Barrierefrei Studieren Aber du bist doch taub!?

Matthias, Sandra und Martin sind taub und drei von insgesamt sechs tauben Studierenden an der ASH Berlin. In einem Interview erzählen sie, wie sie ihr Studium erleben

Vergrößern: Drei gehörlose Studierende sind auf dem Gruppenfoto.
ASH Studierende Matthias Ranner, Sandra Tiedemann und Martin Zierold (v.l.n.r.)

alice Online: Bitte stellt euch kurz vor?

Sandra: Ja, ich studiere im 7. Semester und habe vor kurzem meine Bachelorarbeit angemeldet. Neben dem Studium arbeite ich in zwei betreuten Wohngemeinschaften, in denen taube Menschen mit geistiger Behinderung leben. In meiner Freizeit lese ich gern Bücher über Spiritualität.

Matthias: Ich komme aus Bayern und studiere im 9. Semester. Momentan schreibe ich meine Bachelorarbeit. Parallel zum Studium arbeite ich ein bisschen im Bereich Wildnis-Pädagogik und unterrichte ab und zu Gebärdensprache. Ich mag draußen in der Natur sein. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist die Auseinandersetzung mit Verbindungen zwischen tauben und hörenden Menschen. Vor allem aber: frech philosophieren.

Martin: Ich bin 30 Jahre alt und vor 8 Jahren nach Berlin umgezogen, weil Berlin einfach schön ist. Ich studiere im 3. Semester und interessiere mich insbesondere für politische Themen, die ich täglich im Internet verfolge. Zwei bis drei Mal im Monat arbeite ich als Abgeordneter der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte.

alice Online: Was bedeutet „Taub-Sein" für euch?

Matthias: Diese Frage ist typisch für Hörende, die nichts über das Leben tauber Menschen und ihre Kultur wissen. Ihre Fragen bleiben oftmals oberflächlich und erfassen das Thema nicht in seiner Tiefe. Trotzdem werde ich auf die Frage antworten: Taub-Sein bedeutet für mich einen bestimmten Lebensweg zu haben und dieser schließt Gebärdensprache immer mit ein. Es ist somit keine medizinische Sicht auf taube Menschen.

Sandra: Taub-Sein bedeutet für mich eine Welt mit ihrer Kultur und Sprache zu haben. Meine ganze Familie ist, bis auf ein Großelternpaar, taub, weshalb es für mich immer normal war zu gebärden. Es gab keine Hindernisse.

„Hörende Menschen können sich oft nicht vorstellen, dass wir auch Hobbies haben, Party machen, uns mit Freunden treffen – Spaß haben." 

alice Online: Wie seid ihr auf die Idee gekommen an der ASH Berlin zu studieren? Sind die Studienbedingungen für taube Menschen hier besonders gut?

Matthias: Ich habe mich aufgrund ihres guten Rufs für die ASH Berlin entschieden. Außerdem wusste ich schon, dass es hier auch ein paar andere taube Studierende gibt und man somit nicht in völliger Isolation studiert.

Martin: Stimmt. Ich habe mich aber auch für die ASH Berlin entschieden, weil das Lehr- und Lernkonzept der Hochschule sich den Stärken und Schwächen der Studierenden anpasst und sie so gezielt zu fördern versucht.

alice Online: Wie ist euer Verhältnis zu den hörenden Kommilitoninnen und Kommilitonen?

Sandra: Seitdem ich an der ASH Berlin studiere, muss ich sagen, dass die „richtige“ Sandra in mir verschwunden ist. Ich fühle mich oft beäugt, wenn ich gebärde und ich spüre, dass die Leute mich meiden. Bis jetzt hat noch niemand Interesse gezeigt, mich außerhalb der Uni kennenzulernen, mich gefragt, was ich so mache, wer ich bin etc. Ich glaube, hörende Menschen können sich oft einfach nicht vorstellen, dass wir tauben Studierenden ein ähnliches Leben führen wie sie; dass wir auch Hobbies haben, Party machen, uns mit Freunden treffen – Spaß haben.

Matthias: Seit einiger Zeit bekomme ich immer häufiger mit, dass es Studierende gibt, die ein bisschen gebärden können und ich wundere mich, dass sie sich nicht „outen“ und Hemmungen haben, sich mit mir zu unterhalten. Ich bedauere diese Zurückhaltung sehr.

alice Online: Was waren bisher die größten Barrieren in eurem Studium?

Matthias: Für mich ist die größte Barriere, dass keine direkte Kommunikation möglich ist. Über die Gebärdensprachdolmetscher/-innen (GSD) können wir immer nur indirekt mit den Lehrenden kommunizieren und oft passiert es auch, dass ich beispielsweise scharfe Kritik äußern will und die GSD meine Äußerungen nur in abgeschwächter Form übersetzen. 

Sandra: Für mich ist die größte Barriere, dass es nicht genug GSD gibt, die für die Uni dolmetschen. Hinzu kommt, dass es unter den GSD Berufsanfänger/-innen gibt, bei denen ich in der Übersetzung einen Qualitätsunterschied im Vergleich zu erfahrenen GSD merke. Das kann sich auch negativ auf mein Studium auswirken.

„Es wäre eine Bereicherung für alle, wenn es auch taube Dozentinnen oder Dozenten an der ASH Berlin gäbe."

alice Online: „Inklusive Hochschule“ – Was bedeutet das eigentlich für euch?

Sandra: Realistisch gesehen ist „Inklusion“ ja nie 100-prozentig umsetzbar, aber ein Schritt in die richtige Richtung wäre, dass alle Menschen an der Hochschule zumindest eine Basis an Gebärdensprachkompetenz besitzen.

Matthias: Es ist ja teilweise schon sichtbar, dass wir Menschen sehr vielfältig sind und individuelle Bedürfnisse haben, man denkt zum Beispiel an Rollstuhlrampen, Braille-Schrift etc. Aber die Bedürfnisse von Tauben werden oft vergessen: vor allen Dingen Gebärdensprache.

Martin: Stimmt, Visualisierung ist wichtig – beispielsweise Fahrstühle aus Glas, denn es wäre für uns die Hölle, wenn wir in einem Lift stecken bleiben und nichts sehen und hören können.

alice Online: Was sollte sich an der ASH Berlin verändern?

Matthias: Allgemein wäre es für die ASH Berlin bereichernd, wenn es eine Partneruni gäbe, wie die Gallaudet University in den USA. Das ist eine Universität, die sich auf taube Menschen ausgerichtet hat. Dort kann man u. a. Soziale Arbeit studieren.

Sandra: Egal, ob es taube Studierende gibt oder nicht, wäre es zudem eine Bereicherung für alle, wenn es auch taube Dozentinnen oder Dozenten an der ASH Berlin gäbe. Außerdem würde ich es begrüßen, wenn es Festangestellte GSD an der Hochschule z. B. auch im Verwaltungsbereich gäbe. So müsste man bei Organisationsfragen nicht immer den mühseligen Weg über das Studentenwerk gehen oder schriftlich kommunizieren.

alice Online: Würdet ihr interessierten Tauben empfehlen an der ASH Berlin zu studieren?

Sandra: Generell ja, aber ich würde dazu raten, mit mehreren Tauben gemeinsam zu studieren und sich nicht allein durch den Studiumsdschungel zu schlagen.

Martin: Ich kann nur noch mal betonen, dass ein verpflichtender Gebärdensprachkurs für alle an der ASH Berlin fehlt. Wenn das noch umgesetzt werden würde, könnte ich die ASH Berlin zu 100 Prozent weiterempfehlen.

 

Melanie Stampaert studiert Soziale Arbeit und ist freiberufliche Dozentin für die Gebärdensprache und Soziologie der Hörgeschädigten.