Forschung Die Baseballschlägerjahre – Soziale Arbeit und Polizei revisited

Ein Forschungsprojekt rekonstruiert Antworten der Sozialen Arbeit und der Polizei auf die rechte und rassistische Gewalt in den 1990ern in Ostdeutschland

Vergrößern: Ein Laptop auf dessen Bildschirm der Projektname steht, rechts daneben ein Bücherstapel
© Christin Jänicke

Das Jubiläumsjahr 2019/20 zum Fall der Mauer und der Deutschen Einheit hat die „Baseballschlägerjahre“[i] der 1990er-Jahre wieder in Erinnerung geholt. Betroffene und Beobachter_innen berichteten in den letzten Monaten verstärkt, wie kurz nach der Wende rechte Jugendliche mancherorts das Straßenbild dominierten und regelrecht Jagd machten auf Menschen, die nicht in ihr Weltbild passten. In diesen Jahren entwickelte sich ein spezifisches gesellschaftliches Milieu und eine politische Kultur, die bis heute nachwirkt: Einige Jugendliche von damals nehmen heute teil an rassistischen Demonstrationen, kandidieren für extrem rechte Parteien oder verüben rechtsterroristische Anschläge und Morde.

 

Jugendarbeit, Polizei und rechte Jugendliche (JUPORE)

Das Forschungsprojekt JUPORE geht der Entstehung dieses demokratiefeindlichen gesellschaftlichen Klimas auf den Grund. Es setzt sich mit Jugendarbeit, Polizei und rechten Jugendlichen in den 1990er-Jahren auseinander, um Erkenntnisse für die Fachdebatte als auch für die heutige Praxis zu erlangen. Als Kooperationsprojekt der ASH Berlin und der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin werden Perspektiven aus Sozialarbeitswissenschaft, Sozialpädagogik, Gender Studies sowie Politikwissenschaft und Polizeiwissenschaft miteinander verknüpft.

Der interdisziplinäre und multiperspektivische Zugang des Projektes ermöglicht, die politischen Prämissen zu identifizieren, unter denen seit der Wende sowohl die Soziale Arbeit als auch die Polizei agierte. Unsere Forschung rekonstruiert einerseits das damalige sozialarbeiterische Handeln, das vor allem am Konzept der „akzeptierenden Jugendarbeit“ orientiert war, als auch die polizeilichen Reaktionen auf das Erstarken der extremen Rechten. Dabei wollen wir auch fragen, wie sich das damalige weitgehende Fehlen dezidiert geschlechtersensibler und rassismuskritischer Perspektiven auf die Fachdiskussion und die praktische Arbeit ausgewirkt hat.

Regional fokussiert sich das Projekt auf die Bezirke Berlin-Lichtenberg und Cottbus-Sachsendorf – Gegenden, deren Alltag damals wie teils heute geprägt ist von einer hohen Anzahl an rechten Gewalttaten. Mögliche Ursachen hierfür sind vielfältig und komplex und müssen immer auch unter den Bedingungen und Perspektiven der Transformationsgesellschaft und vor dem Hintergrund der allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet werden. Dabei soll auch der Blick auf die Situation der Sozialen Arbeit und der Polizei gegen Ende der DDR geworfen werden, um nicht den einseitigen Narrativen der generellen Abwertungserfahrungen im Kontext der Wende zu verfallen.

 

Forschungsstart im Lockdown

Ein Forschungsprojekt zu beginnen, genau in dem Moment, in dem eine Pandemie die Welt in Atem hält, ist mit einigen Herausforderungen verbunden. Das betrifft einerseits die Konstitution eines Forschungsteams, welches sich zunächst ausschließlich auf dem Bildschirm kennenlernt und andererseits organisatorische Unklarheiten, welche Veranstaltungsformate wann, wie, und wo möglich sein werden. Verordnete Einstellungsstopps, welche eine Stelle im Team monatelang unbesetzt lassen oder geschlossene Bibliotheken und unerreichbare Zeitschriftenaufsätze aus den 1990er-Jahren – dies alles sind Gegebenheiten, die eine reibungslose Recherche und konzentrierte Arbeit beeinträchtigen. Und dennoch: Den Umständen entsprechend ist die Forschung gut im Zeitplan, es wurde viel interessantes Material aus Lichtenberg und Cottbus zutage gefördert und es herrscht Erleichterung darüber, wie gut alles auch trotz der widrigen Umstände laufen kann.

Zu hoffen bleibt, dass auch in den nächsten Monaten die geplanten projektbegleitenden Werkstattgespräche in abgewandelter Form stattfinden können. Bei diesen Gesprächen wollen wir mit Fachkräften aus Sozialer Arbeit, Polizei und Zivilgesellschaft in Austausch treten, um der Praxisnähe und Interdisziplinarität des Projekts gerecht zu werden.

 

 

Kurzinformation:

Projektname
JUPORE – Jugendarbeit, Polizei und rechte Jugendliche in den 1990er-Jahren
Projektzeitraum

April 2020 – März 2022
Projektleitung
Prof. Dr. Esther Lehnert
Prof. Dr. Christoph Kopke
Kooperationspartner
Hochschule für Wirtschaft und Recht (Berlin)
Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung (Berlin)
Emil Julius Gumbel Forschungsstelle – Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien e.V. (Potsdam)
Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit (Potsdam)
Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung (Berlin)
Förderer

IFAF – Institut für angewandte Forschung Berlin
Projektwebseite: www.ifaf-berlin.de/projekte/jupore/

 


[i] Unter dem Twitter-Hashtag #baseballschlaegerjahre erzählten Ende 2019 hunderte Menschen, wie sie in den 1990er- und 2000er-Jahren von Neonazis verfolgt, bedrängt und verprügelt wurden. Initiiert hatte den Hashtag der Journalist Christian Bangel, der seine Erfahrungen mit rechter Gewalt in einem Roman niederschrieb.