Lernen & Lehren Pflegeausbildung unter Corona-Bedingungen

Chancen für die Zukunft

Vergrößern: Wandgemälde mit einer Pflegeperson in blauem Kittel und Maske
© Matthew Waring on Unsplash

Welche Chancen birgt die Corona-Pandemie für langfristige Innovationen in der Pflegeausbildung und wie kann die Ausbildung für eine zunehmend diverse Gruppe an Menschen attraktiver gestaltet werden? Diesen und anderen Fragen gingen die Teilnehmer_innen des digitalen Fachgesprächs „Pflegeausbildung unter Corona-Bedingungen“ nach. Die Veranstaltung, die am 17. Mai 2021 stattfand, wurde von der Evangelischen Akademie zu Berlin und dem Netzwerk Vielfalt, Arbeit, Bildung in der Pflege für Menschen mit Migrationserfahrung (VABP) organisiert.

Dass die Pflegeausbildung durchgängig gute und für die Zielgruppe passende Rahmenbedingungen bieten muss, betonte Alexander Warnke von Walk of Care: „Wir haben genügend junge Menschen, die sich ausbilden lassen. Aber in den ersten Berufsjahren verlieren wir sie.“ Warnke betonte, dass der Personalmangel die größte tägliche Belastung für beruflich Pflegende ist, die in der Pandemie noch zugenommen hat. Insofern sind Fragen von Innovation der Ausbildung und der verbesserten Arbeitsbedingungen im Berufsfeld wichtiger denn je.

Die Statements der Podiumsmitglieder verdeutlichten, dass die pandemiebedingten Herausforderungen vielfältig sind. Sie berichteten von Ängsten der Auszubildenden und Studierenden in der Corona-Krise, etwa vor Ansteckung, zunehmender Isolation, Überforderungen im Umgang mit dem digitalen Lernen und fehlenden technischen Endgeräten sowie einem unzureichenden Austausch mit der Peer-Group. Durch die Pandemie, so die einhellige Meinung, hat die Digitalisierung einen Schub bekommen, die für die Ausbildung und das Studium nachhaltig sind. Gleichzeitig hat die psychosoziale Dimension für Ausbildung und Studium, die für einen „Beziehungsberuf“ fundamental ist, sehr darunter gelitten. Der direkte Kontakt in Gruppen und persönliche vier-Augen-Gespräche kommen beim digitalen Lernen zu kurz. Lehrende, Praxisanleiter_innen und Auszubildende brauchen Orte der sozialen Begegnung, um füreinander da zu sein. Mitunter, so Nik Iqbal (Auszubildender Altenpflege), komme es sogar dazu, dass Menschen die erlernte Zweitsprache Deutsch fast verlernen. Ihnen fehlen schlicht die Gespräche.

Lösungen versprechen Prof. Dr. Heike Wiesner und Judith Schütze von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Im Rahmen eines Verbundprojektes mit dem FrauenComputerzentrumBerlin (FCZB) und in Kooperation mit den Wannseeschulen für Gesundheitsberufe und der Gesundheitsakademie Potsdam wird die Online-Plattform „Digitale Akademie Pflege 4.0 - DAPF 4.0“ entwickelt, die später den Pflegeschulen und Hochschulen bei der generalistischen Ausbildung zur Verfügung stehen soll. In diesem Projekt stehen die Nutzer_innen im Vordergrund und nicht die Entwickler_innen. Lerninhalte sollen online jederzeit abrufbar sein – für eine diverse Zielgruppe mit heterogenen Lernbedürfnissen ist dies sehr hilfreich. Zudem werden den Auszubildenden digitale Partizipationsräume wie z.B. „Coaching on the Job“, „Digitaler Snack“ und „Kreativworkshop“ zur Verfügung gestellt, sodass der fehlende persönliche, informelle und reflektierende Austausch kompensiert werden kann. Von Hamindokht Klein, Schulleiterin der Meco-Akademie, wurde allerdings die Befürchtung geäußert, dass die Digitalisierung zur Ausgrenzung der kleineren Ausbildungseinrichtungen mit weniger finanziellen Ressourcen beitragen könnte.

Welche zukunftsweisenden Herausforderungen und Erkenntnisse ergeben sich darüber hinaus aus der Pandemie? Alexander Warnke sieht die Forderungen von Walk of Care bestätigt: mehr politische Mitverantwortung und Partizipation der Berufsgruppe, mehr Öffentlichkeit für die Pflege, ein gesellschaftliches Umdenken in der Gesundheitsversorgung und konkretes politisches Handeln. Dafür veranstaltet die Initiative in zahlreichen Städten jeden Mittwoch Kundgebungen – in Berlin vor dem Bundesministerium für Gesundheit.

Das Fachgespräch endete mit dem Appell von Hamindokht Klein, die Auszubildenden und Studierenden noch mehr an das politischen Denken und Handeln heranzuführen und ihnen die Gelegenheit zu geben, an entsprechenden Aktionen teilzunehmen.

Die Fachtagung wurde von der Evangelischen Akademie zu Berlin und dem Netzwerk Vielfalt, Arbeit, Bildung in der Pflege für Menschen mit Migrationserfahrung (VABP) durchgeführt. Dem Netzwerk gehören u.a. die Alice Salomon Hochschule Berlin, AOK Pflege Akademie, Evangelische Hochschule Berlin, Interkulturelle BrückenbauerInnen in der Pflege (IBIP) und PflegeZukunfts-Initiative e.V. an.

 

Der Artikel entstand unter der Mitwirkung von Elimar Brandt, Katharina Graffmann-Weschke, Afife Mamioglu und Nazife Sari.