Erasmus Semester „Ich habe an Selbstvertrauen gewonnen“

Nele Eberle erzählt im Interview von ihrem Erasmus-Semester an der Newman University in England, gibt Tipps zu Birmingham und zur Organisation eines Auslandsaufenthaltes

Vergrößern: Das Gebäude des Birmingham Museums im Regen
Birmingham Museum and Art Gallery auf dem Victoria Square

Welche Erfahrungen haben Sie in Birmingham persönlich bereichert?

Eberle: Der Auslandsaufenthalt war für mich eine hervorragende Möglichkeit, mit viel Unterstützung und einem leichten Zugang für ein paar Monate im Ausland zu leben, um mich persönlich weiterzuentwickeln, meine sprachlichen Kenntnisse zu vertiefen und einen Einblick in eine andere Kultur zu gewinnen.
Rückblickend war es für mich vorteilhaft, das Auslandssemester ohne ein Backup durch weitere ASH-Studierende anzugehen. Auf mich allein gestellt zu sein, wenn auch nur für wenige Monate, war für mich hilfreich und hat mir gezeigt, dass ich gut alleine zurechtkomme und mich in gewisser Hinsicht mehr fordere, als wenn ich in meine gewohnten Strukturen eingebunden bin. Ich habe in vielerlei Hinsicht von dem Semester im Ausland profitiert und an Selbstvertrauen gewonnen.  

Welche Unterschiede konnten Sie in der Lehre und Studienstruktur feststellen? 

Eberle: Die Kooperation zwischen der Newman University und der ASH Berlin lassen zu, dass man unterschiedlichste Kurse belegt, auch wenn diese gänzlich aus dem Themengebiet der Sozialen Arbeit herausfallen. Die 10 ETCS müssen allerdings im breiten Rahmen des psychosozialen Bereichs erbracht werden.
Die Seminare habe ich, in Bezug auf ihren Inhalt und Aufbau, als sehr strukturiert und organisiert wahrgenommen. Sehr freundlich und offen sind mir auch die Dozierenden begegnet und zeigten besondere Hilfsbereitschaft bei kleineren Verständnisfragen zu den englischen Texten. Diese wurden weniger direkt besprochen als in der ASH Berlin, sondern hauptsächlich durch Präsentationen der Dozierenden in den Kurs eingebracht. Das Niveau des Kurses, in dem ich die 10 ETCS erbringen musste, habe ich als eher mittelmäßig empfunden, die eingestellten Texte wurden zum einen weniger besprochen aber auch kaum hinterfragt. Positiv betrachtet hatte ich so keine Schwierigkeiten, mit dem Niveau des Kurses schrittzuhalten.

Wie groß ist die Universität?

Eberle: Die Newman University ist klein und überschaubar und zwischen Dozierenden und Studierenden besteht ein sehr persönliches Verhältnis. An der Ausstattung der Universität in Bezug auf Räumlichkeiten, Technik und Personalmenge lässt sich feststellen, dass die Studierenden in England Studiengebühren bezahlen müssen. Allen Studierenden wird z.B. durch „writing mentors“ eine Unterstützung beim Schreibprozess angeboten. Assignements und Essays können vor der Abgabe auf Sinnhaftigkeit, Grammatik und Wortwahl überprüft und durchgesprochen werden. Generell gibt es viel mehr Raum um sich zu entfalten, was auch dadurch begründet ist, dass direkt auf dem Campus die Studierendenwohnheime angesiedelt sind. Die Prüfungsleistungen sind an der Newman University eine Mischung aus Hausarbeiten, Klausuren, Referaten und Gruppenpräsentationen. Es besteht nicht die Möglichkeit, zwischen mehreren Optionen zu wählen. Man wird jedoch im Vorhinein von den Dozierenden genau informiert, welche Prüfungsleistung erbracht werden muss und wie diese im Detail auszusehen hat.

Wie aufwändig war die Organisation des Aufenthalts? 

Eberle: Nachdem ich meinen Entschluss getroffen hatte, ein Semester im Ausland zu verbringen, informierte ich mich zuerst auf der Webseite der ASH Berlin über die Partnerhochschulen in England, Irland und Schottland. Nach einem ersten E-Mail-Kontakt mit dem International Office vereinbarte ich, direkt innerhalb der regulären Öffnungszeiten vorbeizukommen. Über das weitere Bewerbungsprocedere, den Entscheidungszeitraum bis zur Zu-/Absage und die finanziellen Zuschüsse wurde ich dort sehr ausführlich informiert. Das Team des International Office ist durchweg freundlich und hilfsbereit, kann den Kräfteaufwand, den ein Studium im Ausland mit sich bringt hervorragend einschätzen und erinnert an alle wichtigen Schritte mehrfach und mit Geduld. Die Online-Anmeldung stellte den nächsten Schritt der Bewerbung dar. In dieser hat man die Möglichkeit drei Gastländer anzugeben, wobei das International Office versucht, den Erstwunsch bei der Auswahl zu berücksichtigen. Da ich erst nach der offiziellen Frist mit dem Bewerbungsverfahren begonnen habe, gab es an der Hochschule in Dublin, die ich als Erstwunsch angegeben hatte, keinen Platz mehr. So fiel meine Wahl auf die Newman University in Birmingham.

Wie sieht das Bewerbungsverfahren aus?

Eberle: Das verlangte Motivationsschreiben hat simple Anforderungen. In diesem sollen die Beweggründe für den Auslandsaufenthalt beschrieben werden und warum die Wahl auf das entsprechende Gastland bzw. die Stadt gefallen ist. Des Weiteren beinhaltet die Bewerbung einen Lebenslauf, den aktuellen Notenspiegel, die Immatrikulationsbescheinigung, einen Nachweis über die Sprachkenntnisse der Sprache des Gastlandes, sowie eine ausgedruckte Version der Online-Anmeldung. Die Voraussetzungen für ein Erasmus-Semester und das formale Bewerbungsprocedere ist nicht mit einem besonders hohen Aufwand verbunden. Plätze gibt es reichlich, die Zugänge habe ich als niedrigschwellig empfunden und die Bewerbung gestaltete sich nach dem ersten Gang zum International Office als Selbstläufer.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich in Birmingham eingelebt haben? 

Eberle: Da ich über eine Woche später als die anderen Erasmusstudierenden eintraf, verpasste ich die „orientation week“, die jedes Semester vom International Office der Newman University für alle Erasmus-Studierenden organisiert wird. Ich empfand diesen Umstand als glückliche Fügung, weil ich dadurch gleich von Beginn an auf mich alleine gestellt war. Die Newman University stellte mir ersatzweise eine Mentorin zur Seite, mit der ich schon vor Beginn des Aufenthaltes in Kontakt stand und die sich in den ersten beiden Wochen mit großem Engagement dazu bereit erklärte, mir die Räumlichkeiten der Hochschule, die Nutzung der Bibliothek und das Umfeld der Hochschule in Bartley Green zu zeigen.

Wie war das Leben im Studierendenwohnheim?

Eberle: Für alle Studierenden besteht die Möglichkeit, einen Platz im Studierendenwohnheim zu beziehen, das sich direkt auf dem kleinen Campus befindet. Der Wohnraum besteht aus einem Einzelzimmer mit Bad und Küche, welche von 3-4 Studierenden gemeinsam genutzt werden. Durch die Unterkunft im Studierendenwohnheim spart man sich Geld für den Bus, ist zügig in den Räumen der Hochschule und hat direkten Kontakt zu anderen Studierenden. Der Kontakt zu Menschen an der Hochschule stellte sich dank meiner Wohnstruktur fast von selbst ein.

An welches Erlebnis in Birmingham erinnern Sie sich gerne? 

Eberle: Für mein erstes Wochenende in Birmingham hatte ich mir ein kleines Konzert in Kings Heath ausgeguckt. Ich hatte mir aufgeschrieben, wie lange die einzelnen Busse fahren und wie viele Haltestellen dazwischen liegen, da ich nicht genau wusste, wo ich aussteigen musste. Ich fragte den ersten Busfahrer, ob er mir an meiner Haltestelle ein Zeichen geben könne, worauf er sich ganz freundlich einließ. Während ich auf den zweiten Bus wartete, fing es plötzlich an zu schneien und bis der nächste Bus kam war ich komplett durchgefroren. Endlich im zweiten Bus, verpasste ich meine Haltestelle um Längen und hatte komplett die Orientierung verloren. Der zweite Busfahrer konnte mir ansehen, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war. Obwohl wir tatsächlich an der Endhaltestelle angekommen waren und er sich in seine wohlverdiente Pause hätte begeben können, fuhr er mich mehrere Haltestellen zurück zu meiner letzten Anschlusshaltestelle. Ich hatte zwar das Konzert verpasst, aber an diesem Abend glaubte ich, den nettesten Busfahrer der Welt getroffen zu haben.

Welche Tipps können Sie zukünftigen Outgoings, die sich für die Newman University interessieren, mit auf den Weg geben? 

Eberle: Die Newman University bietet innerhalb so genannter „societies“ ein großes Freizeitangebot mit Netball, Fußball und Volleyball sowie einem kleinen Fitnessstudio, Chorsingen, Theater und Billard. Für die meisten Kurse zahlen Studierende eine kleine Pauschale und können dann das ganze Semester daran teilnehmen. Direkt neben der Mensa gibt es die studentisch organisierte „Senses Bar“ mit einer kleinen Tanzfläche, die fast täglich geöffnet hat und die neben dem „The Cock“ auf der Jiggins Lane eine der wenigen „Ausgehmöglichkeiten“ in der nahen Umgebung darstellt. Sonst zwar kaum miteinander vergleichbar, ist diesen beiden Optionen der fehlende subkulturelle Charakter gemeinsam. Bei einem Besuch konnte ich mir jedoch einen kleinen Eindruck über die Studierenden der Newman University und den Ortsansässigen von Bartley Green verschaffen. Bewusst habe ich mich nur wenig an den Erasmus-Aktivitäten beteiligt und es vorgezogen, Menschen außerhalb dieses Kontextes kennen zu lernen, da sowohl der Altersunterschied als auch meine Interessen von der Gruppe abwichen.

Und welche Tipps haben Sie für Birmingham?

Eberle: Im Herzen von Birmingham finden sich einige interessante Museen mit wechselnden Ausstellungen, eine sehr schöne und moderne Bibliothek, das Birmingham Repertory Theatre (REP) und direkt daneben die moderne Symphony Hall. Die Ausgehmöglichkeiten im näheren Umkreis des Stadtzentrums und auf der Broad Street haben nicht mein persönliches Interesse geweckt, aber wurden von vielen der Studierenden gerne besucht. Birmingham hat deutlich mehr zu bieten als das Stadtzentrum. In den umliegenden Orten Harbourne, Northfield, Selly Oak, Kings Heath, Edgebaston, Bournville und Moseley finden sich schöne Cafés, Pubs und Shops. Allerdings ist Birmingham meiner Ansicht nach sehr schlecht vernetzt und man kommt nur umständlich von einem der schönen Orte zum nächsten. Innerhalb des Stadtzentrums gibt es viele Kanäle, die mit Booten befahren werden können oder zu Spaziergängen einladen. In der Nähe der Digbeth Street finden sich u.a. Secondhand-Läden, ein hippes Kino mit Bar und viele weitere Ausgehmöglichkeiten. Es gibt viel Schönes zu entdecken, wenn man richtig danach sucht. Aufgrund der schlechten Vernetzung habe ich mir in den letzten Wochen ein Fahrrad geliehen, war dadurch nicht mehr auf den relativ teuren Bus angewiesen und konnte mich freier bewegen. Auch wenn mir diese Idee erst viel zu spät kam, lohnt es sich auch einen Blick auf die Veranstaltungen der Birmingham University und der Aston University zu werfen um Kontakte außerhalb des Newman Kontextes zu knüpfen. Man kann in England vor allem mit Überlandbussen sehr günstig reisen und da Birmingham zentral in England liegt, hat man zu vielen umliegenden Städten keine weite Anreise. So habe ich u.a. Oxford und London besucht. Weitere beliebte Reiseziele vieler Studierenden sind Stratford, Liverpool und Manchester. Es gibt aber auch in der näheren Umgebung von Birmingham (West Midlands) viele interessante Orte, wie Dudley, Warwick, Nottingham, Coventry, Worceister und Leiceister, die sich gut für einen Tagesausflug eignen.