Interview "Fachhochschulen sind Vorreiter"

Im Interview spricht Rektor Prof. Dr. Uwe Bettig über Vorteile und Probleme der Berliner Qualitätsoffensive für die Lehre

Vergrößern: Portraitfoto von Prof. Dr. Uwe Bettig, dem Rektor der Alice Salomon Hochschule Berlin.
Prof. Dr. Uwe Bettig © David von Becker

alice Online: Herr Bettig, das Land Berlin stellt im Rahmen der Berliner Qualitätsoffensive für die Lehre bis 2020 insgesamt 55 Mio. Euro zur Verfügung. Wie plant die ASH Berlin, die Studienabbruchquoten zu senken, was als eines der Ziele der Berliner Qualitätsoffensive ausgegeben wurde?

Bettig: Wir werden weiter innovative Lehrformate kreieren und implementieren, wie beispielsweise studiengangsübergreifende Module und Projekte. Es ist ebenso notwendig, die Gründe für Studienabbrüche zu erfahren und zu verstehen. So können wir zielgerichtet unterstützen und den Studienerfolg ermöglichen.

alice Online: Wie will die Hochschule die Vielfalt unter den Studierenden erhöhen?

Bettig: Fachhochschulen sind Vorreiter bei der Aufnahme nicht traditionell Studierender. Dieser Bereich ist für uns wesentlich, da die ASH Berlin hier stark engagiert ist. Wir wollen unser Studienangebot für Berufstätige öffnen und durch entsprechende Online-Formate stärken. Ein Beispiel ist der derzeit in Entwicklung befindliche Modellstudiengang „Health Care Professionals“. Dieser richtet sich gezielt an Personen, die bisher aus verschiedenen Gründen kein Studium aufgenommen haben. Zudem entwickeln wir bereits Maßnahmen, um Menschen mit Fluchterfahrung ein Studium zu ermöglichen. Darin stärkt uns diese Akzentuierung der Qualitäts- und Innovationsoffensive.

„Es ist es notwendig, über das alleinige Promotionsrecht der Universitäten nachzudenken." 

alice Online: Wie beurteilen Sie die Teilzeit-Gastdozenturen, mit denen Lehrende sich für Professuren an Fachhochschulen qualifizieren können?

Bettig: Hier wird erstmals der Weg zur Fachhochschulprofessur betrachtet und Maßnahmen zur Gewinnung geeigneter Personen können so besser umgesetzt werden. Diese Teilzeit-Gastdozenturen mögen ein wichtiger Weg hierzu sein. An der Erprobung beteiligen wir uns gern. Das Modell sieht vor, dass Personen, die Interesse an einer Fachhochschul-Professur haben, neben einer beruflichen Tätigkeit mit 30-Prozent-Stellenanteil an Fachhochschulen lehren. Dies kann Interesse wecken und die Möglichkeiten einer Professur aufzeigen. Aktuell haben wir ja die paradoxe Situation, dass die Universitäten – über die Promotion – den Nachwuchs für die Fachhochschulen ausbilden. Da die Fachhochschulen ja kein Promotionsrecht haben, geht so oftmals während der Promotionsphase der Kontakt zwischen interessierten Kandidatinnen und Kanditaten und Hochschule verloren. Daher ist es notwendig, über das alleinige Promotionsrecht der Universitäten nachzudenken.

alice Online: Als Teil der Qualitäts- und Innovationsoffensive sollen Mittel für die Finanzierung von innovativen Maßnahmen wie zum Beispiel von Gründungsförderung an Hochschulen bereitgestellt werden ...

Bettig: Die Gründungsberatung und -unterstützung von Studierenden hat für die ASH Berlin stark an Bedeutung gewonnen. Unser Programm dazu im Rahmen der Karriereplanung wird hervorragend angenommen. Wir werden hier neue Formate entwickeln und unser Angebot stärken können. Das kann z. B. in Form eines Gründungsbüros oder von Unterstützungsangeboten für Gründungswillige geschehen. "Die Offensive ist mit zu wenig Geld hinterlegt."

alice Online: Weiter sollen innovative hochschulübergreifende Ziele, Aufgaben und Prozesse unterstützt werden ...

Bettig: Dies ist dringend notwendig, da es für uns schwierig ist, Projekte wie das Dialogorientierte Serviceverfahren (DoSV), das die Zulassungsprozesse der teilnehmenden Hochschulen vernetzt und die Zulassungsangebote abgleicht oder die Campuscard, ein Ausweissystem für Studierende, welches die derzeit im Umlauf befindlichen papierbasierten Ausweise durch eine multifunktionale Karte ersetzt im Alleingang umzusetzen. Beides sind aber Ziele, zu denen wir verpflichtet sind und die auch sinnvoll sind.

alice Online: Wie fördert das Programm die Chancengleichheit in der Wissenschaft?

Bettig: Zum Beispiel mit dem „Berliner Programm zur Förderung von Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre“ (BCP), das ist ein Erfolgsprojekt. Hier konnten bereits viele Ansätze verwirklicht werden, wie etwa vorgezogene Nachfolgeberufungen. Programme wie diese helfen uns sehr, uns hier gut aufzustellen.

alice Online: Wie beurteilen Sie die Qualitäts- und Innovationsoffensive insgesamt?

Bettig: Die Qualitäts- und Innovationsoffensive greift sehr gute Ansätze auf und geht in die richtige Richtung. Positiv ist auch, dass mit den Teilzeit-Gastdozenturen explizit ein Wunsch der Fachhochschulen Berücksichtigung findet. Allerdings ist die Offensive mit zu wenig Geld hinterlegt.