KriDiCo Wie kann Diversity mit den Community Studies machtkritisch und intersektional verschränkt werden?

Ein Interview zum neuen Masterstudiengang „Soziale Arbeit – Kritische Diversity und Community Studies“ (KriDiCo)

Vergrößern: Menschen laufen eine Straße entlang, eine gelbe Laterne und ein weißer Himmel mit roten und gelben Häuserfronten im Hintegrund. Diese Grafik wurde extra für den neuen Masterstudiengang Soziale Arbeit - Kritische Diversity und Community Studies entwickelt
© Jolan Attia Cantzen

Zum Sommersemester 2021 nimmt der neue Masterstudiengang „Soziale Arbeit – Kritische Diversity und Community Studies“, kurz KriDiCo, die ersten 40 Studierenden auf. Zu Fragen rund um den Master äußern sich Mitglieder der Arbeitsgruppe, die den Studiengang auf den Weg gebracht und entwickelt hat. Urte Böhm und Jana Jelitzki im Gespräch mit Oliver Fehren, Sandra Smykalla und Iman Attia.

 

Wie entstand an der ASH Berlin die Idee für den Studiengang? Was verbirgt sich hinter dem Titel?

Die Geschichte der ASH Berlin, ihr Leitbild und auch ein großer Teil des Kollegiums sowie der Studierendenschaft fühlen sich einem Verständnis von Sozialer Arbeit verpflichtet, das über einzelfallbezogene Hilfen hinaus auf die Transformation der Gesellschaft in Richtung sozialer Gerechtigkeit zielt. Insofern war es naheliegend, den neuen konsekutiven Masterstudiengang Soziale Arbeit mit dieser Ausrichtung zu profilieren. Der Studiengang verschränkt dabei zwei Zugänge, die besonders geeignet sind, Soziale Arbeit als Arbeit an den Verhältnissen zu konzipieren. In Deutschland werden die beiden Ansätze bisher i. d. R. getrennt gedacht und angeboten. Es handelt sich dabei um die kritischen Diversity Studies und die Community Studies. Die kritischen Diversity Studies nehmen die Differenz im Zusammenhang mit race, class, gender, age, ability und den anderen Differenzverhältnissen als Effekte gesellschaftlicher Machtverhältnisse in ihrer Verwobenheit in den Blick. Die Community Studies, die in deutschsprachigen Fachdiskursen eher unter Gemeinwesenarbeit, Sozialraumorientierung und Stadtteilentwicklung bekannt sind, begreifen soziale Räume als Orte sozialen Wandels. Der neue Studiengang versteht Communities of Place, of Interest und of Identity als komplexe und von verschiedenen Machtverhältnissen gleichzeitig und oft auch widersprüchlich verwobene. Damit soll sowohl die Interdependenz von Subjektpositionen und Problemlagen als auch das Netz an Allianzen und die Breite an Handlungsoptionen analysiert und für gesellschaftliche, organisationale und soziale Change-Prozesse konzipiert und genutzt werden können. Indem wir die Diversity mit den Community Studies machtkritisch und intersektional verschränken, nehmen wir die gemeinsame Grundlage beider Zugänge, nämlich die Gesellschaftlichkeit von Problemlagen und von Lösungsansätzen, als Ausgangspunkt und führen die jeweiligen Stärken zusammen. Diese sind: die Analyse und die Theoretisierung intersektionaler Machtverhältnisse einerseits und die Handlungsorientierung und über den Einzelfall hinausreichende Methodenkompetenz andererseits.

 

Welchen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit kann die Verknüpfung von kritischen Diversity und Community Studies leisten? In welche Richtung soll hier Soziale Arbeit entwickelt werden?

Soziale Arbeit hat den Auftrag, Barrieren abzubauen, Diversität anzuerkennen und zu mehr sozialer Gerechtigkeit beizutragen. Sie fängt damit nicht nur Menschen auf und unterstützt sie, wenn ihnen Ressourcen verwehrt werden oder/und sie an vielfältigen Barrieren scheitern, sondern sie mischt sich auch aktiv in gesellschaftliche Transformationsprozesse ein, um ungleichheiterzeugende Strukturen abzuschaffen. Um ihrem Auftrag gerecht werden zu können, bietet sie ihr spezifisches Professionswissen an, kooperiert mit anderen Professionen, Netzwerken und Selbstorganisationen und greift dabei auf eigenes Fachwissen, aber auch das anderer Disziplinen und außerakademische Wissensbestände zurück. Die kritischen Diversity Studies sind disziplinübergreifend angelegt und haben gesellschaftliche Machtverhältnisse zentral im Blick. Sie analysieren und theoretisieren Ein- und Ausschlüsse auf struktureller und institutioneller, diskursiver und kultureller, sozialer und interpersonaler Ebene und tun dies im Hinblick auf die vielen verschiedenen gesellschaftlichen Machtverhältnisse in ihrem Zusammenwirken. Die Community Studies wiederum sind stärker handlungsorientiert und praxisbezogen und fokussieren auf einzelfallübergreifende Methoden und Prozesse. Diese sind auch für die kritischen Diversity Studies relevant, da auch für sie das Hinterfragen gesellschaftlicher Kategorisierungsprozesse und ein Umgang damit zentral sind. Insofern eröffnet die Schnittstelle und gegenseitige Durchdringung der beiden Studienrichtungen für eine an Social Change orientierte Soziale Arbeit fruchtbare Potenziale.

Wer wird mit dem Studienangebot der Sozialen Arbeit noch angesprochen? Warum ist der Studiengang auch für andere Disziplinen relevant?

Die kritischen Diversity Studies beziehen ihre Erkenntnisse aus inter- und transdisziplinären empirischen und theoretischen Arbeiten, inzwischen gibt es Fachgesellschaften, analog zu den disziplinär organisierten, die quer zu den Disziplinen als FG Geschlechterforschung, FG dekolonial oder Disability Studies fungieren. Auch in den Communities und in der beruflichen Community-Arbeit sind Menschen unterschiedlicher Ausbildungen und Studiengänge tätig. Das Verhältnis von Raum und Diskurs (etwa in der Geografie), von Struktur, Kultur und Subjekt (etwa in den Kultur- und Geisteswissenschaften) oder von Lebenslagen, Systemen und Netzwerken (etwa in den Sozial- und Politikwissenschaften) wird auch in anderen Disziplinen bereits seit geraumer Zeit intensiv erforscht und theoretisiert. Da liegt es nahe, auch in einem Masterstudiengang Soziale Arbeit auf die Diversität der disziplinären Zugänge, seien sie methodischer oder theoretischer Art, und auf berufliche Kompetenzen in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit zurückzugreifen und für Bildungsprozesse auf deren Synergieeffekte zu setzen. Indem wir den Masterstudiengang handlungsorientiert anbieten, tragen wir der Notwendigkeit einer kompetent vernetzten und multiprofessionellen, integrierten Zusammenarbeit Rechnung. Wir greifen also im Studium sowohl auf die Qualifikationen und Erfahrungen verschiedener Berufsgruppen als auch auf die wissenschaftliche Arbeit verschiedener Disziplinen zurück und führen sie zusammen zu einer praxisorientierten Qualifikation.

Wann ist der Studiengang der richtige für mich? Welche Erfahrungen, Kompetenzen und Vorkenntnisse setzt er voraus?

Um auf Masterniveau einsteigen zu können, setzt der Studiengang Vorkenntnisse und Kompetenzen in verschiedenen Bereichen voraus. Student_innen sollten natürlich am fachlichen Profil des Masters ein besonders großes Interesse haben, also daran, gesellschaftliche Problemlagen, aber auch sich selbst und andere als gesellschaftlich Gewordene wahrzunehmen und im Kontext von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen zu reflektieren. Dies beinhaltet auch die Bereitschaft und das Vermögen, sich mit Klassismus, Sexismus, Heteronormativität, Ageismus, Adultismus, Homo- und Transfeindlichkeit, den verschiedenen Rassismen, Antisemitismus, mit Ableismus usw. kritisch auseinanderzusetzen und zu deren Überwindung beitragen zu wollen. Die Abkehr von individualisierenden, pathologisierenden, kriminalisierenden, kulturalisierenden u. a. Haltungen und Strategien macht es notwendig, soziale und gesellschaftliche Verhältnisse und deren zugrundeliegende Kategorisierungsprozesse zu hinterfragen. Es heißt aber auch, bereits bestehende Communities und ihre Aktivitäten wahrzunehmen und ernst zu nehmen und im professionellen Handeln auf Netzwerke, Nachbarschaften, Interessenverbände und ihr Wissen und ihre Erfahrungen zurückzugreifen, sie zu mobilisieren, zu stärken und zu unterstützen. Schließlich gehört dazu, von Communities zu lernen, ihre Kritik an akademischem Wissen und etablierten Institutionen zu hören und auch auf andere Weise entwickeltes Wissen und Können anzuerkennen.

Neben dem fachlichen Interesse sollten Student_innen also auch Lust haben, kollaborativ und partizipativ zu arbeiten – und die Bereitschaft mitbringen, aktiv und selbstorganisiert zu lernen, wie dies gehen kann. Sie sollten sich als forschende Lernende begreifen (lernen) und sich damit selbst als Teil eines größeren Ganzen verstehen und Lebenslanges Lernen nicht nur von anderen erwarten. Gut wäre auch, wenn sie schon praktisch in Community Work involviert (gewesen) sind, die Herausforderungen und Chancen des Arbeitens in Communities bereits kennengelernthaben, den Verein oder die Organisation, in der sie arbeiten, dahingehend weiterentwickeln wollen, sodass sie professionell zu sozialem Wandel beitragen. Ideal für ein so verstandenes Lernen wäre die Entwicklung einer studentischen Community, die von der Diversität lebt und profitiert und in der sich eine Haltung entwickelt, die von der Begrenzung des eigenen Wissens und Könnens ausgehend, fragend und zuhörend auf andere zugeht und sie in ihren Kompetenzen und ihrem Wissen anerkennt: Während einige sich bereits fundierter mit Theorien, Methoden und Konzepten Sozialer Arbeit beschäftigt haben, bringen andere mehr außerakademisches Berufs- oder Erfahrungswissen und differenzierte Vorkenntnisse aus der Praxis mit, die entweder in professionellen oder auch in zivilgesellschaftlichen Arbeitsfeldern gewonnen wurden. Natürlich müssen alle von allem etwas mitbringen, schließlich handelt es sich um einen Masterstudiengang, aber die Kompetenzen sollen ergänzend ihre Wirkung entfalten und zu einem neuen Kompetenzprofil führen.


Der Master ist explizit handlungsorientiert – welche Rolle haben Praxispartner_innen und Bedarfe in der Arbeitswelt und den Communities in der Entwicklung gespielt und welche werden sie später einnehmen können?

Die ASH Berlin ist über eine Vielzahl von Hochschule-Gemeinwesen-Partnerschaften mit lokalen Akteur_innen verbunden, um das Wissen, das diese Hochschule aufnimmt, herstellt, austauscht und transferiert immer wieder zu aktualisieren und zu hinterfragen. Mit dem neuen Master bieten sich, insbesondere auch über die zweisemestrigen Werkstatt-Seminare, verlässliche und kontinuierliche „Andockstellen“ für Campus-Community-Aktivitäten, um zusammen weiterzudenken, sich zu reiben und sich wechselseitig zu qualifizieren.

Die Arbeitsgruppe zur Entwicklung des Masterstudiengangs hat im Vorfeld sowohl Träger der Sozialen Arbeit als auch Selbsthilfeorganisationen und Fördereinrichtungen danach gefragt, ob sie einen Bedarf an einem derartigen Studiengang sehen. Die Resonanz war überwältigend und es erreichten uns viele unterschiedliche Vorschläge, die wir aufgegriffen haben. Wir hoffen sehr und werden uns auch weiter aktiv dafür einsetzen, dass Praktiker_innen und Aktivist_innen als Lehrende, Beratende und Student_innen im Master mitwirken können und wechselseitig voneinander lernen und profitieren können. Wir gehen außerdem davon aus, dass einige der künftigen Student_innen selbst über tragfähige Kontakte zu Communities verfügen, sodass es zu einer fruchtbaren Kooperation von Hochschule und Praxis – sei es beruflich, zivilgesellschaftlich oder aktivistisch – kommt.

Was meint die Kompetenzorientierung in dem Masterstudiengang? Wie realisiert sie sich im Curriculum und in der Didaktik?

Das Curriculum im Studiengang ist kompetenzorientiert, d. h. eine leitende Frage bei der Entwicklung der Module war: „Was können die Student_innen am Ende eines Moduls und am Ende des Studiums?“. Mit dem Fokus auf „Können“ ist dabei keine reine zweckorientierte, verwertungslogische Ausrichtung auf employability gemeint, sondern vor allem wird damit konsequent eine andere Art des gemeinsamen Lernens und Lehrens anvisiert. Es geht weniger darum, bestimmte Lehrinhalte zu vermitteln, als darum, ein aktives Lernen zu ermöglichen, sprich Lernumgebungen zu schaffen, in denen selbstorganisiert gelernt werden kann und darf. Dies rückt die heterogenen Lernprozesse von Student_innen in den Mittelpunkt, verschiebt die Rolle der Lehrenden hin zu Beratenden und bezieht peer-to-peer Lernbeziehungen mit ein. Auch sind die Lehr-Lernformate so konzipiert, dass viele Prüfungsleistungen studienbegleitend abgelegt werden können.

Die Inhalte des Studiengangs spiegeln sich in der Didaktik und der Lehr-Lernkultur wider. Es wird eine diskriminierungskritische, intersektionale und inklusive Lehre im Sinne des Critical Service Learning angestrebt, die auch die eigenen Positioniertheiten in und die Relationalitäten von Machtverhältnissen kritisch reflektiert und Erfahrungsräume zu etablieren versucht, die Lernen miteinander und nicht auf Kosten anderer bedeuten. Wir werden sicherlich keine Schutzräume im engeren Sinne schaffen können und natürlich werden auch in diesem Studiengang gesellschaftliche Machtverhältnisse ihre Wirkung zeigen. Aber indem wir genau das als zentralen Inhalt des Studiums und der Sozialen Arbeit in den Blick nehmen, hoffen wir und setzen uns auch aktiv dafür ein, uns selbst von der kritischen Reflexion und dem Ringen um soziale Gerechtigkeit nicht auszunehmen.

Studentische Perspektiven in der Studiengangsentwicklung: Hoffnung, Wissensproduktion und Forschung zu transformieren

Bei der Entwicklung des Studiengangs waren Student_innen als feste Mitglieder der AG, als Teilnehmer_innen von Fokusgruppen und als Studentische Mitarbeiter_innen beteiligt. Vier beteiligte Studierende antworten auf die Frage: Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen habt ihr euch engagiert?

 

„Ich hatte die Hoffnung, dass in diesem Studiengang alternative Strukturen der Lehre platziert werden können. Insbesondere im Hinblick auf einen dekolonisierten und machtkritischen Bildungsanspruch. Hier wies die ASH Berlin für mich bislang in vielerlei Hinsicht ‚Modernisierungsdefizite‘ auf.
Ich hatte und habe die Hoffnung, dass es innerhalb der Strukturen des neuen Masterstudiengangs gelingen kann, Wissensproduktion und Forschung zu transformieren. Insbesondere die Fragen danach, wer lehrt, was wird gelehrt, wie wird gelehrt und wer soll mit diesem Studiengang adressiert werden, waren wichtige Aspekte für mich.
Wenden wir uns der Auseinandersetzung mit kritischer Diversität zu, muss bereits die Planung und Gestaltung kritisch und divers stattfinden. Hier reicht es nun nicht mehr aus, dass lediglich privilegierte Perspektiven zusammenkommen, die immer auch ein Defizit an Wissen mitbringen.“

„Ich kenne kein Verfahren, bei dem sich die gesamte Hochschulöffentlichkeit in den Prozess der Entwicklung eines neuen MA einbringen konnte. Das fand ich toll und deswegen wollte ich mitmachen.“

„Mir ging es um die studentische Perspektive. Es sollte ein Master werden, der von Studierenden mitentwickelt wird und der deshalb auch gern studiert wird. Außerdem wollte ich den Master selbst studieren.“

„Das Erfahrungswissen von Menschen, die innerhalb asymmetrischer Machtverhältnisse marginalisiert werden, sollte in der Planung des neuen Masterstudiengangs maßgeblich sein. Da die Strukturen der ASH Berlin diesen Perspektiven jedoch häufig zu wenig Beachtung schenken, war es mir wichtig, in der Planungsphase des Masterstudiengangs immer wieder auf diese Wichtigkeit hinzuweisen.“

 

Rahmenbedingungen zum Master KriDiCo

  • Vollzeitstudium, Regelstudienzeit 3 Semester, 90 ECTS
  • Akademischer Abschluss: Master of Arts (M.A.)
  • 40 Studienplätze (Aufnahme 1 x im Jahr zum Sommersemester)
  • Bewerbungszeitraum: 01.12.2020 – 15.01.2021
  • Termine zum Kennenlernen und weitere Informationen stehen online: www.ash-berlin.de/master-kridico
  • Beratungsangebote: Fachspezifische Studienberatung und Fragen zur Bewerbung bei der Studiengangskoordination: Jana Jelitzki, Allgemeine Studienberatung: Anna Kuhlage