Hochschulleben Wissenschaft in gesellschaftspolitischer Verantwortung

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Barbara Schäuble über das Positionspapier von SAGE-Wissenschaftler_innen der ASH Berlin zur Corona Pandemie und ihren Folgen

Vergrößern: vier ASH Professorinnen auf der Straße, alle tragen rote T-Shirts, Atemschutzmasken, vor ihnen auf dem Boden steht ein Schild mit der Aufschrift: Leave no one behind
Barbara Schäuble (2.v.r.) mit ASH Berlin Kolleginnen Azize Kasberg, Gesine Bär, Anja Voss (v.l.n.r.) auf der Unteilbar Demo am 14.06.2020

Barbara Schäuble ist eine der 14 Professor_innen der ASH Berlin, die das Positionspapier von SAGE-Wissenschaftler_innen der ASH Berlin zur Corona-Pandemie und ihren Folgen mit veröffentlicht hat. In der aktuellen Online-Ausgabe der Zeitschrift LuXemburg hat sie ein Interview dazu gegeben, das auch auf alice online veröffentlicht werden darf.

 

Wissenschaftliche Expertise hat zur Zeit einen ungewöhnlich hohen Stellenwert in der öffentlichen Debatte – meist von Virolog*innen oder Epidemiolog*innen. Nun habt ihr euch als Hochschullerer*innen aus den Bereichen Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung – den sogenannten SAGE-Wissenschaften – zu Wort gemeldet. Wie kam es dazu?

Schäuble: Wir hatten den Eindruck, dass sich die Diskussion vor allem um virologische Fragen dreht – die ohne Zweifel zentral sind. Erkenntnisse aus SAGE-Wissenschaften und den Care-Berufen für die wir ausbilden, spielen in der Krisenbearbeitung kaum eine Rolle. Als Expert*innen für das Soziale argumentieren wir, dass beispielsweise benachteiligte Personen, sowie Kinder und Jugendliche in einer Krise mehr Ressourcen und Freiräume brauchen als gutausgestattete Personen. Und erst Recht als Wirtschaftsunternehmen. Wir wollen die Diskussion über den gesellschaftlichen Wert von Care erweitern. Dafür ist das Wissen sowohl derer entscheidend, die im Care-Bereich tätig sind, als auch derer, die als Nutzer*innen sozialer Infrastrukturen über ihren Bedarf und die konkreten Bedingungen am besten Auskunft geben können.

Was ist euch besonders wichtig?

Schäuble: Ein Bewusstsein für das elementare menschliche Aufeinander-angewiesen-Sein zu stärken – und den Respekt vor Selbstorganisationsprozessen. Aber auch die Tatsache, dass reproduktive Praxen weniger Lobby haben, als beispielsweise die Flugindustrie war für unsere Initiative maßgeblich. Wir erinnern daran, dass die soziale Daseinsvorsorge auch schon vor der Corona-Pandemie viel zu schlecht ausgestattet war. Es gibt einen grundlegenden Interessenskonflikt zwischen einer marktwirtschaftlichen Steuerung sozialer Dienstleistungen und den sozialen Teilhaberechten von Menschen. Wir erleben derzeit ein multiples Krisengeschehen. Krisenfeste Sozialsysteme müssen solide und demokratisch, nicht unterfinanziert sein.

Hat sich eine gemeinsame Stellungsnahme aufgedrängt? Oder war das ein komplexer Prozess?

Schäuble: Jenseits unseres Wunsches nach Außenwirkung, die sehr gut war, besteht für mich ein zentraler Gewinn unserer Stellungnahme in der Zusammenarbeit unter uns Autor*innen. Wir haben uns darüber verständigt, dass der Abbau von Ungleichheiten ein zentrales Motiv unserer Wissenschaften ist, und dass wir Wissenschaft als eingreifende Praxis verstehen – ähnlich wie in den Debatten um Public Sociology. Außerdem sehen wir unseren Auftrag darin, der Geringschätzung von Care-Arbeit entgegenzutreten, insbesondere mit Blick auf die absehbaren Post-Corona-Verteilungskämpfe.

Wer genau ist euer ‚Wir’?

Schäuble: Wir sind vierzehn Autor*innen und zwar Kolleg*innen in derselben Hochschule, aber in verschiedenen Studiengängen tätig: Kindheitspädagogik, Physiotherapie, Ergotherapie, Public Health und Soziale Arbeit. Manche befassen sich mit Pflege und Therapie, andere mit Wohnungslosen- und Drogenhilfe, mit Rassismus oder Gender-Forschung, der Kinder- und Jugendhilfe, mit Pädagogik, mit den Arbeitsbedingungen im Care-Bereich und mit sozialer Ungleichheit. Vor der Arbeit an dieser Stellungnahme sind wir selten zusammen gekommen, obwohl wir das eigentlich gut finden. Hochschulen sind leider keine Orte kooperativen Arbeitens. Die Vielfalt unserer Fachgebiete und unser individualisierender, sehr dichter Arbeitsalltag standen einer echten Zusammenarbeit bisher entgegen. Die schon bestehende und absehbar zunehmende Ungleichheit sowie die drohende Verschlechterung für die Berufe, mit denen wir verbunden sind, haben uns auf Initiative meiner Kolleg*innen Anja Voss, Gesine Bär und Azize Kasberg zusammengebracht.

Mit euren Fächern habt ihr einen relevanten Teil all derer im Blick, die von der Care-Krise am stärksten betroffen sind – sowohl auf Seite der Beschäftigten als auch auf Seite derer, die auf die Hilfesysteme angewiesen sind. Ist diese Krise der Sorgearbeit auch euer politischer Bezugspunkt?

Schäuble: Die Daseinsvorsoge ist in allen Bereichen, für die wir forschen und ausbilden, seit jeher und in jüngerer Zeit mehr und mehr unterausgestattet. Und sie ist nicht so organisiert, wie es dem fachlichen Entwicklungsstand entspricht. Auf diese systematische Unterausstattung haben wir alle ein Augenmerk. Wir nennen das aber nicht unbedingt Care-Krise. Dennoch sehen wir vieles ähnlich, wie bspw. Gabriele Winker und das Netzwerk Care Revolution: Die mangelnde Wertschätzung reproduktiver, nicht direkt Mehrwert schaffender, häuslicher und mehrheitlich von Frauen* geleistete Arbeit färbt auf bezahlte Care-Arbeit ab. Das bedeutet Überausbeutung, Unterausstattung, Zeitdruck, mangelnde Anerkennung und massive Selbstausbeutung. Die eigene Aufopferung wird in diesem Berufsfeld auch dadurch befeuert, dass „Care“ auf existenzielle Bedürfnisse antwortet. Die Motivation zu unterstützen beruht nicht nur auf Bezahlung, sondern auf dem Wunsch, etwas besser machen zu wollen. Das ist leicht ausbeutbar und lässt sich schlecht bestreiken. Die mit Corona laut werdenden Sozialheld*innendiskurse sind erstmal gut, aber sie sind gleichzeitig eine erneute Form des Appells, diese Überausbeutung hinzunehmen – als sei sie selbstverständlich oder eben ein Liebesdienst.

Das ist nicht neu.

Schäuble: Nein, im Gegenteil. Neu ist aber, dass sich die Knappheit, die die Beschäftigten lange durch Selbstausbeutung bis zum Limit kompensiert haben, nun mit der Corona-Krise nicht mehr kompensieren lässt. Unerwartet ist auch, dass der Sinn der eigenen Arbeit in der Öffentlichkeit jetzt zwar endlich wahrgenommen wird, dass zugleich aber lange errungene oder hoffnungsvoll initiierte fachliche Konzepte verloren zu gehen drohen, weil dafür kein Geld mehr da ist und alles unter noch mehr Druck passieren muss. Das stellt den Eigensinn und die Arbeitszufriedenheit erheblich in Frage. Die Sinnerfahrung angesichts des Gebrauchswerts der eigenen Arbeit ist im Care-Bereich besonders deutlich, ebenso – das ist sicher vergleichbar mit anderen Arbeitsfeldern – das Wissen um gute Konzepte. Wir bestehen in der Stellungsnahme daher nicht nur auf Wertschätzung sondern auch darauf, dass fachlich begründete Reformprojekte trotz des aktuellen Notbetriebs weiter zu treiben sind. Uns geht es nicht nur um ein Bewahren des Status Quo.

Jetzt werden umfassende Hilfspakete aufgelegt – nach Jahrzehnten neoliberaler Politik ein durchaus ungewohntes Engagement des Staates. Dennoch lässt sich nicht absehen, dass bestehende soziale Schieflagen dadurch ins Lot gebracht würden – eher verschärfen sie sich unter Pandemie-Bedingungen. Oder wie erlebt ihr das?

Schäuble: Ja, die Gestaltungsmacht von Politik ist sehr deutlich geworden und das macht auch Hoffnung. Zugleich sind die Kräfteverhältnisse aus den Zeiten vor Corona ja noch da. Die Verbände in unseren Bereichen mussten massiv kämpfen, um überhaupt unter den Rettungsschirm zu kommen, im Konjunkturpaket werden sie nicht mal erwähnt. Viele Beschäftigte haben angesichts der Vergütung nach „Fachleistungsstunden“ – analog der stärker diskutierten DRG im Gesundheitsbereich – bereits ihre Jobs verloren. Andere können nur Kurzarbeit leisten, obwohl sich die Bedarfslagen der Menschen zuspitzen. Viele Leute, die Unterstützung brauchen, haben sehr umfassend ihren sozialen Rückhalt verloren, beispielweise wohnungslose und inhaftierte Menschen. Wer vor Corona arm war, wird es nach Corona noch stärker sein, denn es stehen uns zusammengestrichene Kommunal- und Sozialhaushalte ins Haus. Zudem steigt die Stigmatisierung von Menschen aus Großsiedlungen und Massenunterkünften in den Diskursen um Ansteckungsrisiken. Als Hochschullehrer*innen geht es uns vergleichsweise gut. Dennoch stecken auch wir deutlich in der Mehrarbeit, beispielsweise der digitalen. Neben dem extra Zeit- und Kraftaufwand müssen wir nun auch wissenschafts- und sozialpolitische Auseinandersetzungen führen, um die eigene Überforderung nicht unsolidarisch auf Kosten der Forschung und der Ausbildung im Care-Bereich zu bearbeiten. Auch das ist ein Motiv für unsere Stellungnahme.

Ihr plädiert für ein „stärkeres Zusammenwirken von Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft sowie für die konsequente Berücksichtigung sozial-, gesundheits- und bildungswissenschaftlicher Perspektiven.“ Das klingt gut, aber wer genau ist der Adressat eurer Stellungnahme? Oder anders: Was müsste passieren, um angesichts der von euch aufgeworfenen Probleme einen Unterschied zu machen?

Schäuble: Zunächst ist es wichtig, gemeinsam mit den Nutzer*innen sozialer Dienstleistungen und den Communities die neue Sichtbarkeit und Anerkennung, die Care plötzlich gewonnen hat, zu erhalten. Von unserer Seite braucht es dafür sowohl eine fächerübergreifende Verständigung als auch eine bereichsspezifische Selbstorganisation, die es bisher kaum gibt. Wir bräuchten einen Austausch mit den Fach- und Wohlfahrtsverbänden und eine Vernetzung mit den Nutzer*innen und Care-Anbietenden, z.B. in Form von Beiräten und Räten. Einen solchen Care-Rat gibt es in Freiburg schon. Auch eine internationale Zusammenarbeit ist wichtig, denn im Kern geht es um systemische und nicht lediglich um nationale Konflikte, um eine verlässliche Daseinsvorsorge für alle. Langfristig müssen wir uns an den Hochschulen deutlich mehr mit den Beschäftigungsbedingungen in unseren Arbeitsfeldern befassen. Nur angemessen ausgestattete Arbeitsplätze ermöglichen die qualitativ hochwertigen sozialen Dienstleistungen, für die wir aus fachlichen Gründen eintreten. Ich bemühe mich z. B. um eine Vernetzung zwischen wissenschaftlichen Fachdebatten und gewerkschaftlichen Perspektiven, wie sie derzeit in der ver.di-Kampagne #wirsindunverzichtbar zum Ausdruck kommen. Auch Studierende verfolgen vermehrt Fragen des betrieblichen Organizings und gewerkschaftlicher Arbeit, wie ein Podcast von Studierenden und Alumni unserer Hochschule zeigt. Große Sorge machen uns unsolidarische Bearbeitungsmodi der Krise: Die Sozialisierung der Verluste und Privatisierung der Gewinne sowie die aktuelle rassistische Hetze. Sie machen es erforderlich, Einzelphänomene in Kontexten zu interpretieren und stärker zwischen Wissenschaft, Fachverbänden und Zivilgesellschaft zu kooperieren. Als Autor*innen wurden wir beispielsweise von #unteilbar angesprochen und haben dort sehr viele gemeinsame Zielrichtungen erkannt. Als praxisnahe Wissenschaftler*innen einer Fachhochschule müssen wir im Sinne einer eingreifenden Wissenschaft außerdem Kolleg*innen aus den elfenbeinturmigeren Unis, beispielsweise aus den Erziehungswissenschaften und der Medizin unsere Expertise nahebringen, was wir ja mit dem Papier auch versuchen. Zudem bauen wir auf die aktuell recht große Wissenschaftsorientierung, um Care-Themen Gehör in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Auch andere nutzen diese aktuelle Sensibilität, beispielsweise der Pfleger und Autor Frédéric Valin, dessen Artikel aus der taz breit geteilt wurden.

In linken Diskussionen wird viel gestritten über die Frage, ob es derzeit ein „Gelegenheitsfenster“ für soziale und ökologische Veränderungen gibt. Was müsste passieren, um zumindest in dem von euch thematisierten Feldern bestehende Spielräume zu nutzen?

Schäuble: Es müsste uns gelingen, uns wirksam mit anderen zu vernetzen, um das Aufeinander-Angewiesen-Sein in Erinnerung zu halten. Viele Menschen erfahren aktuell deutlicher ihre Verletzlichkeit! Ich denke, es kann durchaus zu einer besseren Ausstattung von  Gesundheits- und Sozialsystemen kommen, wenn das – so zynisch das klingt – im Interesse des Standorts und der (neuen) Schlüsselindustrien liegt. Ich finde es auch richtig die Aufwertung des Gesundheits- und Sozialwesens verbunden mit einer Orientierung auf „Leben statt Profite“ voranzutreiben, wie zum Beispiel die Initiative “Rettet die Medizin” tut. Daran lassen sich Ansprüche auf ein „Gutes Leben für alle” und globalen Ressourcenausgleich anschließen.

Wie lässt sich verhindern, dass es am Ende zu einer weiteren Zergliederung der Daseinsvorsorge kommt, in der womöglich bestimmte Bereich aufgewertet werden, aber andere weiterhin oder erst Recht unterhalb des Radars bleiben?

Schäuble: In meinem Bereich gibt es seit Jahrzehnten eine Zwei-Klassen-Sozialarbeit und eine Situation in der öffentliche Soziale Arbeit am unteren Ende sozialer Dienstleistungen rangiert, sehr weit hinter privaten Coachingangeboten beispielsweise. Eine Verschärfung dieser Tendenz auszubremsen erfordert von uns intensive Auseinandersetzungen. Das heißt auch immer wieder den Finger in die Wunde zu legen, wenn eine rhetorische Aufwertung mit einer gleichzeitigen Abwertung einhergeht und wenn maßgeblich über ökonomische Logiken gesteuert wird. Der britische Professor und People First Bewegungsaktivist Peter Beresford formuliert einen Anspruch auf: Owning our Welfare. Dem kann ich mich nur anschließen.

Das Gespräch führte Barbara Fried, leitende Redakteurin der Zeitschrift LuXemburg.

 

Am 14. Juni 2020 haben mehrere zehntausend Menschen bundesweit beim Aktionstag  #SoGehtSolidarisch, initiiert vom Bündnis #unteilbar ein "Band der Solidarität" geknüpft: Allein in Berlin waren über 20.000 Menschen auf den Straßen dabei und haben in der Öffentlichkeit verantwortungsvoll gezeigt: #SoGehtSolidarisch #unteilbar.
Auch Wissenschaftler_innen der ASH Berlin und die Initiatorinnen des " Positionspapiers von SAGE-Wissenschaftler_innen der ASH Berlin zur Corona-Pandemie und ihren Folgen" waren vor Ort dabei. Die Kampagne "Solidarische Kieze in Marzahn-Hellersdorf", die von Kooperationspartnern aus Marzahn-Hellersdorf gemeinsam mit der ASH Berlin initiiert wurde, gehört zu den Erstunterzeichner_innen des Aufrufs #SoGehtSolidarisch und hat sich mit einem eigenen Banner am Aktionstag beteiligt. Das Banner ist noch bis Ende des Monats an der Fassade der ASH Berlin zu sehen und wird danach bei weiteren Veranstaltungen - wie zum Beispiel dem jährlich stattfindenden Demokratiefest "Schöner Leben ohne Nazis" am 5. September 2020 auf dem Alice-Salomon-Platz - zum Einsatz kommen und " Für ein inklusives Wir – Schafft viele solidarische Kieze!" werben.