissenschaftlerin zur frühen Bildung und zur lebenslangen Sozialisation hatte.  

Mein Mann wollte nicht, dass der Roman unter meinem Namen veröffentlicht wird, daher ist er unter dem Pseudonym Milla Burckhardt erschienen.  

 

Mit was beschäftigen Sie sich zur Zeit?

Balluseck: Ich bin jetzt aktiv in einer basisdemokratischen Gruppe der OMAs GEGEN RECHTS Berlin. Ich nehme teil an Demonstrationen gegen Nazis, an Mahnwachen für Anliegen wie die Flüchtlinge in Moria. Zur Zeit bereite ich unsere Aktionen zum Internationalen Tag gegen die Gewalt an Frauen vor und suche nach Literatur.

Buchinformation:

Späte Begegnung
Unterm Pflaster rauscht das Meer

Milla Burckhardt
296 S., 14,99 Euro
ISBN: 9783752964738

In der Reihe Was macht eigentlich... ? stellen wir ehemalige Mitarbeiter_innen der ASH Berlin vor.