Praktikum im Ausland Arbeiten und Tee trinken

Sommer 2010 in Istanbul. Ein Praktikumsbericht von Conny Kiehne und Alexander Buschky

Vergrößern: Nächtlicher Blick über die Stadt, Lichter und im Vordergrund ein Fluß
Istanbul bei Nacht © die Autor/-innen

„Ein Teppichverkäufer rief mir »Grüzi miteinand« zu. (...) Am Tag zuvor hatte die Polizei in zwei Wohnungen Gasbomben geworfen. (...) Hoch lebe die Freundschaft der Völker. (...) ...auch auf kurdisch (...) Die Jugendlichen waren alle sehr neugierig. (...) Die Polizei droht mit Gewalt. (...) Der halbe Platz tanzt. (...) Menschen, die sich nicht für ihre Rechte einsetzen sind manchmal böse auf Menschen, die dies tun. (...) ...haben sich viele erfolgreich gegen den Abriss ihrer Häuser gewehrt. (...) ...Krise als Chance. (...) ...Bewusstsein schaffen. (...) ... Kopftuchverbot. (...) ...Bratkartoffeln. (...) ...obwohl Kartoffel hier ein Gemüse ist. (...) ...Sinti- und Roma-Viertel in Tarlaba??. (...) ...Marxist - ja, der Rest ist Blödsinn. (...) Der Kapitalismus nutzt die Religion. (...) Freiheit zu Dogmatismus (...) Wir müssen eine Analyse machen. (...) Morgen wird wohl auch unser erster richtiger Praktikumstag...“ 

Wir haben unsere Praktikumszeit überwiegend in einem Stadtteil Istanbuls verbracht, der einerseits von Armut und schlechten Arbeitsbedingungen geprägt ist, gleichzeitig aber auch seit seiner Entstehung durch die Zuwanderung der Landbevölkerung im Zuge der Industrialisierung seit den 50er Jahren eine sehr widerständige Geschichte hat.

Gewöhnung an den türkischen Rhythmus

Anfangs haben wir viel Zeit darauf verwandt, uns in unserem neuen Umfeld einzugewöhnen und den Alltag in unserer Organisation, in unserem Viertel zu erleben und die vielen Freiwilligen, Aktivist_innen und Organisierten kennen zu lernen. Zeitlich war das Praktikum vor allem durch ein paar größere Veranstaltungen strukturiert, die jeweils vorbereitet und beworben werden mussten. So waren wir zunächst damit beschäftigt Transparente zu malen, Poster aufzuhängen und auf kleineren Kundgebungen Handzettel zu verteilen. Zu den Veranstaltungen zählte der offizielle Kindertag am 23. April, das Internationale Arbeiterfilmfestival, der 1. Mai, ein Soli-Picknick, eine Vollversammlung in Ankara und die vierwöchige Sommerschule für Kinder während der Schulferien. Alle diese Veranstaltungen wurden von dem ehrenamtlich Engagement der Halkevleri getragen.

Neue Definition von Arbeit

Neben den größeren Veranstaltungen und Ereignissen war die tägliche Arbeit im Viertel wichtig für unser Praktikum. Es fiel uns anfangs schwer, einfach „nur“ Tee zu trinken, sich mit Bewohner_innen des Viertels zu unterhalten, und dies als „Arbeit“ zu verstehen. Dazu gehörte auch, sich daran zu gewöhnen, weder feste Arbeitszeiten, noch feste Tagesabläufe zu haben.

Beispielsweise gab es keine Öffnungszeiten. Etwa am frühen Mittag wurde das Halkevi geöffnet und blieb es oft bis in den späten Abend. Dann war immer jemand dort und ansprechbar. Gleichzeitig waren die Leute aus der Organisation viel im Viertel unterwegs, um sich mit Leuten zu treffen und zu unterhalten.

Wir sind ja zum Lernen ins Praktikum gegangen und hatten keine klaren Vorstellungen was uns erwartet. Wir wollten erfahren, wie die Leute in Istanbul sich organisieren, und wie die Arbeit in den verschiedenen Vierteln aussieht. Genauso wenig wie wir, hatten die Leute vor Ort konkrete Ideen was passieren würde. Wir haben das als sehr positiv empfunden. Also haben wir erst einmal die Organisation, den Alltag, die Menschen und ihre Aktivitäten kennen gelernt. Dass die Strukturen, Arbeitsabläufe und Hierarchien in der Organisation für uns ganz neu und anders waren, hing auch damit zusammen, dass sich alle freiwillig engagieren. Da es keine „Profis“ gibt und alle mit unterschiedlichen Hintergründen ins Halkevi kommen, wird viel im Miteinander geschaffen.

Im Nachhinein haben wir die vielen Vorteile dieser lockeren Strukturen gesehen und es ist schwer sich wieder an das Durchorganisierte hier zu gewöhnen, das nur einen Selbstzweck zu erfüllen scheint und ungeplante Entwicklungen, die doch so spannend und produktiv sein können, verhindert.

Fazit

Die Erfahrungen mit einer nicht-staatlichen Organisation, die auf freiwilligem Engagement der Beteiligten beruht und deren Arbeit hauptsächlich im Bereich des Community Organizing und der Bildungsarbeit liegen, haben auch unsere kritischen Fragen bezüglich der Sozialen Arbeit in Deutschland erweitert.

 Die Erlebnisse und Erfahrungen haben uns außerdem ein ums andere Mal gezeigt, dass es unendlich viele Betrachtungsweisen gibt - keine absoluten Wahrheiten, sondern oft ein Geflecht von Geschichten, die zu einer möglichen Betrachtungsweise gehören.