Tagungsbericht Den Blick auf das „Feld“ öffnen

Bericht von der 4. Tagung Soziale Diagnostik „Diagnostisches Fallverstehen“ in Berlin

Vergrößern: Prof. Dr. Peter Buttner rund Prof. Dr. Dieter Röh auf dem Tagungspodium an der ASH Berlin
Prof. Dr. Peter Buttner rund Prof. Dr. Dieter Röh auf dem Tagungspodium an der ASH Berlin

Vom 26. bis 27. Oktober 2012 öffnete die Alice Salomon Hochschule (ASH) Berlin für über 200 Teilnehmer_innen aus Studium, Wissenschaft und Praxis und über 40 Referent_innen ihre Türen. Unter dem Titel „Diagnostisches Fallverstehen: Klassifikation – Rekonstruktion – Integration“ veranstaltete der Masterstudiengang Klinische Sozialarbeit in Kooperation mit der Hochschule Coburg und der Fachhochschule Nordwestschweiz die 4. Tagung Soziale Diagnostik. Die drei vorangegangenen Tagungen fanden in Emden (Leitung: Prof. Dr. Dieter Röh), St. Pölten (Leitung: Prof. Dr. Peter Pantuček) und München (Leitung: Prof. Dr. Peter Buttner) statt. Unterstützt wurde die Tagung von den drei vorangegangenen Kooperationspartnern, der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit, der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und dem European Centre for Clinical Social Work.

Die Begrüßung erfolgte durch die Rektorin der ASH Berlin, Prof. Dr. Theda Borde, die den geschichtlichen Bogen der Entwicklung der Diagnostik Sozialer Arbeit kurz und prägnant darstellte. Sie machte deutlich, dass bereits Alice Salomon grundlegende Richtlinien für die psychosoziale Diagnostik und Behandlung erarbeitete, die bis heute jedoch nur teilweise umgesetzt sind. Die zentrale Forderung der Sozialen Arbeit, bei der Behandlung des „Falls“ immer den Blick auf das „Feld“ zu öffnen, bleibt somit bis heute bestehen.

Prof. Dr. Silke Gahleitner knüpfte zum Einstieg in die Tagung mit drei Thesen daran an:
(1) Soziale Diagnostik muss in der Lage sein, dialogisch mit den Klient_innen die Gleichzeitigkeit individueller, sozialer, ökonomischer und politischer Aspekte und Prozesse und deren Wechselwirkungen auszuleuchten.
(2) Soziale Diagnostik sollte in der Kontroverse zwischen rekonstruktiven und kategorialen Ansätzen in einen produktiven Diskurs treten.
(3) Soziale Arbeit sollte Diagnostik als unabdingbare Voraussetzung für Interventionen begreifen, sich darin etablieren und die Erkenntnisse wissenschaftlich evaluieren und weiterentwickeln. Dass auf diesem Gebiet der Anfang gemacht ist, zeigen die Publikationen der letzten 20 Jahre.

Prof. Dr. Peter Sommerfeld, Fachhochschule Nordwestschweiz, beleuchtete den Diskurs der letzten zehn Jahre mit den Spannungsfeldern Klassifikation versus Fallverstehen und Statuserhebung versus Prozess/Dynamik auf. Er stellte fest: Diagnostik ist, genau wie die Entwicklung der Profession Sozialer Arbeit, eine fortlaufende professionelle Prozessbildung. Kontroverse Diskussionen gehören zum Entwicklungsprozess der im Vergleich zu anderen Professionen jungen Sozialen Arbeit. Sommerfeld hob die Notwendigkeit der Kongruenz zwischen Professionalität und Adressat_innen hervor, ebenso den Austausch mit anderen Professionen im interdisziplinären Feld. In dem von der Forschungsgruppe der FHNW entwickelten Konzept „Integration und Lebensführung“ werden diese Komponenten in einem biopsychosozialen, systemisch basierten Modell zusammengedacht. Sommerfeld betonte dabei stets die Zielsetzung, Diagnosesysteme zu integrieren, ohne jedoch die Vielfalt der Methoden Psychosozialer Diagnostik zu vereinheitlichen. Identitätsbildung in einer Handlungswissenschaft, so Sommerfeld, entsteht durch einen konsolidierten Wissenskorpus, in dem Komplexität durch erschlossenes Wissen reduziert und durch den Kreislaufprozess von Forschung und Praxis immer wieder evaluiert und weiterentwickelt wird.

Die anschließende, von Prof. Dr. Gahleitner moderierte, Postervorstellung zeigte in anschaulicher Weise Diagnostik-Modelle unterschiedlicher Hochschulforschungsgruppen und Praxiseinrichtungen.

An den beiden Tagen fanden fünf parallele Symposien zu folgenden Themengebieten statt:
■    Diagnostik in der Kinder- und Jugendhilfe,
■    Exklusion/Inklusion,
■    Gesundheit/Rehabilitation,
■    Klassifikation für die Soziale Arbeit und Integration,
■    Lebensführung und Kooperative Prozessgestaltung.

Bearbeitet wurde der Gegenstand Diagnostik jeweils zunächst mit theoretischen Überlegungen und Konzeptionen, im zweiten Abschnitt in Bezug auf Möglichkeiten der Implementation in die Praxis und abschließend in Bezug auf Aspekte der Evaluation/Forschung. Die Symposien wurden von führenden Vertreter_innen verschiedener Ausrichtungen mit Vorträgen, Diskussionen und „Miniworkshops“ informativ und anregend gestaltet.

Der zweite Tagungstag begann mit dem Fachvortrag von Prof. Dr. Christian Schrapper, Universität Koblenz-Landau, der metaphorisch anhand der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende den ewigen Kreislauf vom Vergessen, Erkunden und Wiederentdecken der Diagnostik in der Sozialen Arbeit beschrieb. Die Zeit des Nationalsozialismus als unhintergehbare Erfahrung totaler Instrumentalisierung für menschenverachtende Zwecke zu erkennen und Schlussfolgerungen aus dieser Erfahrung und Erkenntnis zu ziehen, hält er für einen zentralen Aspekt in diesen Überlegungen. Die „langen 1950er-Jahre“ im traumatisierten Nachkriegsdeutschland zeigen nach Schrappers Untersuchungen die bis weit in die 1970er-Jahre hinein bestehenden menschenverachtenden Ausprägungen von Diagnostik. Mithilfe der Erfahrungen und der daraus gewonnenen Erkenntnisse schlug er den Bogen zu heutigen Entwicklungen und Fragestellungen. Die Dimension des Verstehens stehe nach wie vor zu wenig im Zentrum des diagnostischen Geschehens, die Kontroverse um Klassifikationen oder Rekonstruktion sei daher notwendig. Aufgabe der Sozialen Diagnostik sei es, doppelte Zugänge zu eröffnen: den Prozess des Selbstverstehens und Fremdverstehens für Adressat_innen und Professionelle anzuregen, Helfer_innen als Koproduzent_innen zu begreifen. Soziale Diagnostik erscheint auf diese Weise als eine Haltungsfrage von Menschenbild, Ethik und Menschenrechtsprofession.

In der Abschluss-Podiumsdiskussion zur „Zukunft Sozialer Diagnostik“ entlang der Überlegungen von Prof. Dr. Maja Heiner, moderiert von Prof. Dr. Ulla Peters, stellte Prof. Dr. Sabine Ader, Katholische FH Münster, heraus, dass Diagnostik mehr als die Anwendung von Instrumenten ist und Verstehensprozesse ermöglichen muss. Cornelia Rüegger, FHNW Nordwestschweiz, unterstrich die Notwendigkeit von Verfahren zur Komplexreduktion. Mit ihrer – im Anschluss an die Tagung preisgekrönten – Masterarbeit ist es ihr gelungen, einen Schritt der systemtheoretisch basierten Methoden-Integration zu vollziehen. Ihrem letzten Statement, dass Forschung mehr als bisher im konkreten Praxisbezug erfolgen muss, schloss sich Prof. Dr. Peter Pantuček (FH St. Pölten) an und nahm ergänzend Bezug auf den Vortrag von Schrapper. Pantuček trat dafür ein, die Unterschiede der verschiedenen Ansätze herauszuarbeiten und mehr in den Dialog darüber zu treten. Prof. Dr. Dieter Röh (HAW Hamburg) betonte als Aufgaben der Sozialen Arbeit in Zusammenarbeit mit der Forschung die Arbeit an Identität und Differenzierung Sozialer Diagnostik. Prof. Dr. Peter Buttner (Hochschule München) blickte zunächst auf Erreichtes. Den Begriff Diagnostik statt Analyse und Beschreibung zu verwenden, sei ein gemeinsames Anliegen geworden. Er nannte als nächste Aufgabe die Differenzierung der Methoden für die einzelnen Problembereiche, wie dies zum Teil in der Klinischen Sozialarbeit bereits geschehen ist.

Im Überblick betrachtet zeigt sich, dass der umfangreiche Fachaustausch lohnend und prozessfördernd ist. Die Anforderungen von und für Fachkräfte(n) sind gestiegen. In der Praxis muss präzisere Arbeit geleistet werden. Die Frage nach Checkliste und/oder Dialog ist noch nicht abgeschlossen. Zur Frage „Was ist der Fall?“ zeigten sich Unterschiede in der Falldefinition, die zu verschiedenen Herangehensweisen führen. Das Herausarbeiten der Unterschiede und Gemeinsamkeiten und die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis erscheinen als wesentliche Aufgaben, die als Voraussetzung für ein noch besseres professionelles Selbstverständnis der Sozialen Arbeit geleistet werden müssen.
Soziale Arbeit ist jedoch bereits seit vielen Jahren auf dem Weg zur Herausbildung eigener professioneller Methodik mit eigenen Qualitäten.

Ein großer Dank gebührt dem Veranstalterteam für die gelungene Organisation, die logistische und inhaltliche Planung und Durchführung dieser Tagung, nicht zuletzt für das reichliche und köstliche Catering! Zur Tagung ist im Psychiatrieverlag unter dem Titel „Psychosoziale Diagnostik“ ein Band erschienen, der zahlreiche ReferentInnen der Tagung mit ihren Überlegungen zu Wort kommen lässt.

Mehr Informationen unter:
www.klinischesozialarbeit.ch