Lernen & Lehren „Ich achte auf meine Gefühle“

Ein Studientag in der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde

Vergrößern: Menschen sitzen um einen Tisch
Im Gespräch mit den Guides © Lara Beins

Es ist ein verregneter Novembertag, als wir in der Gedenkstätte ankommen. Im Rahmen des Seminars Exemplarische Vertiefung in Geschichte und/oder Theorie Sozialer Arbeit besuchen wir die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde in Brandenburg an der Havel. 1940 war dies eine von sechs Tötungsanstalten, welche die Nationalsozialist_innen im Rahmen der sogenannten „T4-Aktion“[1] umbauten bzw. umfunktionierten. 2012 wurde dieser Ort als Gedenkstätte eröffnet.[2]

Das Besondere an dieser Gedenkstätte ist, dass es seit 2016 inklusive Angebote von Menschen mit Lernschwierigkeiten für Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten gibt. Aktuell führen acht sogenannte Guides im Rahmen einer Projektgruppe der Lebenshilfe unter der Leitung der Gedenkstättenpädagog_innen diese Angebote durch. Für diese freiwillige Tätigkeit vor Ort haben sie eine achtmonatige Ausbildung in der Gedenkstätte absolviert. Dabei standen besonders Empowerment und eine vertiefte thematische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in Brandenburg im Vordergrund. Die Idee dahinter war zum einen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen aktiv in die Gedenkstättenarbeit mit einbezogen werden. So konnte auf der anderen Seite ein breiteres Angebot für alle Interessierten geschaffen werden. Auf Anfrage können Führungen und/oder Workshops in leichter Sprache gebucht werden. Auch wir haben uns an diesem Studientag für eine inklusive Führung mit anschließendem Themen-Workshop, in dem es vor allem um die Rolle der Sozialen Arbeit im Nationalsozialismus geht, entschieden. Zusätzlich hatten zwei Mitstudierende und ich an diesem Tag noch die Möglichkeit, mit vier der Guides tiefer ins Gespräch zu kommen.

Die vier sind seit Beginn an Teil des Projektes und können sich noch gut an die ersten Auseinandersetzungen mit dem Thema erinnern. Gerade in der Anfangszeit verfolgten sie immer wieder einzelne Schicksale bis in ihre Träume. Mittlerweile haben sie einen Umgang damit gefunden und möchten anderen Menschen von der ehemaligen Tötungsanstalt berichten, sei es vor Ort oder in deutschlandweiten Veranstaltungen. Sie fühlen sich durch das Projekt gestärkt  und betonen die enge Zusammenarbeit und den respektvollen Umgang miteinander. Das Wichtigste sei, immer auf die eigenen Gefühle zu hören und die persönlichen Grenzen zu erkennen.

Eine unserer Fragen lautete: Was sollen wir anderen Menschen von diesem Ort erzählen? „Ihr könnt immer herkommen!“ „Die meisten Menschen wissen gar nicht, was passiert ist.“, antworten Mario Sommer und Lutz Albrecht. Menschen ab der 9.Klasse sind eingeladen, das Projekt kennen zu lernen. Sie wollen zeigen, so sagen sie selbst, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen jeglicher Art ein solches Projekt gestalten und präsentieren können. Am Ende unseres Gesprächs betonen alle vier Guides: „Wir sind nicht feige, auch wir können uns für die Geschichte interessieren und diese weitergeben. Wir müssen darum kämpfen, dass sich diese nicht noch einmal wiederholt.“

Luise Harzdorf ist Studentin im Bachelor Soziale Arbeit.

 

Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde
Nicolaiplatz 28/30
14770 Brandenburg an der Havel

Öffnungszeiten Ausstellung:
Do/Fr von 13-17 Uhr und
Sa/So/feiertags von 10-17 Uhr geöffnet.

Der Gedenkort ist jederzeit zugänglich.

Führungen und Studientage sind nach Absprache
auch zu anderen Zeiten möglich.


[1]                 Die Aktion beschreibt die systematische Tötung von Menschen mit körperlichen, geistigen und/oder seelischen Beeinträchtigungen bzw. von Menschen, die im Nationalsozialismus als deviant stigmatisiert waren.    Zwischen 1940 und 1941 wurden so mehr als 70.000 Menschen ermordet.

[2]                 Sie gehört zur „Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten“.