Hochschulleben Menschenrechte und Rassismus

Gedanken zu Anti-/Rassismus an der Hochschule

Vergrößern: Zwei Studierende gehen auf die Hochschule zu
© Alexander Rentsch

An der Alice Salomon Hochschule Berlin gibt es – wie an vielen anderen Hochschulen auch – weder ein Antirassismusbüro noch sind antirassistische oder rassismuskritische Ziele in den Leitlinien explizit aufgeführt oder Strategien einer rassismusreflektierenden Organisationsentwicklung wirksam. Dennoch wird die Hochschule in hohem Maße mit Engagement gegen Rassismus sowie mit Rassismus reflektierender Lehre und Forschung assoziiert. Das hängt sicherlich mit tatsächlichen Aktivitäten zusammen, die in Publikationen, Veranstaltungen und Interventionen einiger Hochschulangehöriger sichtbar werden. Diese punktuellen Bemühungen, Rassismus zu thematisieren und zu bekämpfen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die ASH Berlin weit davon entfernt ist, ein rassismusfreier Ort zu sein. Wie könnte das auch anders sein: Die Hochschule ist Teil der Gesellschaft, einer Gesellschaft, in der Rassismus auf all seinen Ebenen hervorgebracht und wirksam wird – der strukturellen, institutionellen, diskursiven, kulturellen, sozialen, kommunikativen und subjektiven Gesellschaft. Neben allgemeinen Verstrickungen ihrer Mitglieder in rassistische Diskurse und Strukturen, ist die Hochschule eine Institution, in der Wissen hervorgebracht, verbreitet und verhandelt wird. Wissensproduktionen sind in gesellschaftliche Diskurse verstrickt, aber auch in disziplinäre und professionelle Wissenskulturen, die sowohl rassistisches als auch rassismuskritisches und antirassistisches Wissen hervorbringen. Die in der Rassismusforschung diskutierten Ebenen sind in all ihren Dimensionen und Formen auch an Hochschulen bedeutsam und wirkmächtig, insbesondere dann, wenn Rassismus ausgeblendet, verharmlost oder geleugnet wird. Ich will im Folgenden exemplarisch einige utopische Situationen skizzieren, die im Hinblick auf eine rassismuskritische Hochschule diskutiert werden könnten.

Der Lebenslauf als Ressource anstatt Der Lebenslauf als Falle

Lebensläufe von Studierenden und Mitarbeiter_innen der unterschiedlichen Statusgruppen werden nicht nur – vermeintlich objektiv und zielführend – danach bemessen, welche formalen Zeugnisse und beruflichen Qualifikationen in welcher Zeit erbracht wurden. Vielmehr interessiert sich die Hochschule dafür, welche Ressourcen im jeweils konkreten Fall zur Verfügung standen und unter welchen Umständen und in welcher Weise sie genutzt wurden, wie groß also die Differenz zwischen Ausgangssituation und aktuellem Stand ist. Selbst unter neoliberalen und meritokratischen Gesichtspunkten kann auf diese Weise die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft einer Person angemessener beurteilt werden, als lediglich vom Ergebnis her zu entscheiden. Sie berücksichtigt aber insbesondere, dass andere als die üblichen formalen Daten und bezifferten Wertungen wichtige Qualifikationen sein können, insbesondere in einem beruflichen Kontext, der auf die Arbeit mit Menschen vorbereitet. Zudem kommt die Hochschule ihrem Leitbild einen Schritt näher, indem sie etwa „gesellschaftliche Verantwortung“ (Leitbild 1) übernimmt und sich für „Fairness, Akzeptanz und Wertschätzung von personeller Vielfalt“ (Leitbild 8) einsetzt, da sie historischem Unrecht und gesellschaftlichen Machtverhältnissen entgegenwirkt.

Diversität und Konfliktfähigkeit anstatt Harmonie und Identifikation

Es spielt für Arbeitsgruppen- und Stellenbesetzungen keine Rolle, ob eine Person ins Team passt oder bereits ehrenamtlich oder prekär für die Hochschule gearbeitet hat. Vielmehr ist die Hochschule bestrebt, die harten Effekte weicher Kriterien zu minimieren. Das, worüber sich Studierende und Mitarbeiter_innen außerhalb des Büros, des Seminars oder des Gremiums unterhalten und wie sie es tun, spielt keine Rolle. Eine nette Atmosphäre und das Bier nach Feierabend führen ebenso wenig zu Ausschlusskriterien wie Vorleistungen für und Verbundenheit mit der Institution. Menschen, deren Familien aufgrund der Einwanderungspolitik meist über weniger ökonomisches Kapitel verfügen als andere Menschen mit akademischen Ambitionen, können es sich häufig nicht leisten, ehrenamtlich zu arbeiten oder an einer wissenschaftlichen Karriere über Lehraufträge und Gremienarbeit zu basteln. Zudem spielen bereits bei der Vergabe entsprechender Positionen weiche Kriterien eine Rolle, die sich potenzieren, wenn ihnen nicht offensiv begegnet wird. Das soziale, symbolische und kulturelle Kapital rassialisierter Menschen eröffnet ihnen in der Regel andere als akademische Laufbahnen an Hochschulen, insbesondere dann, wenn sie nicht in entsprechenden Elternhäusern die notwendigen Verhaltensweisen erlernt und Netzwerke gesponnen haben. Potenziellen weißen Bündnispartner_innen und Netzwerken fehlen häufig die Sensibilität und Reflexionsbereitschaft für die Rassismuserfahrungen Schwarzer und Wissenschaftler_innen of Color, sodass nette, unverfängliche Gespräche nur selten möglich sind. Anstelle weicher Kriterien werden deswegen bei Stellenbesetzungen und Arbeitsgruppenzusammensetzungen rassismusreflektierende berücksichtigt und anstelle der Suche nach Reproduktion des Eigenen und harmonisierendem Konsens werden Vielfalt, Dissens und Konfliktfähigkeit zum Ausgangspunkt, um unterschiedliche Interessen konstruktiv zu regeln.

Rassismus ist (kein) genuiner Bestandteil von Forschung und Lehre

Eigene Verstrickungen in Rassismus und Rassismuserfahrung werden reflektiert, um diesbezüglich angemessen und professionell mit den künftigen Zielgruppen umgehen zu können. Rassismus wird als institutionelle Struktur, soziale Praxis und persönliche Erfahrung analysiert und findet Eingang in die Konzipierung von Lehre und Forschung. Grundlegend wird etwa berücksichtigt, dass Rassismus das Wohlbefinden von Menschen beeinträchtigt und wie sich rassialisierte Personen in unterschiedlichen Weisen damit auseinandersetzen; wie Rassismus in die Beziehungen in Familien, Peers, Teams, zwischen Professionellen und ihren Adressat_innen usw. hineinragt und dort (meist implizit) ausgehandelt wird; wie Rassismus die Entwicklung von Subjekten begleitet und ihren Zugang zu fördernden und stärkenden Ressourcen beeinflusst. Rassismus/-erfahrung geht differenziert und fundiert als Querschnittsthema in Lehre und Forschung ein und wird als grundlegende Qualifikation ernst genommen. Rassismus und Eurozentrismus in empirischen Studien, methodologischen Überlegungen und theoretischen Abhandlungen werden reflektiert und durch Methoden, Designs und Theorien ergänzt oder ersetzt, die postnazistisch, postkolonial und dekolonial perspektiviert sind. Homogenisierende, essentialisierende und dichotomisierende Konstruktionen werden kritisch reflektiert und ihnen Zugangsweisen gegenübergestellt, die die historischen, rechtlichen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Ausschlüsse und ihre Effekte in den Blick nehmen. In der Lehre sind die Lehrenden bestrebt, allen Studierenden der ASH Berlin einen Zugang zu den Themen und ihrer Bearbeitung zu bieten sowie alle künftigen Zielgruppen in Lehre und Forschung im Blick zu haben. Alle Statusgruppen bemühen sich darum, den fehlenden effektiven Rechtsschutz gegen rassistische Diskriminierung für Studierende an der Hochschule durch interne Maßnahmen aufzufangen und sich für die Einführung entsprechender Regelungen auf politischer Ebene einzusetzen.

Schluss

Handelt es sich bei den geschilderten Beispielen um Unsinn, Programm oder Utopie? Einige werden einwenden, dass sie genau das bereits tun, andere werden die Beispiele als unmöglich oder unangemessen ablehnen. Die Spannbreite gibt gut die gegenwärtige Praxis an der ASH Berlin wieder mit all den Herausforderungen, die damit einhergehen, dass die Reflexion von Rassismus den einen nicht weit genug geht, während andere meinen, damit schon viel zu häufig konfrontiert zu werden. Mit der zunehmenden gesellschaftlichen Relevanz von Rassismus werden sich die Auseinandersetzungen auch an der Hochschule intensivieren. Für alle Hochschulangehörigen besteht der Entscheidungsspielraum darin, wie sie damit umgehen wollen: Ob sie sich jeder Rassismusdebatte von Neuem spontan und unvorbereitet stellen wollen, sie immer wieder zu vermeiden oder zu beenden versuchen oder aber sich systematisch darauf vorbereiten und – wie es einer Hochschule angemessen wäre – theoretisch differenziert, empirisch fundiert und institutionell organisiert aktuellen gesellschaftlichen und professionellen Aufgaben stellen wollen.

Prof. Dr. Iman Attia
E-Mail: attia@ avoid-unrequested-mailsash-berlin.eu

 

Projekte zum Thema "Menschenrechte und Rassismus"

Erinnerungsorte. Vergessene und verwobene Geschichten ein Projekt unter Mitwirkung von Prof. Dr. Iman Attia  

Die Wanderausstellung „Rassismus und rechte Gewalt in Marzahn-Hellersdorf“ des AStA und der Antirassistischen Registerstelle der ASH Berlin.

Die Publikation „Dunkelziffer Unbekannt"der Antirassistischen Registerstelle, dem AK Rechte Gewalt und dem AStA beschäftigt sich mit Rassismus und rechter Gewalt im Bezirk Marzahn-Hellersdorf und den Entwicklungen des letzten Jahres und wurde mit Unterstützung der Alice Salomon Hochschule Berlin herausgebracht.

 

Bücher

Antimuslimischer Rassismus am rechten Rand von Prof. Dr. Iman Attia (u.a.)

Die "westliche Kultur" und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion des Orientalismus und antimuslimischen Rassismus von Prof. Dr. Iman Attia

Die Dämonisierung der Anderen. Rassismuskritik der Gegenwart von Prof. Dr. Maria do mar Castro Varela (Hg. u.a.)

Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik von Prof. Dr. Esther Lehnert u.a.