Poetik Preisträgerin Elfriede Czurda Von Löffeln, Lyrik und anderen Lebendigkeiten

Seminar Biografisches Schreiben mit Schriftstellerin Elfriede Czurda - Drei Eindrücke von Teilnehmerinnen

Vergrößern: Frau Czurda sitzt am Tisch und unterzeichnet ein Buch
Elfriede Czurda während der Verleihung des Alice Salomon Poetik Preises im Januar 2016 © ASH Berlin

Gegenstand Welt  

Sabine Hinterberger

Am Sonntag, den 15. Oktober 2017, fand an der ASH Berlin ein zweistündiges Seminar zum Thema „Biografisches Schreiben“ mit der österreichischen Autorin Elfriede Czurda statt, die im Jahr 2016 den Alice Salomon Poetik Preis erhalten und im Rahmen der damit verbundenen Poetik-Dozentur dieses Seminar gehalten hat.

Diskussionsgrundlage stellten zum einen Czurdas Texte „Löffel“ [„Aus der Buchstaben-Ursuppe schöpft er das Alte, das Neue und alle sonstigen Testamente ... So ein Schöpflöffel ist, wie man sieht, ein richtiger Schöpfer.“], „Stille Post“ [„Setzt jemand das Instrument an die Lippen, rauscht der Wind auf, orgelt, pfeift. Singt, lispelt.“] und „Kurze biografische Bezifferung“ der Autorin dar, die den Worten und ihrer Bedeutung auf den Grund geht. Zum anderen wurden vorher eingereichte Texte der Teilnehmerinnen zum Thema diskutiert. Dabei handelte es sich um Primär- und literarische Texte, die sich auf ihre jeweils individuelle Schreibweise mit dem biografischen Schreiben auseinandersetzten.

Im Nachklang der Diskussion ist aus all diesen Texten eine neue Form des Text-Echos, bzw. des lyrischen Feedbacks, entstanden, dass die Essenz der Texte in den einzelnen „Cinquans“ [Fünfzeiler] zu einer neuen und besonderen Textgestalt miteinander verbindet.


GegenStandWelt – BioGraFie - BeZifferUng

Löffel
Suppe auslöffeln
Schöpfer der Welt
Himmel Erde Karfiol 4200
Schöpfer

Ich
bin die
die ich bin
Mute mich mir zu
Ungeschminkt

Leben
Schreiben in
mich hineinnehmen
Aus mir heraus auftauchen
Lebensmuster

Moment
wieder vorbei
stehe mir selbst
im Weg mich schützen
Vergänglichkeit

Anlass
Blaue Gegenwart
Stift weiches Papier
Leichtes Gefühl Bauch Mitte
Wörterfließen

Herbst
Bunt Schatten
Licht Pfefferminztee Herz
Die Fülle des Augenblicks
Schönheit 

Manchmal
Lyrik Tiefe
Horror Dunkelheit Prosa
Fülle Leben immer öfter
Wir

Held
Fehlt Schmiere
Funktionieren mal eben
Leerstellen sitzen Bank untergehen
Freiheit

Ein lyrisches Echo in neuer Textgestalt mit Texten von Dr. Annemarie Winckler, Hedda Lenz, Elfriede Czurda, Claudia Parton, Laura Bravo, Helen Perkunder, Sabine Hinterberger und Katharina Körting.

 

Von Löffeln, Lyrik und andere Lebendigkeiten

Katharina Körting

Die österreichische Schriftstellerin und Dozentin Elfriede Czurda, Trägerin des Alice Salomon Poetik Preises 2016, ist vollständig in schwarz gekleidet – sogar das Brillengestell ist dunkel. Vor den Seminarteilnehmerinnen sitzt eine streng wirkende, schmale Frau mit beindruckend geradem Rücken. Statt vieler Einstiegsworte lässt sie zwei eigene Prosatexte aus dem Band „Untrüglicher Ortssinn“ sprechen. „Der Löffel“ erzählt assoziierend und wortverspielt von einem Löffel und dessen „Erlebnissen“ – etwa als Schöpflöffel in der Buchstabensuppe, aus der er schöpft, zum Schöpfer wird, der jedoch als Honiglöffel auch mit Wespen sich herum ärgern muss – und wer hat ihm die Suppe eingebrockt? Natürlich die Mutter, wer sonst!

Bevor wir Zeit haben, uns vorzustellen, wie die Mutter des Löffels wohl ausgesehen, und was sie bewegt haben mag, ob sie den nicht genannten Vater des Löffels verlassen hat, weil ihr die Löffelstellung zu langweilig wurde, und ob auf den beschriebenen Löffel womöglich deshalb keine löffelnden Geschwister folgten, liest Czurda schon den zweiten, vom ersten ganz verschiedenen Text: „Stille Post von einer Shakuhachi-Flöte“. Das Instrument verdankt sein Dasein einem Musiker, der „das Geräusch des Windes aus dem Bambus [schneidet]“.

Ratlos fragen sich die Studierenden des Masterstudiengangs Biografisches und Kreatives Schreiben (BKS) der Alice Salomon Hochschule Berlin: Was haben denn ein Löffel und eine Flöte mit Biografischem Schreiben zu tun?

„Ich will den Raum weiten“, erklärt die Autorin. Biografisches Erzählen könne sich auch auf Dinge, Gebäude, Bäume beziehen – nicht nur auf Menschen. Jedes Ding, jedes Lebewesen habe (s)eine Geschichte. Ausdrücklich geht es ihr nicht um den psychologischen bzw. therapeutischen Zugang, sondern nur um literarische Aspekte. Da klingt es dann fast wie eine Falle, wenn sie nach der „Wahrheit“ hinter bzw. in biografischen und autobiografischen Texten fragt – eine Frage, die offen bleibt. 

Vernunft versus Gefühl?

Vor dem Seminar sollten die Teilnehmenden einen Text zum biografischen Schreiben verfassen, um diesen dann vorzutragen. Annemarie Winckler (BKS 11) erzählt, was biografisches Schreiben für sie bedeutet: Einerseits fühle sie sich wohl mit sich, wenn sie autobiografisch schreibe, weil sie dann eine „ureigene Kreativität“ spüre. Andererseits lese sie gerne literarische Biografien etwa von Peter Härtling, weil sie gerne in das Leben anderer eintauche.

Hedda Lenz (BKS 11) macht sich „Gedanken über das biografische Schreiben“: Sie wolle mit Hilfe kurzer Fragmente schreibend „mein Leben (…) zurückerobern“, denn: „Wir verändern unser Leben durch Erzählungen“.

Claudia Parton (BKS 12) beginnt ihren Text mit dem drastischen Bild einer Person, die „wie angestochen (…) [ist] in der Mitte ihres Bauches“. Das zum Schreiben erforderliche Loslassen gelinge nur, wenn nicht die Vernunft die Zügel führt, sondern das Gefühl. Elfriede Czurda stellt das implizierte Gefälle zwischen – unterstellt Kreativität förderndem – Gefühl(sfluss) und – unterstellt Kreativität hemmender – Vernunft in Frage, ohne den Widerspruch aufzulösen – auch diese Frage darf offenbleiben.

Laura Bravo (BKS 12) erläutert in einem Brief an die Dozentin, warum Schreiben für sie auch mit Scham behaftet ist. Sie wolle sich nicht festlegen (lassen), und das sei mit Text auf Papier, den jemand liest, der Fall, auch wenn sie keine Perfektionistin sei. „Ich will nicht, dass das bewertet wird, und dass ich darauf festgelegt werde“, sagt Parton. Und schreibt doch von ihrer Sehnsucht nach einem „Friedensvertrag“ mit dem Schreiben, die die Dozentin füttert, indem sie versichert: „Scham ist etwas vollkommen Überflüssiges, weil es keinen Menschen gibt, der keinen Fehler macht.“ Ohnehin komme immer etwas Unbewusstes in jeden Text, das die Absenderin nicht kontrollieren könne: „Alle Leute verstehen alles richtig und alles falsch.“

Was ist eigentlich „biografisches Schreiben“?

Leider erfolgt keine präzise Unterscheidung zwischen „biografischem“ und „autobiografischem Schreiben“, sondern beide werden verwendet, als wären sie synonym. In der Diskussion erweist sich die fehlende Trennschärfe als unbefriedigend.

Als genuin zugehörig zum Biografischen Schreiben fallen die Begriffe „Erfahrung, Erlebtes“, „eigene Wahrheit“, „Wahrheit des Textes“, „Wahrhaftigkeit“, „Subjektivität“, „Selbsterkenntnis“, „Psychotechniken“, „Tagebuch“ u. a. „Es geht um ein wirklich gelebtes Leben“, meint Helen Perkunder (BKS 12), und Hedda Lenz (BKS 11) ergänzt um die „Auseinandersetzung mit einem bzw. dem eigenen Leben“. Ein Löffel wäre demnach kein Gegenstand einer (Auto)Biografie – ein Text über sein Dasein nicht vorgesehen.

Katharina Körting (BKS 7) meint derweil, es sei nicht relevant, ob etwas „wahr“ oder „wirklich“ ist, weil die einzige – übrigens auch die einzig für alle Lesenden nachprüfbare – Wahrheit im Text zu finden sei, in seiner Qualität und Stimmigkeit. „Wahrheit“ wäre mithin auch mit Blick auf Biografisches Schreiben ein literarisches, kein objektives, aber auch kein subjektives Kriterium nach dem Motto „Gefühle haben immer Recht“. Diese Äußerung findet im Raum wenig Zustimmung.

„Sprache ist nichts Beliebiges“

Elfriede Czurda stellt ebenfalls die Sprache in den Mittelpunkt und plädiert dafür, die „Aufmerksamkeit zu schärfen“. Sie macht auf die vielen, oft nicht bewussten sprachimmanenten Topoi aufmerksam, die bei den Lesenden semantische Felder öffnen können, die von der Schreibenden gar nicht beabsichtigt sind – Tretminen gewissermaßen. Auch sei es wichtig, sich der „kulturellen Narrative“ bewusst zu sein, in denen jede in ihrem Land, in ihrer Region, in ihrer Sprache sich bewege. „Sprache ist nichts Beliebiges“, betont Czurda. Jedes Wort hat seine inhärenten Wegweiser, die man nicht ignorieren darf.

In einer zweiten Vorleserunde trägt Helen Perkunder ihr Gedicht „Herbst“ vor, in dem sie kunstvoll und nur scheinbar schlicht eine auch zeitlich offenbar vorangehende längere Passage der Ich-Wahrnehmung eines Grauen, Drückenden einer kürzeren bunten Passage in Du-Form – „Wie jung du warst“ – voranstellt, wobei vermutlich dieselbe lyrische Person gemeint ist.

Katharina Körting liest einen Auszug aus ihrem in Arbeit befindlichen Text „Mein kaputtes Heldentum“, der von einer Bank am See erzählt, auf deren Holz „schon viele Zigaretten ihr Dasein ausgehaucht haben“ und die ertragen muss (oder darf?), wie sie, von Fremden aufs winterliche Eis geschoben, bei milderer Witterung sinkt, während das „andere Ich“ es nicht wage, die Bank „zu retten vorm Tauen“.

Sabine Hinterbergers Gedicht „Manchmal“ zählt bewunderte Schriftstellerinnen auf, verknüpft mit Sehnsüchten nach Tiefe, Dunkelheit, oder Fülle – und wartet mit einer gereimten Pointe auf.

Elfriede Czurdas „Biografische Bezifferung“ rundet den Textreigen und das Seminar ab – und öffnet einmal mehr den Blick für die Möglichkeiten des (biografischen) Schreibens. Ihre zahlenreiche Prosa macht deutlich, wie das Leben mit Kennziffern verwaltet wird, seien es Telefonnummern, Hausnummern, ISBN-Nummern, Autokennzeichen, Zugnummern, Gradzahlen, Meterzahlen, Einwohnerzahlen…

Abschließend verweist als Gastgeber Guido Rademacher, Lehrbeauftragter für Kreatives und Biografisches Schreiben an der Hochschule, darauf, dass der Lehrplan durchaus einen Unterschied zwischen Biografischem und autobiografischem Schreiben mache: „Aus dem Leben heraus schreiben ist ein großes Thema im BKS“, auch wenn im Rahmen eines Sonntagvormittagseminars keine Zeit sei, in die Tiefe zu gehen.

Die Ratlosigkeit des Anfangs scheint am Ende nicht kleiner, könnte aber fruchtbar werden: ein gelungenes Seminar, das zum Nachdenken anregt und biografische Schreib-Gewissheiten ins Wanken bringt.

Katharina Körting arbeitet zurzeit als Pressereferentin für die Stiftung Garnisonkirche Potsdam; M. A. phil. 1992 (Philosophie, Romanistik, Soziologie) und Master Biografisches und Kreatives Schreiben 2014; schreibt Lyrik und Prosa; veröffentlichte zuletzt die Kurzgeschichte 45 Minuten, in: Konzepte Zeitschrift für Literatur, Bonn Mai 2017; demnächst erscheint ihr Roman Rotes Dreieck, Kid Verlag, Bonn 2018
Biografische Hinweise und Leseproben von Elfriede Czurda aus dem Band „Untrüglicher Ortssinn“, der 2009 im Berliner Verbrecherverlag erschien, gibt es hier: www.verbrecherverlag.de/files/Untr%C3%BCglicher%20Ortssinn_Czurda.pdf

Nachklang in Form von assoziativen Gedanken

Hedda Lenz

Mit geschlossenen Augen sitze ich hier an meinem Schreibtisch und versuche, die Satzfragmente einzufangen, die nach den zwei Stunden „Biographisches Schreiben“ mit Elfriede Czurda in mir schwingen.

Biographisches Schreiben schließt nicht nur uns Menschen ein, so die Autorin. Jeder Baum, jedes Tier, auch ein Gegenstand wie ein Möbelstück oder ein Löffel hat seine eigene Geschichte. Wir können allem und jedem auf der Welt einen Charakter verleihen – das tröstet mich und weitet meinen Blick. In dem Wort Schöpflöffel ist sogar ein Schöpfer versteckt, das begreife ich anhand der Worte von Frau Czurda.

Sie nimmt uns u.a. mit auf eine Reise nach Japan zu den Klängen der Shakuhachi-Flöte, einem länglichen Instrument aus Bambus, das im 8. Jahrhundert in China eingeführt wurde und seit dem 17. Jahrhundert als Meditationsinstrument seinen Platz in den Zenbuddhistischen Klöstern hat. Ich verstehe jetzt, da ich mir den Klang dieser Flöte anhöre, was sie mit „Klangvasen“, der „Musik der Windgeister“ oder „Musik der Windseele“ meint und reise mit den Tönen in mir noch unbekannte Gefilde meines Lebens, die ich vielleicht irgendwann in mein Selbst integrieren werde.

Die Töne dieser Flöte, die in der Luft verweilen dürfen bevor sie dem nächsten Ton begegnen, führen mich direkt zu der kühnen Behauptung von Katharina Körting: „Ist Identität mit mir selbst Fiktion?“ Ich wage zu fragen, ist Identität nicht Konstruktion? Und worin besteht der Unterschied? Wir tauchen auf aus Geschichten, bestehen aus Geschichten und gehen in Geschichten, erfinden wir uns wirklich ständig neu?

Der Begriff Scham fällt mir in dem Zusammenhang ein. „Scham als Schutz“,  sagt Laura Bravo, ich möchte meinen Text schützen vor der Bewertung anderer, mich schützen, mein Innerstes schützen und gleichzeitig, so merke ich während ich diese Worte schreibe, steckt doch etwas in mir, was sich herausschreiben möchte. Ich denke über die Intimität des Flötenspielers mit seiner Musik nach und die Einzigartigkeit seines Spiels. Es gibt nur diesen einen Ton in diesem einen Moment, nie gleicht einer dem anderen. Verhält es sich nicht im Schreiben ebenso? Ich gebe meinen Atem für ein Wort, bin tief damit verwoben – das bringt mich zu meiner Angst vor Verletzung und birgt gleichzeitig die Chance, eine Nähe zu dem / der Leser_in aufzubauen, die ihresgleichen sucht.

Wir diskutieren die Frage des Adressaten eines biographischen Textes.  Wer liest mein Wort, wenn ich biographisch schreibe, wer, wenn ich autobiographisch schreibe? Schreibe ich an mich? Erschreibe ich mir eine, meine momentane Identität? Wird mein Ich zum Du und umgekehrt?

Viele Fragen schwingen seit unserer Diskussion über das Thema biographisches Schreiben leise im Hintergrund meines Alltags mit. Wenn ich darüber beginne nachzudenken, tauchen statt Antworten neue Fragen auf wie Töne der Bambusflöte, die sich nach dem Verklingen neu erfinden und mir fällt an diese Stelle meine drängendste Frage ein: „Ist Schreiben nicht immer biographisch?“

www.hedda-lenz.de