...und dann kam Corona Eine mediale Illusion

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Christine Blümke im Interview über die Vereinbarkeit von Home Office und drei Kindern zu Hause

Vergrößern: Christine Blümke sitzt an einem kleinen Schreibtisch mit Laptop in ihrer Wohnung vor einer weißen Wand
Christine Blümke im Home Office

Seit wann arbeiten Sie im Home Office?

Blümke: Bereits zwei Wochen, bevor die Schulen auf Grund von Corona geschlossen wurden, waren meine zwei Jungs bereits mit Grippe und Mittelohrentzündung zu Hause, so dass ich schon etwas früher in diese spezielle Phase gestartet bin.


Wie haben Sie sich darauf vorbereiten können?

Blümke: Da ich regelmäßig die Möglichkeit nutze, auch von zu Hause zu arbeiten, war es in der ersten Phase nicht so schwierig. Ich habe tolle Kolleginnen, die mich unterstützen und auch Rücksicht nehmen. Erst als dringend ein Zugang zu Dokumenten notwendig wurde, die an der Hochschule gespeichert oder papierbasiert vor Ort sind, wurde es etwas schwieriger. Als klar wurde, diese Phase ändert sich erstmal nicht, war ein Umdenken meinerseits erforderlich. Eine Situation für zwei Wochen zu planen und Grenzen des Machbaren auszuloten, ist etwas Anderes als für drei Monate.


Wie läuft die Arbeit im Home Office? Haben sich bereits Strukturen verändert etc? Welche Vor- und Nachteile können Sie schon erkennen?

Blümke: Ein klarer Vorteil ist die Zeitersparnis, da die langen Wege an die ASH und auch die Pendelei zwischen der ASH und der Döbelnerstraße entfallen. Ebenso ist die relativ flexible Zeiteinteilung ein klarer Vorteil. Da ich drei Kinder zwischen 4 und 10 Jahren zu Hause zu betreuen habe, wäre mir ohne die zeitliche Flexibilität nicht möglich gewesen, überhaupt der Arbeit weiter nachzugehen. Die Gefahr sich gerade dadurch ständig zu überfordern, ist jedoch zumindest bei mir sehr groß. Ich arbeite die ersten Stunden bevor die Kinder aufstehen, dann zwischendurch und auch noch, wenn sie bereits wieder im Bett sind. Dennoch hat das Home Office aktuell nichts mit dem Home Office von früher zu tun. Der Tagesablauf wird flankiert von vielen Meetings, die zeitlich auch auf die größere Flexibilität zurückgreifen, aber auch von permanenten Störungen und Ablenkungen durch die Kinder. Der klare Vorteil, den Home Office früher bot, in Ruhe ohne Störungen sich einem Thema zu widmen und etwas wegzuarbeiten, entfällt bei mir aktuell nahezu völlig. Das schafft natürlich Unzufriedenheit, auf vielen Ebenen.

 

"Familie zu Hause bedeutet aber nicht nur, dass das eigene Home Office an die Grenzen gerät, sondern auch mehr Tätigkeiten, die im Haushalt dazu kommen."

 

Wie klappt die Vereinbarung von Home Office und Familie?

Blümke: Mit Kindern, die sich über längeren Zeitraum entweder noch nicht selber beschäftigen können, wie mein Vierjähriger oder noch Betreuung für das Homeschooling benötigen, wie meine 10-jährige oder der 8-jährige, kann ich kaum von wirklicher Vereinbarkeit sprechen, das halte ich eher für eine mediale Illusion. Wir handhaben ein „nacheinander“ nach einem strikten Zeitplan, für den die Zeitfenster akribisch festgelegt sind und in die sich alle einfügen müssen, damit es „funktioniert“. Familie zu Hause bedeutet aber nicht nur, dass das eigene Home Office an die Grenzen gerät, sondern auch mehr Tätigkeiten, die im Haushalt dazukommen. Jetzt werden alle Mahlzeiten zu Hause eingenommen, einkaufen, Essen machen, Spülmaschine ein- und ausräumen etc. Ich wusste gar nicht, dass meine Kinder so viel essen ;-) und über die Unordnung, die dabei zusätzlich entsteht, denke ich am besten gar nicht nach.


Was würden Sie sich für Eltern während der Corona-Krise wünschen?

Blümke: Zum Glück hat das Wetter mitgespielt, ich wünsche mir also weiterhin gutes Wetter, damit die Kids zwischendurch und ich natürlich auch, mal raus können. Ein Essenslieferservice wäre toll, der würde wirklich entlasten ;-) Ich habe einen Teil des Sonderurlaubs genutzt, um diese Zeiten zu entzerren, dafür bin ich sehr dankbar, diese Möglichkeit gab es nicht überall. Auch ist die Vertrauensarbeitszeit natürlich ein gut gemeintes Angebot. Die Arbeit macht nur leider niemand anders, da natürlich aktuell besonders viel ansteht, so dass selbst in diesen Zeiten eher Überstunden anfallen.


Gibt es auch positive Effekte?

Blümke: Ich begrüße die grundsätzliche Offenheit für Digitalisierung, die sich durch diese Krise eingestellt hat und das Hinterfragen, ob alle zukünftigen Treffen und Sitzungen immer in Präsenz an der Hochschule stattfinden müssen. Durch die Möglichkeiten des Home Office lässt sich doch eine Menge Lebenszeit sinnvoller als in überfüllten Verkehrsmitteln oder auf der Straße verbringen. Dass es an der ASH jetzt die Möglichkeit eines VPN-Zugangs gibt, schätze ich als einen Vorteil, nur leider stellt sich dieses auf meinem Rechner in der aktuellen Version so klein dar, dass ich diesen kaum nutzen kann. Sonst habe ich den Eindruck, dass an der ASH allgemein zügiger auf E-Mails geantwortet wird, was mir meine Arbeit sehr erleichtert. Aber ich merke auch, wie wichtig mir der Austausch mit meinen Kolleginnen ist, der so „zwischen den Zeilen, zwischen Tür und Angel“ stattfindet, den vermisse ich sehr.


Was war ein besonders schönes Erlebnis während dieser besonderen Zeit?

Blümke: Das hat jetzt nichts mit der Arbeit zu tun, aber meine zwei Jungs haben sich in dieser Zeit richtig kennen und lieben gelernt, die beiden sind so richtig zusammengewachsen. Der Kleinere spielt geduldig alleine bis der „Große“ mit seinen Schulaufgaben fertig ist und dann geht es raus zum gemeinsamen Spielen, mit allem was ihnen so über den Weg läuft. Die beiden brauchen keine Spielsachen mehr und abends landen beide glücklich und müde zusammen in einem Bettchen. Das ist schön zu sehen. Oder wie erfinderisch meine Tochter und ihr Freudinnen waren. Eine Zeitlang gab es in der Klasse einen Zoom-Stundenplan für gemeinsame Aktivtäten, die nichts mit Schule zu tun hatten. Stadt-Land-Fluss spielen, zusammen etwas basteln oder backen oder über die Verschmutzung der Ozeane oder ein gelesenes Buch diskutieren.


Was nehmen Sie bisher aus dieser besonderen Zeit mit?

Blümke: Ich habe jedenfalls in dieser Zeit gelernt, dass weder ich, noch wir als Familie immer und überall dabei sein müssen. Entschleunigung, so ein zeitgeistträchtiges Wort, hat für mich nochmal an Bedeutung gewonnen. Öfter nein sagen und mal ein ganzes Wochenende nur zu Hause bleiben – ohne dabei im Home Office zu arbeiten ;-) klingt für mich jetzt großartig.

 

Christine Blümke ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Health Care Professionals, in dem der neue Bachelorstudiengang Interprofessionelle Gesundheitsversorgung - online entwickelt wurde.