Lernen & Lehren Die Brücke der Völker

Duygu Asik studiert Soziale Arbeit an der ASH Berlin und hat 2017 an einer Studienfahrt nach Izmir, Türkei teilgenommen. Ein Erfahrungsbericht über den Umgang mit unseren Ängsten vor Terrorgefahr, Flüchtlingen und allem Fremden.

Vergrößern: Vier Jungs lachen in die Kamera
Die Kinder im Ghetto, mit denen die Studierenden der ASH Berlin bei ihrem Besuch Bilder gemacht haben. Einige der Fotos wurden auch auf einer Ausstellung an der ASH Berlin im Winter 2016/17 gezeigt. Die Fotos wurden teilweise mit einer 3D-Einstellung in der Kamera aufgenommen.

Wir leben in einer Zeit, in der ein Umgang mit Angst für viele immer unvermeidlicher wird. So vieles passiert um uns herum. Die meisten müssen sich auf ihre eigene Art und Weise mit der Angst auseinandersetzten. Aber was tun wir nun mit unseren Ängsten? Sollten wir sie verdrängen und sind unsere Ängste gerechtfertigt und was machen wir mit ihnen, wenn sie es sind?

Um diesen Fragen eine mögliche Antwort zu geben, möchte ich eine persönliche Erfahrung teilen. Im Rahmen meines Studiums in der Sozialen Arbeit, haben wir mit dem Projektseminar im April 2016, mit einer Gruppe von 18 Personen, eine Studienfahrt in die Region Izmir (Türkei) unternommen. Das übergreifende Motto unseres Seminars lautete „Umwege, Irrwege, Auswege“ und richtete sich hauptsächlich auf die prekäre Situation der Flüchtlinge. Da die Türkei durch ihre geografische Lage unmittelbar betroffen ist, wollten wir die Reise dafür nutzen, einen Eindruck über die Situation der Flüchtlinge vor Ort, die Rolle sozialer Kulturarbeit und zivilgesellschaftlichem Engagements zu bekommen.

Die Angst vor Bombenanschlägen

Kurze Zeit vor der Reise kam es zu mehreren terroristischen Bombenanschlägen in den Städten Istanbul und Ankara, was viele meiner Kommiliton_innen verunsicherte. Sie waren selbst noch nie in der Türkei gewesen. Ein exotisches und fremdes Land zu bereisen, war schon eine Herausforderung, jetzt kam für sie auch noch die Angst vor Bombenanschlägen hinzu. Mich persönlich hatten die Anschläge auch berührt, zumal ich Freunde in Istanbul habe die auch verängstigt waren, was mich ebenfalls besorgte. Doch der Gedanke, selbst in Lebensgefahr zu sein, kam mir bis dahin noch nicht und schien mir auch ein bisschen übertrieben.

Einer unserer Ausflüge ging nach Kadifekale, eine Burg, die Alexander der Große im 4. Jh. v. Chr. bauen ließ als er entschied, an dieser Stelle die Stadt Smyrna, jetzt Izmir, zu gründen. Die Burg ist liegt inmitten der Stadt, auf einem hohen Hügel und ist von einem Ghetto umgeben. Daher ist sie kein, wie man vielleicht denken mag, „typischer touristischer Ort“, sondern wird innerhalb der Bevölkerung als gefährlich angesehen und gemieden. Sogar unserem Busfahrer war es unangenehm und er wollte so schnell wie möglich wieder raus aus dem Bezirk, nachdem er uns dorthin gebracht hatte. Wir wollten uns hier mit einem engagierten Mitarbeiter einer ehrenamtlichen Organisation mit dem Namen „die Brücke der Völker“ treffen, der uns durch das Gebiet führen würde, in dem viele Flüchtlinge leben. Die Organisation hat sich darauf spezialisiert, sich um Flüchtlinge innerhalb ihrer Wohngebiete zu kümmern.

Menschen, wie aus einer fernen Welt

Oben angekommen war der erste Eindruck zunächst schon etwas touristisch. Wir kamen durch den Eingang einer großen Burgmauer auf einen Platz mit Bäumen und Grasflächen, wo Frauen Teppiche knüpften, um sie später zu verkaufen. Als wir tiefer hineingingen, veränderte sich das Bild. Zwischen den Ruinen erblickte ich eine Gegend, die mir so fremd schien, dass ich das, was ich sah, nicht zu mir bekannten Bildern einordnen konnte. Mich überkam eine Angst und ich wurde hellwach. Schnell und mit rasendem Herzen fuhr ich mit meinem Blick hin und her und ich versuchte meine Lage einzuschätzen. Befand ich mich in Gefahr? Ich sah dunkle Männer und Frauen mit Tattoos im Gesicht und dunkler Kleidung. Ich hatte solch gekleidete Menschen noch nie zuvor gesehen. Für mich sahen sie aus wie aus einer fernen Welt. Ich schaute mich weiter um, meine Kommiliton_innen schienen gar nicht so angespannt zu sein wie ich, doch wusste ich auch, dass sie nicht wussten, dass dieser Ort so untypisch für Izmir ist, oder den mir bekannten Teil der Türkei.

Das Einzige, was mich beruhigte war die Tatsache, dass Ramazan Aksoy, ein Theaterwisssenschaftler und Aktivist aus Izmir uns sicher führte und uns zuvor versichert hatte, dass dieser Ort für uns sicher war. Ich atmete tief durch und hielt mich in der Nähe unseres Reiseführers. Wir gingen weiter und kamen zu Öfen, die links und rechts neben dem Weg standen und von den Menschen selbst gebaut waren. In den Öfen backten die Menschen Brot. Wir kauften ihnen welches ab und später setzten wir uns auf eine Wiese zu einer bunt gemischten Gruppe. Es waren Männer und Frauen unterschiedlichen Alters. Zunächst wollten sie gehen als wir näher kamen, doch unser Aktivist hielt sie auf und bat sie, ruhig sitzen zu bleiben. Er sprach ihre Sprache, Kurdisch. Ramazan Aksoy war sehr freundlich und herzlich mit ihnen, was eine Bewunderung in mir erweckte. So gesellten wir uns dazu und verteilten uns so, dass wir ein Teil des Kreises wurden. Ich begab mich direkt neben eine ältere Frau. Ich bemerkte, wie sich die Angst in mir in Neugier und in Mut verwandelte. Ich betrachtete die Menschen, die ich sah, genau, betrachtete ihre Kleidung und ihre Gesichter. Sie waren von der Sonne gebräunt und wie erwähnt hatten die Frauen Tattoos in ihren Gesichtern, meist unter dem Kinn. Etwas später erfuhren wir, dass diese Tattoos Fruchtbarkeitssymbole darstellen. Wir teilten das zuvor gekaufte Brot mit ihnen und sie nahmen es an. Da Ramazan ihre Sprache sprach, unterhielt er sich mit ihnen. Dann sagte er, dass wir ihnen ruhig Fragen stellen könnten und er sie für uns übersetzen würde. Wir erfuhren, dass sie aus Kobanê (Syrien) kamen und dass sie dankbar waren, dass die Türkei sie so schnell aufgenommen hatte. Sie erzählten uns, dass sie erst seit vier Tagen hier waren und dass sie vom Krieg flüchten mussten. Der Krieg sei furchtbar, es wäre unmöglich dort weiter zu leben. Doch wären sie am liebsten Zuhause, hier seien sie fremd und hilf- und mittellos. Würden sie heute erfahren, dass der Krieg vorbei sei, würden sie sich noch heute auf den Weg zurück machen.

Die Kinder hatten weniger Berührungsängste als wir Erwachsenen

Ich war zwar immer noch sehr schüchtern, doch Angst hatte ich keine mehr und die Anspannung meines Körpers hatte nachgelassen. Es war sogar angenehm und sehr interessant mit diesen Menschen zusammenzusitzen und zu hören, was sie zu sagen hatten. Es waren Menschen die lachten, sich Sorgen machten und neugierig auf uns waren. Dann kam noch eine Gruppe von Kindern dazu. Sie waren zum Teil schüchtern doch ihre Neugierde überwog deutlich und sie hatten weniger Berührungsängste als wir Erwachsenen. Sie sahen unsere Fotoapparate und waren sofort begeistert. Sie wollten auch Fotos machen und selbst fotografiert werden. Mein Kommilitone, der zuständig für die Fotos war, ließ sie auch. Wir machten Fotos und lachten zusammen.

Ich teile dieses Erlebnis und meine Gedanken dazu zum ersten Mal. Vielleicht zögerte ich, weil ich dachte, dass es einfach ein Erlebnis wie viele andere ist, vielleicht aber auch, weil es mir unangenehm war, Misstrauen gegenüber Menschen verspürt zu haben, denen es viel schlechter geht als mir und dessen Sicherheit deutlich mehr in Gefahr ist als meine. Oder ich habe mich geschämt, weil ich Vorurteile hatte oder ich wollte einfach nicht zu denen gehören, die Angst haben. Doch letzten Endes habe ich mich dazu entschieden, dieses Erlebnis in diesem Artikel zu Teilen und zuzugeben, dass ich manchmal auch Angst habe, genau wie meine Kommiliton_innen zuvor.

Denn bevor ich mir dessen bewusst wurde und es mir selbst vielleicht nicht zugestanden habe, hatte ich kein wirkliches Verständnis für die Ängste meiner Kommiliton_innen, für mich waren sie übertrieben. Doch nachdem ich mir meiner eigenen Ängste bewusst geworden bin, kann ich jetzt ihre Ängste viel besser nachvollziehen.

Durch Austausch mit fremden Menschen Ängste überwinden

Ich habe diesen Artikel nach der Hilfsorganisation „die Brücke der Völker“ benannt. Warum? Weil die Hilfsorganisation in ihrer Arbeit, außer der direkten Hilfe an die Flüchtlinge, eine andere sehr wichtige Funktion erfüllt hat. Indem sie uns mit den Menschen in Kontakt gebracht hat, hat sie eine Begegnung zwischen zwei Gruppen aus unterschiedlichen Orten und Lebenszusammenhängen ermöglicht und für einen Austausch gesorgt. Diese Erfahrung und die ‚Brückenfunktion‘ haben mich dazu gebracht, keine Angst mehr gegenüber Menschen zu haben, die ich zuvor gefürchtet hatte. Ähnlich hatte ich eine Brückenfunktion für meine Kommiliton_innen, die sich zuvor vor der Türkei gefürchtet hatten, weil sie nicht einschätzen konnten, was sie erwarten würde.

Ich hoffe, dass meine hier geteilten Erfahrungen eine Inspiration sind. Ich hoffe, dass wir in Situationen in denen wir selbst Angst haben, Brücken finden und den Mut haben mit Hilfe dieser in Bereiche einzudringen, die uns fremd sind. Und ich hoffe ganz besonders, dass wir selbst Brücken für Menschen werden und sie in Bereiche führen die wir selbst schon kennen, die für sie jedoch noch fremd sind.

 

Anmerkung der Seminarleiterin Prof. Johanna Kaiser:

Ramazan Aksoy von der Initiative „Brücke der Völker“ fuhr aufgrund unserer Einladung nach Berlin und hielt einen Vortrag in der ASH Berlin, im Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. und in der Rosa Luxemburg Stiftung im Rahmen unserer multimedialen Veranstaltungen. Als er zurück nach Izmir fahren wollte, erfuhr er von Hausdurchsuchung und polizeilicher Fahndung bei sich zu Hause. Er muss seitdem in Deutschland bleiben und einen Asylantrag stellen.

 

Fotoausstellung Aus- Um- Irr- WEGE
Die Ausstellung Aus- Um- Irr- WEGE zeigt Fotos der Studienfahrt in die Türkei vom Juni 2016. Die Studierenden besuchten dort Initiativen, die sich ehrenamtlich um Geflüchtete kümmerten, gaben Theaterworkshops in einem Dorftheater in Bademler, zu dem Prof. Johanna Kaiser eine Kooperation hat,  sowie im Theater in Urla und suchten die Begegnung mit Geflüchteten in Izmir, wovon die Bilder erzählen. Daneben gibt die Ausstellung die Eindrücke der Studierenden wieder, die in Berlin Kulturprojekte mit Geflüchteten besuchten, in Kontakt mit den Betroffenen kamen und dazu Collagen erstellten. Die Ausstellung gibt die Eindrücke von Projekten mit geflüchteten Menschen aus Izmir und Berlin wieder. Die Exponate der Bilder korrespondierten mit der gleichnamigen Performance, mit der die Eindrücke und Rechercheergebnisse szenisch verarbeitet wurden und die in der ASH Berlin sowie im Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. vor insgesamt ca. 200 Zuschauer_innen gezeigt wurde.
Die Ausstellung ist noch im Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V., Hosteinischestr. 30 in Friedenau zu sehen.