Pre-Study Programm „Die ASH Berlin ist ganz anders, als alle anderen Hochschulen, die ich kenne.“

Ein Interview mit Teilnehmer_innen des Pre-Study Programms für Geflüchtete

Vergrößern: Ahmad, Afsaneh und Danii sitzen im Café Freiraum an einem Tresen und unterhalten sich
Ahamd, Afsaneh und Danii (v.l.n.r.) unterhalten sich im Café Freiraum neben der ASH Berlin © Barbara Halstenberg

alice online: Bitte stellt euch doch kurz vor.

Afsaneh: Ich komme aus dem Iran, dort habe ich Physik studiert. Seit zwei Jahren bin ich in Deutschland. Meine Cousine, die hier auch studiert, hat mir von dem Pre-Study Programm erzählt. Davor hatte ich von Sozialer Arbeit keine Ahnung, aber seit ich mich damit an der ASH Berlin beschäftige, interessiert es mich sehr. Ich finde die ASH Berlin ganz anders, als alle anderen Hochschulen die ich kenne. Ich fühle mich hier ganz besonders locker, ich fühle mich wie zu Hause. Letztes Semester habe ich an zwei Seminaren teilgenommen, Einführung in die Geschichte der Sozialen Arbeit und Propädeutik. Ich hatte zwei Präsentationen, die gut gelaufen sind. Im Deutschkurs verbessere ich meine deutsche Sprache. Zurzeit ist es ein bisschen anstrengend, ich mache gerade an drei Tagen der Woche mein Vorpraktikum bei einem Familien- und Bildungszentrum, an zwei Tagen bin ich an der ASH Berlin und am Wochenende arbeite ich zwei Tage, um Geld zu verdienen.

Ahmad: Ich komme aus Syrien, bin 29 Jahre alt und habe in Syrien Geschichte studiert und eine Ausbildung als Chemielaborant gemacht. In Berlin wohne ich seit zweieinhalb Jahren. Ich arbeite schon im Sozialen Bereich, bei der Diakonie mit Flüchtlingen. Durch meine eigene Flüchtlingsbiografie mag ich die Idee, mit Flüchtlingen zu arbeiten und Leuten zu helfen, die Hilfe brauchen. Nebenbei mache ich das Pre-Study Programm. Momentan belege ich drei Kurse an der ASH Berlin.

Danii: Ich bin Mentorin im Pilotprojekt des Pre-Study Programms und begleite vier der Teilnehmer_innen, unter anderem Ahmad. Ich komme gebürtig aus England, bin in Belgien groß geworden und habe in Holland meinen Bachelor gemacht. Für den Master International Conflict Management bin ich nach Berlin gekommen und schreibe gerade meine Master-Thesis. Das Pre-Study Projekt begleite ich schon von Anfang an und finde es super interessant.

alice online: Wie sieht das Pre-Study Programm aus?

Danii: Die Teilnehmer_innen nehmen an einem Deutschkurs teil, der sie auf das C1-Level bringt, das man zum Studieren braucht. Des Weiteren können sie bestimmte Kurse belegen, die später für das Studium angerechnet werden können. Und sie machen während der Zeit ihr Vorpraktikum, was auch Voraussetzung für eine erfolgreiche Studienbewerbung ist.

„Wir helfen dabei, sich bei den Kursen einzuschreiben oder mit Moodle zurechtzukommen aber auch bei der Praktikumsstellen- oder Wohnungssusche."

alice online: Was für Aufgaben haben die Mentor_innen?

Danii: Wir helfen den Teilnehmer_innen dabei, sich bei den Kursen einzuschreiben, die Professor_innen anzuschreiben oder mit Moodle zurechtzukommen. Wir helfen auch bei der Praktikumsstellensuche oder wenn es bei der Wohnungssuche Probleme gibt. Am Anfang des Semesters haben die Leute ja überhaupt keine Ahnung, wie das Studium funktioniert, so wie das bei mir auch zu Beginn meines Studiums war. Das Schöne ist, dass ich aus meiner Sicht erzählen kann, wie es ist, wenn man hier studiert: Wo muss ich hingehen, bei welchen Ämtern muss ich mich melden. Jetzt, am Ende des Semesters, konzentrieren wir uns vermehrt auf die Beratung für das nächste Semester, wenn das neue Vorstudium anfängt. Viele Leute haben von dem Programm gehört, kommen her, wollen wissen, ob das Programm für sie geeignet ist, ob Soziale Arbeit funktioniert, wie viele Stunden sie investieren müssen etc.

alice online: Gleichzeitig mit dem Pre-Study Programm hat das Refugee Office eröffnet. Was wird dort angeboten?

Danii: Neben den vier Mentor_innen gibt es noch vier Berater_innen im Refugee Office im Café Freiraum, die Geflüchtete von außerhalb beraten. Das Refugee Office ist dreimal die Woche geöffnet, dienstags, mittwochs und donnerstags, jeweils für fünf Stunden. Wir bieten Bildungsberatung, Sprachberatung, Wohnungsberatung sowie Rechtsberatung und Jobsuche. Eigentlich helfen wir bei allem. Es kommt zum Beispiel oft ein Mann zu den Öffnungszeiten her, um Deutsch zu lernen. Er unterhält sich dann mit einem von uns oder wer auch immer gerade im Office sitzt. Es kommen auch Leute, die sich hier einfach unterhalten wollen oder sich im Café wohlfühlen. Wir begleiten auch Leute mal kurz um die Ecke zum Amt. Die Beratung wird sehr gut angenommen!

alice online: Afsaneh und Ahmad, wie kommt ihr während der Seminare mit der Sprache zurecht?

Ahmad: Am Anfang war es total schwierig sich an die akademischen Vokabeln zu gewöhnen, die ich nicht kannte. Die ersten zwei Seminare dachte ich, was mache ich? Meine Freunde, die auch Soziale Arbeit studiert haben, unterstützten mich und waren sich sicher, dass ich die akademischen Vokabeln mit der Zeit lernen werde. Ich wollte die Seminare mit meinem Handy aufnehmen und sie mir dann zu Hause noch einmal anhören, aber ein Dozent wollte das nicht, da wir über Politik reden und er wollte nicht, dass seine politische Meinung aufgenommen wird. Aber er war nett und sagte, dass ich jederzeit mit Fragen zu ihm kommen könnte. Also habe ich gesagt, dann geht´s los mit Fragen, nach dem Seminar werde ich tausend Fragen stellen! Der Dozent hat mir immer geholfen und auch die anderen Studierenden, die mit mir im Seminar waren. Bei einem anderen Seminar durfte ich alles aufnehmen und dann habe ich es zu Hause wieder angehört, übersetzt und aufgeschrieben. Das hat gut geholfen.

Afsaneh: Für mich war es am Anfang auch sehr schwierig. Aber wir haben in den Seminaren viel in Gruppen gearbeitet und die Kommiliton_innen haben mich sehr unterstützt. Mal sehen, was passiert, wenn ich mit C1 fertig bin und wenn wir allein arbeiten müssen und Klausuren schreiben. Das letzte Seminar war schon nicht mehr so schwierig.

Danii: Ich glaube, es gab auch unterschiedliche Levels bei den Sprachkenntnissen der Teilnehmer_innen. Einige hatten zum Beispiel Schwierigkeiten mit der Schreibschrift an der Tafel. Sie konnten sie nicht lesen. Das können wir beim nächsten Durchlauf leicht ändern. Es kam die Frage auf, ob die Pre-Studys lieber zusammen in Gruppen arbeiten oder sich auf die anderen Studierenden aufteilen sollten. Aufteilen ist, glaube ich, besser, dann lernen sie schneller die Sprache.

„Ich kann das Pre-Study Programm nur empfehlen – kommt her und studiert hier!"

alice online: Wie zufrieden seid ihr bisher mit dem Programm?

Ahmad: Das Programm ist eine tolle Idee, so lerne ich die Hochschule und das System vor dem Studium kennen. Das Bildungssystem ist ja in meinem Land anders. Wenn ich das reguläre Studium beginne, weiß ich, wie das mit den Referaten und Vorträgen läuft und es ist nicht alles komplett neu für mich. Ich finde es gut, dass wir vorher schon in den Seminaren Punkte sammeln, die wir im regulären Studium anrechnen lassen können. Ich kann das Pre-Study Programm nur empfehlen – kommt her und studiert hier!

alice online: Trefft ihr euch auch außerhalb des Programms?

Danii: Ja, dann trommeln wir abends alle zusammen und gehen in eine Bar. Es ist schön, sich auch im privaten Umfeld zu sehen und sich mit allen zu treffen. Einige haben einfach nicht so viel Zeit, sie arbeiten nebenher oder haben eine Familie. Da ist ein organisierter Abend gut, um sich zu unterhalten, wie es generell so läuft und auch über Sachen zu quatschen, die nichts mit dem Programm zu tun haben. Viele haben sich mittlerweile untereinander angefreundet.

alice online: Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Afsaneh: Ich möchte Soziale Arbeit studieren und dann in diesem Bereich arbeiten.

Ahmad: Zuerst will ich mein Studium machen und dann will ich schauen, wie es weiter läuft. Vielleicht arbeite ich oder ich könnte mir vorstellen, eine Organisation zu gründen zwischen Deutschland und Syrien im sozialen Bereich mit Flüchtlingen oder Jugendlichen. Mal gucken.

 

Webseite des Pre-Study Programms