Forschung Why music? Because it is so important to the life of the kids!

Eindrücke von einer Feldforschung zu Community Music in den USA

Vergrößern: Zwei Personen räumen auf einem Parkplatz ihre Einkäufe in ihr Auto. Dahinter ist an der Hausfassade riesig groß das Portrait einer Geigerin gemalt.
Mural in SW-Detroit: „Victoria Violeta“ – Violeta Parra, Begründerin des „ Nueva canción“ in Chile – ein Community Arts Projekt von Dasic Fernandez, realisiert im Rahmen des US Social Forum 2010 Detroit © Martin Düspohl

San Francisco am 18. März 2016. ­­Abgelegen auf einem Hügel am Rand der Stadt liegt das Juvenile Justice Center, die Jugendstrafanstalt. Dreimal die Woche bieten Sozialarbeiter/-innen und Musiker/-innen des Sunset Youth Service[1] hier inhaftierten Jugendlichen die Möglichkeit, ihre eigene Musik zu produzieren. Einzige Einschränkungen bei den Lyrics: keine Aufforderung zu Waffengewalt, keine Beleidigung rivalisierender Gangs[2].

Treffpunkt: ein ehemaliger Gemeinschaftsraum in einer geschlossenen Abteilung. Darin eine Aufnahmekabine, ein Computer und ein tragbares „sound booth“. Zwei Wärter begleiten das zweiköpfige Team und mich hinein. Pünktlich erscheinen fünf männliche Jugendliche in Anstaltskleidung, dazu gehören Filzpantoffeln. Herzliche Begrüßung mit Umarmungen, kurzer small talk und sofort beginnt die Aufnahmearbeit. Ihre Lyrics haben die Jugendlichen bereits vorbereitet, handschriftlich in einem Notizbuch. Elektronische Medien dürfen sie nicht nutzen. Stolz zeigen mir die Jugendlichen ihre Texte: Ein Appell an alle „da draußen“, mehr Verständnis für sie, ihre Familien und ihre schwierigen Lebensumstände zu zeigen.

Vicky bedient den PC. Sie ist eine ehemalige jugendliche Besucherin des Sunset Youth Centers, mittlerweile junge Mutter und Mitarbeiterin im Team. Zwei Jugendliche sprechen und singen mit unendlicher Geduld wiederholt ihre Lyrics ein, bis Rhythmus und Musik überzeugen. Ron Stueckle, Sozialarbeiter und Musiker, unterhält sich während der Musiksession „nebenbei“ mit den Jugendlichen auch über ihre Situation in Haft. Einer von ihnen wartet schon zu lange auf einen fälligen Gerichtstermin, Ron wird sich umgehend darum kümmern. Seine Haltung ist: „We want the kids to make music they’re proud of. But our goal is bigger than music. Music is the vehicle by which we can gain entry into their lives and begin to earn trust, and earn the right to journey with them over the long haul“[3].

Ein Jugendlicher bastelt zusammen mit Ron an einem Beat. Nach einer Weile verliert er die Geduld und klimpert stattdessen auf den Keyboardtasten herum. Spontan übe ich mit ihm mit der rechten Hand eine Melodie, die er immer schon spielen lernen wollte, den Anfang von Beethovens populärem „Für Elise“. Unglaublich, ich bin so weit weg von Berlin, und dieser junge Mann wünscht sich die gleiche Melodie wie so viele Jugendliche in Berlin – ungeachtet ihrer jeweils favorisierten jugendkulturellen Musikstile – es auch tun, so meine Erfahrung aus langjähriger Praxis.

Ich war beeindruckt von der Offenheit und dem Vertrauen, das mir Jugendliche und Erwachsene während meiner Feldstudien zu Community Music[4] in San Francisco, Detroit und New York entgegenbrachten. Sie musizierten in offenen Jugendtreffs, Community Centers, Schulen, bei Veranstaltungen oder auf der Straße und in Parks – HipHop, Latin, Soul und Musical-Songs ... Das Spektrum an Expertinnen und Experten, die sich in diesem Bereich engagieren reicht von (Semi-)Profimusikerinnen und -musikern, Jugend- und Sozialarbeiterinnen/Sozialarbeitern bis hin zu Dozentinnen und Dozenten der Universitäten.

So wird an der University of San Francisco „Music and Social Justice“ gelehrt oder an der Eugen Lang School in New York „HipHop-Education“. Professor Dr. Larry Gant von der University of Michigan hat als erster in den USA eine Konferenz zur Frage einer besseren Verbindung von den Künsten/der Musik und Sozialer Arbeit einberufen[5]. Für ihn ist Soziale Kulturarbeit, wie sie an der ASH Berlin entwickelt und etabliert ist, ein inspirierendes Modell.

Im September 2016 bin ich als Gastdozentin[6] an die Universität Michigan eingeladen und werde außerdem das Projekt „BeTroit“[7], ein transnationales Jugendbegegnungsprojekt zwischen Detroit und Berlin forschend begleiten. Im April 2017 erhalten Studierende der ASH Berlin dann die Gelegenheit, sich an der Evaluation der Rückbegegnung von „BeTroit“ in Berlin zu beteiligen. Eine langfristige transnationale Hochschul-Kooperation beginnt.

 

Elke Josties
Professorin für Soziale Kulturarbeit mit dem Schwerpunkt Musik
josties@ avoid-unrequested-mailsash-berlin.eu


[1] Sunset Youth Service ist eine offene Jugendeinrichtung in freier Trägerschaft. Sie wird von Jugendlichen aus ganz San Francisco genutzt, vorwiegend von Jugendlichen aus Gangs. Es gibt mobile Angebote in Kooperation u. a. mit Schulen und Jugendhaftanstalten. Link: www.sunsetyouthservices.org/ Zugriff: 29.06.2016.

[2] Auszug aus der Transkription meines Interviews mit Ron Stueckle am 18.03.2016: There is one group who shot and killed. And so that is happening quite severely (...) We want to serve those kids, keep people safe.

[3] Auszug Interview mit Ron Stueckle. s. o.

[4] „Community Music in den USA“ ist das Thema einer explorativen empirischen Forschungsstudie, die ich im Wintersemester 2015/16 begonnen habe. Fachdiskurse, Konzeptionen und Praxisprojekte der Community Music in den USA werden vergleichend mit Sozialer Kulturarbeit (mit dem Schwerpunkt Musik) und Kultureller Bildung in Deutschland untersucht und analysiert.

[5] Konferenz an der University of Michigan zum Thema “Personal and Societal Transformation through Social Work and the Arts” in 2014 (mit Partnern der University of Southern California, Silver School of Social Work New York, the NYU Tisch School of the Arts, and Washington University in St Louis).

[6] Kurzzeit-Gastdozentur im September 2016, gefördert durch den DAAD.

[7] Ein Projekt der internationalen Begegnung zwischen sozial stark benachteiligten Jugendlichen und jungen Künstler_innen der HipHop- und Poetry-Szenen aus Berlin und Detroit, das in Berlin von Gangway (Straßensozialarbeit) und dem Verein „No boundaries e. V.“ und in den USA maßgeblich von Prof. Larry Gant (University of Michigan) initiiert, organisiert und unter Einbeziehung von seinen Studierenden begleitend erforscht wird. „BeTroit“ wird in Berlin durch den Projektfonds Kulturelle Bildung gefördert. Link: www.no-boundaries.de/english/betroit/ Zugriff: 20.06.2016.