Praxisforschung Geteilte Erinnerungen in Berlin

Abschluss des Projekts „Erinnerungsorte. Vergessene und verwobene Geschichten“

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Postkartenset zum Projekt "Verwobene Geschichten"

Mit einer Abschlusstagung im Jüdischen Museum Berlin endete am 16. September 2016 nach zwei Jahren das vom IFAF Berlin geförderte Projekt „Erinnerungsorte. Vergessene und verwobene Geschichten“. Rund 200 Besucher_innen nahmen an dem reichhaltigen Programm mit Lesungen, Vorträgen, Workshops und kulturellem Ausklang teil.

Ausgangspunkt des Projektes war die Frage, in welcher Weise es möglich ist, von marginalisierten Erinnerungen auszugehen und mit ihrer Hilfe Stadtgeschichte in einer globalhistorischen Perspektive zu erzählen. Umgesetzt wurde das Projekt von der Alice Salomon Hochschule Berlin, der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, dem Jüdischen Museum Berlin, Berlin Postkolonial, dem August Bebel Institut und dem Solidaritätsdienst International.

Im Ergebnis arbeitete das Projekt verschiedene Möglichkeiten heraus, anhand biografischer Zugänge und konkreter Orte, insbesondere aber durch thematische Bündelungen verwobene Geschichten zu erzählen. Sie handeln von geteilten Erinnerungen im Sinne gemeinsamer, aber auch auseinandergehender Bezüge zu historischen Ereignissen und aktuellen Narrativen.

Das zentrale Ergebnis des Praxisforschungsprojekts ist die Webseite www.verwobenegeschichten.de. Sie stellt eine vielfältige Informationsplattform für Lehrkräfte, Multiplikator_innen und die interessierte Öffentlichkeit dar und lädt Menschen dazu ein, Berliner Geschichte, Menschen und Orte anders kennenzulernen, digitalen Stadttouren zu folgen oder durch freies Navigieren auf der Seite eigene Touren zusammenzustellen.

Die ausgewählten „Orte“ erinnern daran, dass in Berlin seit Jahrhunderten Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Religion leben und arbeiten, sich gegen rassistische Stereotypisierung und Ausgrenzung organisieren, hier ihren Platz in der Gesellschaft beanspruchen und ihrer Toten gedenken. Sie werden unter den Rubriken „Gedenken und Mahnen“, „Soziale Bewegungen“ und „Arbeiten und Leben“ präsentiert. Einige Orte sind bereits online, weitere werden im Laufe der nächsten Monate hochgeladen.

Die unter der Rubrik „Menschen“ hinterlegten Geschichten erzählen, wie das Leben verschiedener Menschen, die zu „Anderen“ gemacht werden (u. a. Schwarze, Jüdinnen und Juden, Araber_innen, Rom_nja und Sint_ezza) mit der Geschichte Berlins verwoben sind. Sie zeigen, wie Berliner_innen of Color Deutungs- und Handlungsmacht über sich und ihr Leben (zurück)gewinnen. Zusätzlich zu den historischen Biografien sind insgesamt drei Video-Interviews und ein Audio-Interview auf der Webseite zu finden. Auch hier folgen weitere Berliner Geschichten.

Die „Touren“ verknüpfen Orte, Ereignisse und Lebensgeschichte*n zu thematischen Rundgängen, die die Stadt als Zentrum der Macht mit Geschichte*n des Alltags, der Aushandlung und des Widerstands gegenlesen. In der Tour „Unfreie Arbeit“ werden an neun Stationen verschiedene Formen unfreier Arbeit im Kontext von transatlantischer Versklavung, Kolonialismus und Nationalsozialismus thematisiert und die dahinterstehenden rassistischen Menschenbilder und Gesellschaftsbilder problematisiert. Ab Frühjahr steht eine Hörfassung dieser Tour auf der Webseite zur Verfügung. Die Features können dann heruntergeladen und gelaufen werden. Die zweite Tour „Koloniale Ordnungen“ widmet sich an acht Stationen der Verschränkung deutscher Kolonial- und Islampolitik vom Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und veranschaulicht, wie Wissen(schaft) und Macht zusammenwirken, zum einen in Blickregimen, zum anderen in politischer Herrschaft über Territorien und Menschen.

Die Webseite stellt die Ergebnisse des Praxisforschungsprojekts in einer verständlichen Sprache vor und zielt dabei auch auf Menschen, die sich mit historischen Ereignissen noch nicht allzu intensiv beschäftigt haben. Gleichwohl versucht sie, der Komplexität der Fragestellung gerecht zu werden und so Geschichte*n als verwobene und Erinnerungen als geteilte konkret werden zu lassen.

Weitere Informationen: 

Artikel zum Audioguide "Unfreie Arbeit und Rassismus"

Info-Kasten
Projekttitel
Erinnerungsorte. Vergessene und verwobene Geschichten
Projektlaufzeit
Oktober 2014 bis September 2016
Projektleitung
Prof. Dr. Iman Attia (ASH Berlin)
Kooperationspartner
Solidaritätsdienst-international e.V.
August Bebel Institut
Stiftung Jüdisches Museum Berlin
Berlin Postkolonial e.V.
Förderer
Institut für angewandte Forschung (IFAF Berlin)
Kontakt
Prof. Dr. Iman Attia, attia@ avoid-unrequested-mailsash-berlin.eu
Weitere Informationen:
www.verwobenegeschichten.de
www.jmberlin.de/erinnerungsorte